Rom Com vs. Lokalkolorit

Mit Bayern eine ganz heiße Nummer schieben

Die Telefonsex-Zentrale in Eine ganz heiße Nummer
© Universum
Die Telefonsex-Zentrale in Eine ganz heiße Nummer

Mit Eine ganz heiße Nummer kommt am 27. Oktober 2011 eine deutsche Komödie ins Kino, die sich traut, sich auf nationale Traditionen zu besinnen und nicht zu versuchen, einem auf Hochglanz polierten amerikanischen Vorbild nachzueifern. Die Geschichte der drei Frauen, die ihren Lebensmittelladen durch Telefonsex vor dem Bankrott retten, spielt in einem kleinen Städtchen in Bayern, die Figuren sprechen Dialekt, tragen Dirndl und plagen sich mit lokalen Problemen, wie der Stadtflucht und der Schließung der Glashütte. Auch was den Humor angeht, werden Fremdschämen und Fäkalwitze zu Gunsten solider Situationskomik vernachlässigt.

Im Gegensatz dazu spielten die großen deutschen Komödien des Sommers, What a Man und Männerherzen – und die ganz, ganz große Liebe, in anonymen und vollkommen austauschbaren Großstädten, die Lacher generierten sich zu großen Teilen aus den Peinlichkeiten der Hauptfiguren und die Geschichten hätten ohne Probleme auch in eine US-amerikanische Rom Com gepasst. Bei Eine ganz heiße Nummer aber ist das irgendwie anders und ich würde gerne herausfinden, woran das genau liegt. Daher möchte ich einmal folgendes Gedankenexperiment durchspielen: Was wäre, wenn Eine ganz heiße Nummer eine amerikanische Produktion wäre?

„A Very Hot Number“
In einer amerikanischen Version würden wir keine Frauen erleben, deren mittleres Alter wir ihnen auch ansehen, wie im Fall von Gisela Schneeberger (Waltraud) und Bettina Mittendorfer (Maria). Auch Darstellerinnen wie Rosalie Thomass (Lena) mit weiblichen Rundungen würden dort nicht zu sehen sein. Stattdessen stelle ich mir folgenden Cast vor: Jennifer Aniston als Hauptfigur, Sarah Jessica Parker und Miley Cyrus in den Nebenrollen. Letztere übernimmt aus offensichtlichen Gründen die Rolle der Lena, also des jungen Mädels, das um seine Unschuld fürchtet und sich nach dem Leben in der großen Stadt sehnt. Gemeinsam führen sie keinen drögen Lebensmittelladen, sondern eine schicke Modeboutique. Ihr größtes Alltagsproblem ist die angeblich Cellulite, die wir aber natürlich nicht sehen, denn obwohl zwei der Damen laut Drehbuch über 40 sind, könnten sie ebenso gut aus der aktuellen Top Model Staffel entsprungen sein.

Als dem Modegeschäft in einer texanischen Kleinstadt die Schließung droht, weil die große Shopping Mall ums Eck ihnen die Kunden klaut, machen die Damen aber keine Sexhotline auf, denn niemand kann und will sich Sarah Jessica Parker dabei vorstellen, wie sie Obszönitäten der untersten Schublade ins Telefon stöhnt. Vielleicht eröffnen sie einen Online-Versand für Reizwäsche, die sie an ihren eigenen Körpern präsentieren. Das verspricht schöne Szenenbilder für’s Plakat und macht die Frauen zu dem, was sei sein sollen: ein Sexobjekt. Damit es dann doch so richtig schmutzig wird, nehmen sie auch Sexspielzeug in ihr Repertoire mit auf, denn damit lassen sich viele lustige Slapstickeinlagen vorführen, die über die mangelnde Handlung hinwegtäuschen.

Am Ende jedenfalls werden sie erfolgreich von drei schönen Männern erobert: Patrick Dempsey schnappt sich Jennifer Aniston, Sarah Jessica Parker geht mit Hugh Grant nach Hause und Miley Cyrus endlich mit Zac Efron. Alle Kerle haben mächtig Kohle und die Damen müssen nie wieder arbeiten und können sich jetzt 24/7 um Diäten und Cellulite-Cremes kümmern.

Das Deutsche an Eine ganz heiße Nummer
Klar ließe sich oben beschriebene Rom Com ohne weiteres auf der ganzen Welt vertreiben und sei es nur, weil Jennifer Aniston in Strapsen so nett anzusehen ist (siehe auch Kill the Boss). Die Macher von Eine ganz heiße Nummer hingegen, haben sich ganz bewusst gegen Massentauglichkeit und für Lokalkolorit entschieden. Dass auch das durchaus deutschlandweit funktioniert, hat spätestens Wer früher stirbt, ist länger tot gezeigt. Und letztendlich spielt auch Der Schuh des Manitu, einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt, mit dem bayrischen Dialekt. Es muss aber nicht immer Bayern sein: Du bist nicht allein beispielsweise überzeugt mit Berliner Schnauze und Plattenbau-Flair.

Abgesehen vom Setting, bayrischen Traditionen und dem Mut zur Authentizität sind es auch die weiblichen Charaktere, die diese deutsche Komödie im Vergleich zu amerikanischen Werken auszeichnet. Hier dürfen die Frauen ihr Business ohne Unterstützung der Männer aufziehen und ihr Lebensziel besteht nicht in der Paarung mit einem gut gebauten Jüngling, sondern im Finden ihres ganz eigenen Weges. Der führt sie nicht immer in eine harmonische Paarbeziehung, die Lösung ist nicht immer der Status Quo. Die Frauen aus Eine ganz heiße Nummer dürfen, obwohl sie in der Sexindustrie arbeiten, mehr als nur akttraktive Objekte sein, die als passiver Spielball durch die Handlung geschubst werden wie z.B. in der amerikanischen Rom Com Er steht einfach nicht auf Dich. Sie dürfen sogar unsexy sein, müssen sich nicht ein einziges Mal ausziehen und dennoch besteht nie auch nur der leiseste Zweifel an ihrer Weiblichkeit. Vielleicht ist genau das der Punkt, der Eine ganz heiße Nummer als deutsche Komödie auszeichnet.

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