Kevin Spaceys peinlicher Comeback-Versuch zeigt die Schattenseite des Festivals von Cannes

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Kevin Spacey plant in Cannes sein Comeback
17.05.2022 - 18:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Heute werden die Internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet, ein Ort der alles zwischen Sozial-Drama und Fantasy-Epos vereint – auch Kevin Spacey.

Die Filmfestspiele von Cannes sind wie eine exklusive VIP-Party mit 5-Sterne-Hors-d'œuvres, aber wenn du auf dem Weg zur Bar einmal falsch abbiegst, stolperst du geradewegs in den Schlund der Hölle. Das liegt weniger an der knallenden Sonne und eisigen Klimaanlagen oder dem (Kasten-)System der Akkreditierungen, das dir verlässlich zeigt, wie viel weniger du im Vergleich zu deinen Kolleg:innen wert bist. Cannes ist Himmel und Hölle, grenzenlose Filmideale und rücksichtsloser Kommerz. Kevin Spaceys Comeback-Versuch beim diesjährigen Festival belegt das.

Kevin Spacey plant mit 2 Filmen sein Comeback und Cannes ist behilflich

Eine kleine Entwarnung gibt es: Kevin Spacey ist nicht im offiziellen Wettbewerb des Festivals vertreten. Keiner seiner Filme geht ins Rennen um die Goldene Palme. Er steht auch nicht im Programm von parallelen Sektionen wie der Directors Fortnight oder der Critics' Week. Trotzdem war Spacey eines der ersten Gesichter, das ich heute, am Tag der Eröffnung des Festivals, gesehen habe. Der Mann, der seit der Enthüllung zahlreicher Vorwürfe sexuellen Missbrauchs 2017 nur noch durch Fremdscham induzierende YouTube-Videos auf sich aufmerksam machte, drängt zurück ins Filmgeschäft.

Gleich zwei seiner Filme werden beim Filmmarkt in Cannes angepriesen. Das ist eine Art Parallelwelt im Bauch des Festivals, in der täglich über den weltweiten Verkauf von Tausenden Filmen diskutiert wird. Normalerweise macht der Filmmarkt durch amüsante Poster skurriler Projekte auf sich aufmerksam. Dieses Jahr gibt er Einblick in den Versuch, Kevin Spacey wieder als tragbaren Filmstar zu etablieren.

Der eine Spacey-Film heißt 1242 – Gateway To The West. Der andere trägt den Titel Peter Five Eight und wird mit diesem peinlichen Poster in den Festival-Magazinen beworben, das vermutlich mehr Stoff zur Tiefenanalyse bietet als die neuen Filme von Ruben Östlund, David Cronenberg und Claire Denis zusammen:

Die Werbung für Peter Five Eight

Die Meme-würdigen Gesichter von Spaceys Co-Stars und seine generische Killer-Pose, die vermutlich aus dem Cover eines DTV-Schinkens kopiert wurde, fallen zuerst auf. Aber man beachte die zynische Tagline, die selbst die niedrigen Standards von Filmmarkt-Postern unterbietet:

The guilty always pay the price.

Was genau der Preis ist, den die Schuldigen im Film zu zahlen haben, bleibt der Fantasie überlassen. In der Realität sieht die Rechnung offenbar so aus: Dutzende erheben Missbrauchsvorwürfe, also verschwindet man ein paar Jahre in der Villa seiner Wahl, dann folgt die Rückkehr in die offenen Arme der Geldgeber.

Die großen Sci-Fi- und Fantasy-Highlights im Programm sind nur die Spitze des Cannes-Eisbergs

Das ist eben auch Cannes, nur sieht man davon beim Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich kaum etwas. Bei der Pressekonferenz der Wettbewerbs-Jury um Vincent Lindon wurde am heutigen Dienstag darüber diskutiert, wie sich das Festival in Sachen Repräsentation weiter entwickelt, ob man die Filme im Kontext des Krieges in der Ukraine anders sieht und was das Medium überhaupt bewirken können. Das ist sozusagen die Spitze des Cannes-Eisbergs, auf der den großen Namen des Weltkinos gehuldigt und neue kreative Stimmen entdeckt werden.

Auf dieser Spitze sitzt ein (von Kontroversen kaum freier) Hollywood-Star wie Tom Cruise (Top Gun 2: Maverick) neben eigensinnigen Autorenfilmer:innen wie David Cronenberg (Crimes of the Future) und Mia Hansen-Løve (An einem schönen Morgen). Da macht es sich Mad Max-Regisseur George Miller mit seinem Fantasy-Epos Three Thousand Years Of Longing gemütlich, während Hirokazu Koreeda mit seinem kleinen Drama Broker Platz nimmt. Unter der Wasseroberfläche sieht es ganz anders aus.

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Man könnte den ganzen Tag schwärmen über das famose Programm, die großen Namen und die Vorfreude auf das Unbekannte. Zum Filmfestival von Cannes gehört allerdings, dass die verträumte Filmliebe in Sekundenschnelle auf den Boden der Tatsachen stürzt. Entweder weil man es nun mal mit einem Geschäft zu tun hat, auf dessen Gewissen man keinen Cent setzen sollte. Diese Schattenseite wissen die Verantwortlichen von Spaceys neue Filme für sich zu nutzen.

Oder man stürzt aus einem viel einfacheren, netteren Grund kopfüber aus dem Festival-Himmel: Weil die Filme furchtbar sind. Zumindest was das angeht, kann Cannes seinen guten Ruf dieses Jahr noch verteidigen.

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