Midway: Roland Emmerich über den Geruch des Kinos

Roland Emmerich am Set von Midway
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Roland Emmerich am Set von Midway
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Zuerst kamen Aliens auf die Erde, ehe eine Riesenechse durch die Straßen von New York stampfte und ein unglaubliches Maß an Zerstörung anrichtete, das nur von der Eiszeit und dem kompletten Weltuntergang übertroffen werden konnte. Roland Emmerich hat im Lauf seiner Karriere einige große Geschichten auf die Leinwand gebannt, vorzugsweise im Gewand von Science-Fiction- und Katastrophenfilmen.

Für sein jüngstes Werk, Midway - Für die Freiheit, wendet er seinen Blick jedoch in die Vergangenheit. Historische Stoffe erkundete er bereits mit Der Patriot und Stonewall, von den prähistorischen Abenteuern in 10.000 BC ganz zu schweigen. Die Schlacht um die Midwayinseln liegt zwar nicht so weit zurück, markiert aber dennoch ein wichtiges Ereignis in der Geschichte.

Roland Emmerich im Interview über Midway - Für die Freiheit

Vom 4. bis zum 7. Juni 1942 kämpfte die United States Navy gegen die Kaiserliche Japanische Marine. Einer der Auslöser war der Angriff auf Pearl Harbor, der sich ein Jahr zuvor ereignete. Die amerikanischen Streitkräfte versenkten vier japanische Flugzeugträger im Rahmen der Schlacht, sodass sich Japan fortan in der Defensive befand - ein Wendepunkt im Pazifikkrieg.

Anlässlich des Kinostarts von Midway - Für die Freiheit haben wir uns mit Roland Emmerich in Berlin getroffen, um über sein Schaffen und seinen neuen Film zu reden.

Moviepilot: Ihre Filme strahlen stets ein Gefühl von Größe aus, nicht nur im Hinblick auf epische Bilder. Auch die Geschichten, die Sie erzählen, besitzen ein bemerkenswertes Ausmaß. Woher kommt die Faszination für diese Größe?

Roland Emmerich: Das kommt von den Filmen, die mich selber als Jugendlicher, als junger Mann bewegt haben. Ich weiß noch ganz genau: Ich war schon angenommen an der Filmhochschule in München und habe eine Freundin in Paris besucht, die da Mode studiert hat.

Auf der Chaussee Elysee habe ich plötzlich ein Plakat gesehen: Close Encounters of the Third Kind, also Unheimliche Begegnung der dritten Art. Der Film war in Englisch. Wir sind dann da reingegangen und das wurde mein absoluter Lieblingsfilm - bis heute! Ich bin gleich wieder reingegangen, drei, vier Mal. Wenn man sich alle meine Filme anguckt, dann sieht man den Einfluss von diesem Film gewaltig.

Es waren ganz normale Menschen, relativ verschiedene Charaktere, François Truffaut mit seiner Truppe, der Richard Dreyfuss als Elektriker mit seiner Familie, viele Familien-Storys, Kinder und ein großes bewegendes Ereignis. Das kann jetzt eine Katastrophe sein, das kann ein Krieg sein, aber es ist immer die Familie - wie sich Leute gegen etwas stellen. Von daher kommt das.

In einem Blockbuster-Kino, das sich ständig zu übertreffen versucht - kommt man da als Regisseur irgendwann an den Punkt, an dem man merkt, dass sich diese Geschichten in ihrer Dimension nicht mehr steigern lassen?

Nein, man verliebt sich in irgendwelche Geschichten und Charaktere. Man schreibt immer konstant etwas. Ob das gemacht wird oder nicht - das zeigt sich mit der Zeit. Ich habe jetzt auch gerade ein Drehbuch entdeckt, das ich vor 20 Jahren mit einem jungen Schreiber entwickelt habe.

Das ist etwas völlig Unspektakuläres. Es handelt über Dreharbeiten in der Stummfilmzeit. Ich fand das super interessant und habe es jetzt meinem Agenten gegeben und habe gesagt: "Wow, das ist das beste Skript, das ich in einer sehr langen Zeit gelesen habe. Ja, das machen wir dann irgendwann mal."

Ich muss das auch so erklären: Wenn ich heutzutage privat ins Kino gehe, schaue ich meistens nicht die großen Filme. Ich meine, ich muss mir die auch angucken, aber aus professioneller Perspektive.

Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist Cinema Paradiso, weil es da um einen Regisseur und um die Liebe zum Kino geht. Allein wie der erzählt ist mit seinen Rückblenden - das gefällt mir immer gut. Das war einfach eine runde Sache. Und am Ende, wenn [Philippe Noirets Alfredo] diese Dose findet mit diesen ganzen Küssen - das ist eine der bewegendsten Szenen, die ich je gesehen habe.

