Skurriles Netflix-Experiment: The Goop Lab ist ein faszinierender Fehlschlag

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The Goop Lab with Gwyneth Paltrow
12.03.2020 - 14:50 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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The Goop Lab mit Gwyneth Paltrow ist ein ausgenommen bizarres Netflix-Projekt. Ob die "Doku"-Serie einfach nur putzig abstrus oder sogar wirklich problematisch ist, lest ihr hier im Seriencheck.

Marvel-Star Gwyneth Paltrow ist nicht nur für ihr Schauspiel bekannt, sondern seit einigen Jahren auch für ihre Lifestyle-Marke Goop . Diese hat nun gemeinsam mit Netflix The Goop Lab with Gwyneth Paltrow ins Leben gerufen, eine der vielleicht bizarrsten Serien des Jahres. Es soll um ungewöhnliche Therapiemethoden und Lebenserfahrungen gehen. Aber wie (un)problematisch ist diese Pseudo-Dokureihe eigentlich?

Ich schultere pflichtbewusst mein Handtuch, packe die Gesichtsmaske aus und begebe mich für euch in dieses sagenumwobene Goop-Labor.

Die wichtigsten Erkenntnisse kurz und schmerzlos vorneweg:
  • The Goop Lab ist zumeist viel heiße Luft vor Pastellhintergrund
  • Thema sind (sehr) alternative Methoden für Therapie und Selbstoptimierung
  • Die Serie könnte ein paar Denkanstöße geben
  • Die undifferenzierte Behandlung bestimmter Themen ist aber ein großes Risiko
  • Jeder und vor allem jede, die das Thema interessiert, kann sich aber bedenkenlos Episode 3, "The Pleasure is Ours", ansehen. Die ist tatsächlich gut gemacht.

Viel hübsche Bilder, viel Aufgesetztheit: The Goop Lab ist furchtbar künstlich

Die erste Folge dreht sich um den Einsatz psychoaktiver Substanzen als Therapiemethode. In diesem Fall speziell Psilocybin, der Wirkstoff halluzinogener Pilze. Gwyneth Paltrows Goop-Team möchte seinen Geist öffnen und auf dem Trip alte Traumata verarbeiten. Alles, wie mehrfach betont, in einem "therapeutischen Setting".

Magic Mushroom-Tee für das Goop-Team.

Wir folgen den Teammitgliedern, wie sie fröhlich in den Flieger steigen, den Therapeuten zuhören und schließlich in ihrem Trip aufgehen. Anscheinend soll ich dabei eine Verbindung zu den Leuten aufbauen, doch das Gefühl, einfach nur dem Privatvergnügen einer privilegierten Minderheit beizuwohnen, lässt sich nicht abschütteln. Was sich noch viel mehr aufdrängt, ist das Gefühl der absoluten Künstlichkeit.

Es ist weniger der Inhalt (der das Potential hätte, intim und investigativ zu werden), sondern vielmehr die Machart. Der Schnitt ist gekünstelt. Wenn ich jedes Mal, wenn sich jemand öffnet, direkt einen Gegenschnitt zu einem ultra-verständnisvoll nickenden Freund oder Therapeuten sehe, fühlt sich das Ganze nur noch inszeniert an.

Style over Substance: The Goop Lab verschenkt sein Potential

Alles ist stromlinienförmig zusammengestückelt wie ein Hochglanzmagazin. Der Inhalt könnte faszinierend sein, denn im Grunde genommen geht es um alternative Therapiemethoden für Menschen, bei denen die Schulmedizin scheiterte. Das ist potentiell ein interessanter Einblick in Methoden, die manchen Menschen vielleicht wirklich helfen könnten.

Doch die wissenschaftliche oder zumindest sachliche Auseinandersetzung wird immer wieder durch die Inszenierung gestört. Ich tue mich unendlich schwer, einem Experten ernsthaft zuzuhören, wenn er eindeutig wie ein Dekoelement auf die Pastell-Farbgebung von Studio, Gwyneth Paltrows Rock und dem bonbonrosa Kostüm ihrer Contentmanagerin abgestimmt ist.

