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Michael Haneke, der besondere Filmemacher

25.07.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Michael Haneke am Set von Liebe
© Wega Film
Michael Haneke am Set von Liebe
Loblieder sind gerne gesehen, vor allen Dingen, wenn sie auf Menschen gesungen werden, die sie sich verdient haben. Diese Ehre wird heute Michael Haneke durch den moviepilot-User Limenator zuteil.

Michael Haneke ist für mich einer der besten Regisseure der Welt, der beste deutschsprachige Filmemacher (geschweige denn österreichische) und einer meiner Lieblingsregisseure. Haneke ist ein Ausnahmeregisseur, was heißt, dass er gewisse Dinge in seinen Filmen grundverschieden macht als andere Regisseure. Aus der europäischen Filmbranche ist er nicht wegzudenken, auch weil er großen Einfluss auf andere Filmländer hatte (Schlagwort: französische Filme). Über Hanekes großartige Arbeit möchte ich hier ein paar Worte verlieren.

Erstaunlich ist, das alle Filme von Haneke, egal ob aus frühen Jahren seiner Arbeit (Benny’s Video, Funny Games) oder seiner neueren Arbeit (Caché, Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte), bis aufs kleinste Detail einfach perfekt sind. Das reicht von Dialogen und Drehbuch, über Szenenbild, Kameraeinstellungen und Ausstattung, bis hin zum Schnitt. Michael Haneke ist laut eigener Aussage perfektionistisch – in seinen Filmen spiegelt sich dies sehr eindeutig wieder.

Seine Filme unterscheiden sich in einem Punkt von den meisten anderen Filmen: Hanekes Arbeit ist sehr realitätsnah. Es wird kaum Musik verwendet, die nicht auch wirklich am Ort des Geschehens zu hören ist, und die Dialoge sind nicht immer von Belang, fast so wie in der Realität. Dies erzeugt den Effekt, dass man mit den Charakteren mehr als nur mit lebt. Jedes Gefühl, sei es nun das erdrückende Gefühl in einer unangenehmen Lage zu sein, oder die unvorstellbare Situation, Angst um sein Leben zu haben, springt durch diese kühle Art eine Geschichte zu erzählen, zum Zuschauer über. Mögen diese Szenen auf den ersten Blick distanziert wirken, so stellt man bald fest, dass man schon längst Gefühle für die Charaktere entwickelt hat.

Das faszinierende an Michael Hanekes Arbeit ist, wie es seine Filme schaffen, mich immer wieder in ihren Bann zu ziehen. Betrachtet man eine einzelne Szene, wirkt diese meist übertrieben langsam und ohne Handlung. Doch im Verlauf des Films betrachtet, ist einfach alles perfekt inszeniert. Viele Pausen haben den Sinn, das Gesehene zu verarbeiten, sowie jeder Schnitt zu einem weiteren Ereignis den Sinn hat, die Konzentration des Betrachters erneut für sich zu gewinnen. Ich persönlich glaube auch, dass Michael Haneke hier oft mit dem Zuschauer spielt. Dazu weiß ich eine persönliche Geschichte: Ich überredete einen zwar filminteressierten, jedoch recht Mainstream-behafteten Freund dazu, mit mir Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte anzusehen. Als der Film losging und der Vorspann (wie in den meisten Haneke-Filmen) ohne Ton war, zog mein Freund das Handy heraus, schrieb SMS und begann sich zu langweilen. Er fragte, ob der Film endlich losgehen würde. Dann begann der Monolog des Lehrers. Mein Freund hat das Handy den gesamten restlichen Film nicht mehr herausgezogen oder auch nur ein Wort geredet. Dies passte noch dazu gar nicht zu ihm, da er sonst auch während Filmen über dies und das zu sprechen begann. Haneke hatte meinen Freund in seinen Bann gezogen und ihn 2 1/2 Stunden gefesselt.

Was Michael Haneke noch einzigartig macht, ist, dass er einen anderen Zugang zur Bildsprache hat. Natürlich, alle seine eingefangenen Bilder (z.B. die Rasierklingen-Szene in Caché) haben eine eigene Spannung in sich, mit der der Regisseur geschickt umgeht. Jedoch sorgt Haneke auch dafür, dass man sich vom Film nicht nur berieseln lässt und ihn dann wieder schnell vergisst, indem er sehr wichtige Stellen in der Handlung der Fantasie des Zuschauers überlässt. Streng gesehen “stiehlt” ein Film ja eigentlich die Bilder aus der Fantasie des Zuschauers, und gibt ihm gar nicht die Möglichkeit sich selbst etwas vorzustellen. Hier macht Haneke etwas anders: Zum Beispiel in seinem Film Funny Games überlässt er unserer Fantasie, was mit dem Familienvater Georg passiert. Zwei brutale Mörder schreiten in seine Richtung, man hört seine Schreie, doch die Kamera hält stur auf seine Frau, die diese Qualen beobachten muss. Hier kann sich jeder Zuschauer selbst vorstellen, was passiert. Michael Haneke will hier auf keinen Fall sagen, dass alle Filme, die die brutalen Bilder zeigen, “schlecht” sind, er zeigt nur auf, dass das “Nicht-zeigen” einer Gewalttat viel grausamer sein kann, als das “Zeigen” eines Massakers. Dies unterlegt Haneke in Interviews oft mit einer Metapher: Bei einem Horrorfilm ist die Szene, in der die Tür knarzt und der Mörder dahinter steht oft viel angsteinflößender, als der Moment, in dem dann eine Fratze im Bild steht und “Buuuh” schreit.

Auch die Handlung in Haneke-Filmen ist meist eigen. Haneke greift Geschichten aus dem Leben. Seine Plots könnte man genau so gut objektiv geschrieben in der Zeitung wieder finden: “16-Jähriger Sängerknabe entpuppt sich als brutaler Mörder seiner Freundin” würde für Bennys Video passen; oder Spoiler “Mann zerschneidet sich die Kehle wegen Kindheitstrauma” Spoiler Ende für Caché. Die Dialoge sind in keinem Augenblick gestellt und erinnern mich öfter als nur einmal an die Gespräche in der Realität.

Michael Haneke ist einer der bedeutendsten und interessantesten Regisseure der letzten 20 Jahren und hat eine unglaubliche, unvergleichliche Art seine Ideen zu realisieren und dem Zuschauer nahe zu bringen. Seine Filme unterscheiden sich von Grund auf von meinen anderen Lieblingsfilmen und trotzdem werde ich in meinem Herz immer ein kleines bisschen Platz für ihn und seine Filme haben.


Vorschau: Nächste Woche bekommt eine berührende Filmperle die verdiente Aufmerksamkeit.


Dieser Text stammt von unserem User Limenator. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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