Nach Mega-Enttäuschung: Der bessere Jurassic World-Film bietet grandiosen Tierhorror und das sogar ohne Chris Pratt

Jurassic World 3: Ein neues KönigreichUniversal
07.10.2022 - 19:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter war eine gewaltige Enttäuschung, dabei zeigt ein kleiner Tierhorrorfilm, wie Urzeitbestien-Unterhaltung richtig geht.

Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter hat zwar eine Milliarde Dollar an den Kinokassen eingespielt, war aber trotzdem die größte Dino-Katastrophe der letzten 65 Millionen Jahre. Das Finale der Sequel-Trilogie hat mit seiner aufgeblasenen Heuschrecken-Story und stümperhaften Inszenierung jede Lust auf weitere Fortsetzungen in der Luft zerfetzt.

Zum Glück gibt es dieses Jahr noch mindestens einen anderen Urzeitbestien-Film, in dem ein archaisches Biest Jagd auf Tierfreunde macht. Der kostete wahrscheinlich so viel wie Chris Pratts Wohnwagen am Set, aber bietet liebenswertere Figuren, Spielberg-Verneigungen und effektiv inszenierten Tierhorror. Sein Titel: Carnifex.

Der bessere Jurassic World-Film des Jahres spielt im australischen Outback

Carnifex ist das Regiedebüt des erfahrenen Schnittmeisters Sean Lahiff (Wolf Creek 2, Jungle) und wird im Rahmen des Festivals des phantastischen Films im spanischen Sitges gezeigt. Am Anfang stehen Aufnahmen verheerender Buschfeuer, die 2019/2020 über den australischen Kontinent herzogen. Flammen züngeln durch die Nacht. Es sind Bilder der totalen, menschengemachten Zerstörung. Der Rest des Films steht im Zeichen von Ian Malcolms berühmten Satz: "Das Leben findet einen Weg." Also abgesehen vom Leben der aufgeschlitzten Opfer der titelgebenden Bestie.

Von dieser ahnt die Dokumentarfilmerin Bailey (Alexandra Park) nichts, als sie sich mit den beiden Landschaftspfleger:innen Grace (Sisi Stringer) und Ben (Harry Greenwood) auf den Weg in die grünenden Wälder begibt. Sie wollen Tierarten dokumentieren, die vor den Feuern Zuflucht in fremden Revieren gesucht haben. Koalas, Kängurus und Wombats huschen über den Waldboden. In der Nacht erhellen Tiergeräusche die Luft wie ein Symphonieorchester. Das Leben quillt aus jedem Zentimeter Moos.

Carnifex

Das Trio genießt die erhabene Natur. Sie wollen entdecken und schützen. Stellt euch Alan Grant in Jurassic Park vor, aber statt eines Brachiosaurus starrt er begeistert in die riesigen Baumkronen einer urzeitlichen Welt, die der Mensch in Gefahr bringt.

In diesen Baumkronen versteckt sich neben Eulen aber auch ein tierischer Jäger, der durch die Feuer aus seinem angestammten Gebiet vertrieben wurde. Und wenn er in der Nähe ist, zieht eine gruselige Stille in den Wald ein.

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Carnifex macht Vieles besser als die Jurassic World-Filme

Wie bei Jurassic Park von Steven Spielberg sind die Hauptfiguren von Carnifex Nerds. Wir entdecken die Natur mit ihren Augen und diese Augen stecken voll Neugier und Bewunderung für die Geschöpfe im australischen Outback. Deswegen ist das dunkle Erwachen umso grauenvoller, wenn sich die Natur gegen diese Figuren wendet, die wir lieben gelernt haben.

Dafür braucht es keine Hollywood-Stars wie Chris Pratt und Bryce Dallas Howard, sondern ein Drehbuch mit genügend Geduld für Charaktermomente, welche die Handlung von Zeit zu Zeit pausieren. Wenn Ian Malcolm Ellie Sattler flirtend die Chaostheorie mit einem Tropfen Wasser auf dem Handrücken erklärt, ist das genauso wichtig für das schlussendliche Gelingen von Jurassic Park wie eine Raptor-Attacke.

Carnifex

Das Drehbuch von Shanti Gudgeon besitzt diese Geduld, die den Jurassic World-Filmen größtenteils fehlt. Chris Pratt hetzt in seinen Dino-Sequels von Plot-Meilenstein zu Plot-Meilenstein, ohne dass wir seinen Owen Grady näher kennenlernen. Carnifex dagegen steigert langsam die Spannung und den Grusel, während wir Bailey, Grace und Ben mit jedem nerdigen Gespräch über ihre Passion mehr ins Herz schließen.

Natürlich schauen sich die wenigsten Leute Tierhorrorfilme wegen ihrer Dialoge an – und die Jurassic-Filme sind neben Katastrophen- und Monster- auch Tierhorrorfilme. Abseits der Charakterisierung punktet Carnifex aber ebenfalls. Wenn die Nacht hereinbricht, die Vögel verstummen und die Äste sich unter dem Gewicht des wahren Jägers dieser Geschichte biegen, ist der Film vollends in seinem Element. Denn er folgt einer einfachen Weisheit: Es gibt wenig Gruseligeres im Kino als den Lichtkegel einer Taschenlampe, der in der Nacht zitternd das Dunkel erhellen soll. Erst recht, wenn er auf eine blökende Ziege mit einer niedrigen Lebenserwartung zeigt. Und davon gibt es auch eine im australischen Hinterland.

In etwas mehr als 90 Minuten kitzelt dieser kleine Independent-Film mehr Tierliebe, Angst und Spannung aus seiner Grundidee heraus als Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter aus 146 Minuten und 180 Millionen Dollar Budget. Carnifex ist eindeutig der bessere Jurassic-Film des Jahres und dabei kommt nicht mal ein Dino drin vor.

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