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow

Wenn es ganz ungünstig läuft, wie in Folge 2, die sich mit der von Wim Hof entwickelten Kältetherapie beschäftigt, kann die Inszenierung einen interessanten Ansatz sogar ins Lächerliche ziehen. Schnitt und Darstellung, die Wahl der Bilder (Wim Hof mit beinah manischem Gesichtsausdruck, ein Patient erzählt, während er einen Spagat hinlegt) nehmen dem Ganzen enttäuschenderweise das Gewicht und die Ernsthaftigkeit.

Zu viel Offenheit ist auch keine Lösung: The Goop Lab ist potentiell gefährlich

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow könnte eine gute Dokureihe sein. Stattdessen untergräbt sie die Wirkung der eigenen Themen, nimmt Profis die Möglichkeit zur Offenheit, und ist eine gefährliche Quelle von Halbwahrheiten und Unreflektiertheit.

Zwar wird vor entsprechenden Episoden betont, dass die Serie nur unterhalten und informieren wolle, und der Rat eines Arztes bei ernsten Themen unerlässlich sei. Doch das verkommt zur Randnotiz in einer Episode, die psychedelische Drogen beinah zum Allheilmittel hochstilisiert.

Zugleich antwortet der herangezogene "Experte" auf die Frage, ob unser Körper Trauma abspeichert, nur mit "Ich glaube schon". Extremes Trauma kann sogar die äußere Struktur unserer DNA verändern und weitervererbt werden, Herr Experte!

Team Paltrow nickt die Aussagen aber einfach begeistert ab. Es fehlt eine gesunde Skepsis. Differenzierte Sichtweisen Gegenargumente oder Fallbeispiele mit nicht nur positiven Erfahrungen sucht man vergebens. Alles ist gut, alles ist toll, nichts ist riskant. Wie wichtig professionelle Überwachung bei bestimmten Techniken ist, wird untergraben.

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow

Ich will Fräulein Paltrow nicht einmal böswillige Motive und pure Geldgier unterstellen (auch wenn ich guten Grund dazu hätte). Vielmehr habe ich das Gefühl, dass keiner der Beteiligten es besser wusste. Keiner kam auch nur auf die Idee, kritisch zu hinterfragen. Diese Blauäugigkeit ist so enthusiastisch dargestellt, dass sie ebenso gefährlich ansteckend ist wie gewisse Viren, die derzeit die Medien beherrschen.

Mit sehr viel Vorsicht genießen: The Goop Lab ist dennoch faszinierend

So problematisch die Herangehensweise der Redaktion auch ist: The Goop Lab beschreitet faszinierende Wege. Wer neugierig und offener ist, was alternative Therapien angeht, kann sich das gerne zu Gemüte führen, sollte aber eigene Recherchen anstellen und nichts für bare Münze nehmen.

Die Serie wird dann gut, wenn ihr die böse Wissenschaft nicht in die Quere kommt. Ausgerechnet die Folge über sexuelle Emanzipation bei Frauen mit die Interessanteste. Eine redelastige, sehr persönliche und intime Geschichte scheint eine sichere Komfortzone für das Goop-Team zu sein. Jedem, der hier nicht zimperlich ist, lege ich die Episode tatsächlich für ihre Ehrlichkeit ans Herz.

Beim Rest aber bitte, bitte vorsichtig sein. Und vielleicht nicht unbedingt auf Magic Mushrooms schauen, das könnte eventuell traumatisieren.

Als Basis für diesen Seriencheck dienten die ersten drei Episoden von The Goop Lab. Die 1. Staffel, die seit dem 24. Januar 2020 auf Netflix ist, umfast insgesamt sechs Episoden.

Podcast: Streaming-Empfehlungen, die besser als The Goop Lab sind

In der neuen Folge Streamgestöber - auch bei Spotify  - prüfen wir die gefeierten deutschen Serien Bad Banks und Babylon Berlin, die regelmäßig die Mediatheken zum Glühen bringen:

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