Thunder Force bei Netflix zeigt den wahren Horror des Superhelden-Daseins - das traut sich das MCU nicht

Thunder Force - Trailer (English) HD
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Thunder Force mit Melissa McCarthy und Octavia Spencer
12.04.2021 - 11:11 UhrVor 8 Monaten aktualisiert
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Bei Netflix gibt es jetzt den Superheldenfilm Thunder Force mit Melissa McCarthy und Octavia Spencer. Die Komödie legt mal eben den Körperhorror frei, vor dem das MCU zurückscheut.

Das Superhelden-Dasein ist ein schmerzhaftes, ekliges Geschäft. Immerhin durchleben die übernatürlich begabten Heroen von Marvel, DC und Co. fundamentale Wandlungen ihres Körpers, bevor sie zur Heldentat schreiten. Selbst Batman und Iron Man werden in ihren Anzügen vermutlich tagein, tagaus vom Dunst ihrer eigenen Schweißdrüsen verfolgt.

Handelt es sich jedoch gerade nicht um eine Actionszene, wird die Körperlichkeit des Heldentums in den ganz großen Superheldenfilmen der letzten Jahre kaum thematisiert. Nun zeigt ausgerechnet die neue Komödie Thunder Force bei Netflix, welch selten ausgeschöpftes Potenzial in dem Genre steckt.

Thunder Force neu bei Netflix: Worum geht's in der Superhelden-Komödie?

Thunder Force ist so etwas wie die nette Variante von Amazons Hitserie The Boys. In der alternativen Realität der Komödie erhalten ausschließlich Soziopathen Superkräfte. Deren Zerstörungswut gehört für Zivilisten zum Alltag. Wissenschaftlerin Emily (Octavia Spencer) arbeitet deshalb an einem Weg, auch normalen Menschen Kräfte zu verleihen. Irgendjemand muss schließlich etwas gegen die sogenannten "Miscreants" tun.

Schaut euch den deutschen Trailer für den Netflix-Film an:

Thunder Force - Trailer (Deutsch) HD
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Allerdings stand ihre alte Schulfreundin Lydia (Melissa McCarthy) nicht auf dem Plan. Lydia stolpert nämlich ins Labor und wird ungewollt zum Versuchskaninchen der Prozedur. Als Gangster/Bürgermeisterkandidat The King (Bobby Cannavale) die Stadt bedroht, tun sich die entfremdeten Freundinnen als Thunder Force zusammen.

Thunder Force ist kein besonders guter Film. Die Witze sind lau, das Drehbuch wirkt unfertig, die Inszenierung charakterlos. Noch ein Netflix-Film zum Vergessen, könnte man meinen, wäre da nicht das monströse Innenleben dieser Superheldinnen. Hervorgelockt wird es von einer der komödiantisch begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit: Melissa McCarthy (Can You Ever Forgive Me?).

Anders als im MCU: Thunder Force zeigt unerwartet viel Horror

Die Komödie von McCarthys Stammregisseur und Ehemann Ben Falcone (Tammy) stürzt sich auf abstruse Details des Superhelden- und Bösewichts-Daseins. Im körperlichen Unbehagen findet sie Material für Pointen, die McCarthy mit ihrer fantastischen Körperbeherrschung, mit grenzenloser Energie und präzisem Timing vor die Kamera zwingt.

Wie äußert sich der Horror in der Netflix-Komödie Thunder Force?

In dem Netflix-Film wird exorbitant viel Zeit für die schmerzhafte Prozedur aufgebracht, welche Lydia die übermenschliche Stärke schenkt. Als würden sieben Spinnen auf einmal Peter Parker beißen, stechen furchtbar lange Nadeln in ihr Gesicht. Rote Pusteln flammen auf ihren Wangen auf. Schmerzensschreie hallen durchs Labor. Mehrfach.

Thunder Force

Über Nacht entgleist Lydias Körper ihrer Kontrolle. An einem Morgen wacht sie mit monströsen Fingernägeln auf, an einem anderen mit Hasenzähnen. Ist die quälende Verwandlung überstanden, beginnt der schwitzige Alltag in den stinkenden Anzügen der Thunder Force. Ein Gag, der wie manch anderer des Films totgeritten wird.

Selbst Lydias Innenleben spielt verrückt, insbesondere was ihren Appetit auf rohes Hühnerfleisch betrifft. Wenn Lydia angeekelt und besessen gleichermaßen die glitschigen Stückchen wegschlabbert, bewegt sich Thunder Force in der Nähe von Vampir- und Monsterfilm.

Monster und Superhelden - das passt eigentlich gut zusammen

Auch im Superheldengenre gibt es Filme, die vor den monströsen Aspekten der Heldenverwandlung erschauern, etwa Batmans Rückkehr von Tim Burton, Tim Storys Fantastic Four oder Ang Lees Hulk.

In den jüngeren Filmen von Marvel Cinematic Universe (MCU) oder DC Extended Universe (DCEU) konzentriert sich die Darstellung viel mehr auf die Entdeckung der neuen Fähigkeiten oder die Tücken des Alltags. Beziehungen geraten unter Druck, Lügengebäude müssen errichtet werden, Schulnoten leiden. Mit großer Macht kommt in Thunder Force hingegen nicht nur große Verantwortung, sondern eine ungewollte Neuentdeckung von Körper und Gelüsten.

Der Höhepunkt des Netflix-Films ist eklig und lustig, aber vor allem sinnlich

Diese Neuentdeckung erreicht ihren (komödiantischen) Höhepunkt, als The Crab (Jason Bateman aus Ozark) auf den Plan tritt. Der Helfershelfer des Bösewichts zeichnet sich durch zwei Arme aus, die man auf einer Meeresfrüchte-Platte hübsch anrichten könnte. Halb Mensch, halb Krustentier, krabbelt Bateman durch den Film. Dank der betont günstigen Umsetzung ohne CGI wirkt seine Erscheinung umso grotesker, seine physische Präsenz unangenehm greifbar.

Thunder Force zeigt auf, wovor sich MCU und DCEU scheuen

Thunder Force

Jedenfalls entwickelt sich schnell eine befremdliche sexuelle Anziehungskraft zwischen Lydia und dem Krabbenmann. Finger streicheln über die orangene Schale, Kräuterbutter wird auf Scheren zerrieben. Beide landen im Bett. Irgendwo zwischen Ekel, Lachen und Unbehagen stolpert Thunder Force in eine offene Debatte des amerikanischen Superheldenfilms: Wo ist eigentlich der Sex?

In Thunder Force, einem familienfreundlichen Film, findet er erwartungsgemäß off-screen statt. Das kann also nicht als Ausrede für MCU und Co. durchgehen. Nichtsdestotrotz wirkt diese halbgare Komödie um ein Vielfaches sinnlicher als das Gros der Filme aus DCEU oder MCU mit ihren stählernen Muskeln, CGI-Anzügen und Massenschlachten.

Der grundlegende Ekel des Superheldendaseins macht im Verlauf von Thunder Force Platz für die Akzeptanz des eigenen Wesens. Schmerz verwandelt sich in Lust, sobald Lydia mit ihrer Kraft ins Reine kommt.

Appetit, Hunger und Begierde finden in der Netflix-Komödie deshalb einen Platz. Es sind elementare menschliche Gelüste, die die Avengers höchstens mit einem Schawarma in einer Abspannszene befriedigen dürfen.

Thunder Force steht ab heute Abonnent*innen von Netflix zum Abruf bereit.

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