Wie ist der Polizeiruf heute?

Polizeiruf 110: Sturm im Kopf - George Clooney wäre stolz

Polizeiruf 110: Sturm im Kopf
© ARD/NDR
Polizeiruf 110: Sturm im Kopf

Hätte Tony Gilroy mangels Budget oder im Genuss deutscher Fördergelder seinen Wirtschaftsthriller Michael Clayton in Meckpomm drehen müssen, sähe er vielleicht aus wie Polizeiruf 110: Sturm im Kopf. Anzugträger am Rande des Nervenzusammenbruchs, rücksichtslose Killer und eine Handvoll Gerechter, die einer Übermacht strotzen, tummeln sich in Christian von Castelbergs Krimi. Nur scheint in Norddeutschland das Bild etwas schief, etwas weniger perfekt. Statt New York dienen Rostock und Umgebung als Kulisse, statt des silbergrauen Fuchses George Clooney ringt der dauerzerstrubbelte Charly Hübner mit den Scherben seines Familienlebens. Die Killer erst! In Michael Clayton derart professionell, dass ihnen filmisch nur mit einer ähnlich ausgeklügelten Plansequenz beizukommen ist. In Polizeiruf 110: Sturm im Kopf rinnt der Schweiß, zittert der Finger am Abzug, als stünde die Rente auf dem Spiel. Wahrscheinlich tut sie das auch. Was wohl ein Auftragsmörder in Mecklenburg-Vorpommern in der Stunde verdient?

Die Antwort wird Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) die Ohnmacht nicht bekömmlicher machen, welche sich ihnen an jeder Ermittlungssackgasse aufzudrängen droht. Im Team funktionieren die beiden Rostocker zunächst sowieso nicht. Bukow, der im letzten Krimi Polizeiruf 110: Familiensache von der Affäre seiner Frau erfahren hatte, straft Mitwisser und Beteiligte mit gewohnter Subtilität ab. Als im Brustkorb des Chefs der Hilgro Wind AG vier Kugeln gefunden werden, ist vom Overkill die Rede. Ein Mord ohne Distanz sei das, ein bisschen wie Bukow in diesem Krimi vorgeht. Der Verdächtige ist mit Systemtechniker Schwarz (Christian Friedel, hier in einem deutlich besseren Film zu sehen als Elser - Er hätte die Welt verändert) auch schnell gefunden. Nur stehen Bukow und König vor einem Problem: Der potentielle Erpresser und Mörder hält sich zwar nicht für Shiva, den Gott des Todes, leidet jedoch an einer dissoziativen Fugue, einer Persönlichkeitsstörung. Er kann sich an nichts erinnern. Ein "beneidenswerter Zustand", wie Bukow einmal meint.

Die Distanz geht in diesem Krimi so gut wie jedem ab, allerdings wäre Rostock nicht Rostock ohne Bukow, der für blutige Nasen sorgt und König, die mit ihrer Vergangenheit hadert. Der eine sieht überall betrügerische Ehefrauen, die andere muss eine alte Schuld begleichen. Alles wirkt aufgerieben in diesem Polizeiruf, was Hübners und Sarnaus Figuren ohne weiteres abzunehmen ist, weil wir hier über Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau reden, eine qualitative Selbstverständlichkeit gewissermaßen. Anderswo werden die feierabendlichen Sperenzchen der Ermittler einer auktorialen Zwangsstörung folgend in die Fälle eingebunden, was dann auch bei jedem Ausraster oder Heulkrampf auffällt. In Rostock gelingt es Drehbuchautor Florian Öller zum wiederholten Male, zu parallelisieren, ohne auszubuchstabieren. Das bleibt einer der praktischen Vorzüge dieses seltenen Langzeiterzählprojektes unter den Sonntagskrimis. Wie viel ist also von Bukows Ehe zu retten oder bietet sich Amnesie als einziges Heilmittel an?

David tritt einmal mehr Goliath gegenüber, wenn die beiden Kommissare zwischen darnieder liegenden Windradtürmen die Größen der grünen Energie vernehmen. Trotzdem ist Polizeiruf 110: Sturm im Kopf genauso wenig ein Investigativ-Krimi über die Machenschaften hinter den erneuerbaren Energien wie Michael Clayton einer über landwirtschaftliche Großkonzerne war. Angetrieben werden die Rostocker, anders als beispielsweise bei den geschundenen Tatort-Wienern, nicht durch den existenziellen Kampf gegen Verschwörungen auf höchster Ebene, gegen das System. Bei genauer Betrachtung fällt im Polizeiruf alles auf den Einzelnen zurück, auf den Kommissar zum Beispiel, der in seinen Verhaltensmustern gefangen bleibt. So fährt der menschliche Feuerlöscher Clayton gleichermaßen zerstört und befreit im Taxi davon, während Bukow im Familienkombi übernachtet. Vergessen können die anderen.

Mord des Sonntags: Overkill.

Zitat des Sonntags: "In dem Spiel hab ich den Längeren, Bitch."

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Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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