Weil Sie gerade Regisseur sagen: In Midway habe ich John Ford entdeckt. Haben Sie sich seinen Kurzfilm über die Schlacht von Midway zur Vorbereitung angeschaut?

Ja. Es ist nicht der beste Film, den er gemacht hat. Ich finde seine Spielfilme sehr viel besser. Aber was mir da aufgefallen ist: Da gibt es einen Film, der im nächsten Jahr gedreht wurde und der heißt The Fighting Lady. Der erzählt von dem Leben auf einem Flugzeugträger. Der ist in Farbe, 16mm und eine Stunde lang. Das war für uns dann die Bibel - wie alles hergegangen ist und ausgesehen hat.

Gab es noch weitere Einflüsse?

Ein wichtiger Kriegsfilm war für mich immer die Die Brücke von Arnheim, A Bridge Too Far. Wenn man sich Die Brücke von Arnheim und Midway anguckt, das sind sehr ähnliche Filme, obwohl sie von sehr unterschiedlichen Situationen erzählen.

Die Brücke von Arnheim erzählt vom Vormasch ins deutsche Feindesland - und da werden auch deutsche Generäle, also die deutsche Seite, gezeigt, aber nur die Generäle. Wir haben das auch so gemacht. In unserem Film siehst du auch nur die Admiralität.

In seinen ersten Minuten erweckt Midway den Schein, auf Film gedreht worden zu sein, obwohl er digital gedreht wurde. Hätte Sie gerne auf Film gedreht?

Das verstehe ich überhaupt nicht, was da zwischen Digital und Film passiert. Die Resolution, die ich [bei Midway] hatte, war mehr als 70mm. Und wenn Leute heutzutage mit 70mm oder mit 35mm drehen, ist die Qualität nicht mit Digital zu vergleichen. Digital ist so viel besser. Und dann am Ende wird selbst das, was mit 70mm gedreht wurde, digital produziert.

Die Leute reden da über den Geruch von Film. Alles, was ich im Kino rieche, ist Popcorn. Ich verstehe das nicht. Diesen Wunsch, dass es wieder zurück zum Filmmaterial geht. Filmmaterial - das ist von gestern! Die Qualität von Digital ist bei Weitem besser als bei Film, selbst wenn du 70mm drehst.

Und selbst bei Midway war das nun keine Überlegung, um den Film in seinem historischen Kontext authentisch wirken zu lassen?

Ne, das kannst du digital super imitieren. Wir haben natürlich versucht, ihn wie einen Film aus der Zeit aussehen zu lassen, aber nicht zu sehr. Das kann man natürlich auch auf Film drehen, aber selbst dann muss alles noch digital bearbeitet werden. Und das vergessen die Leute.

Als Kriegsfilm beruht Midway auf tatsächlichen Ereignissen. Wie wiegt man da als Filmemacher zwischen der historischen Genauigkeit und der Verzerrung von wahren Begebenheiten zugunsten der Dramaturgie ab?

Es gab Diskussionen, aber wir haben uns immer für die Realität entschieden. Das war von Anfang an die Idee. Ich habe irgendwann mal eine Dokumentation gesehen, vor 20 Jahren, und da habe ich sofort entschieden: Da mache ich jetzt einen Film draus.

Da gab es diese ganzen Elemente: Die jungen Piloten, die Navy Intelligence und dann die Japaner, die mit ihrer Doktrin untergegangen sind. Eigentlich waren sie die Stärkeren, aber sie sind nicht richtig zum Zug gekommen.

Ich glaube, wenn die gewusst hätten, dass die Amerikaner schon in Wartestellung lagen, hätte sie die alle mit ein, zwei Schlägen zerstört. Aber das wussten sie nicht. Für mich ist also die Realität das Wichtigste in so einem Film.

Wie verträgt sich ein Kriegsfilm mit dem Spektakel? In Midway sehen wir zum Beispiel eine heroische Geschichte, aber gleichzeitig passiert da etwas ganz Furchtbares.

Das ist so, wie wenn man bei einem Verkehrsunfall hinsieht, obwohl es schrecklich ist. Das Einzige, was man sich wirklich überlegen muss, ist die Moral beim Filmemachen. Du musst sagen: Ist das wichtig? Sagt das etwas über unsere heutige Zeit aus?

Wenn man sich das genauer anschaut, dann waren das junge Menschen, die ihr Leben geopfert haben, um Faschismus zu bekämpfen. Wenn du dir unsere heutige Gesellschaft anschaust mit den Flüchtlingen - wie plötzlich alles wieder patriotischer, nationalistischer wird. Wie Rechtsparteien, also faschistische Parteien, wieder überall auftauchen.

Da denkst du dir: Es ist vielleicht die richtige Zeit, um den Leuten zu zeigen, dass es irgendwann mal einen Krieg gab, wo Demokratie und Freiheit gegen Faschismus ... zum Glück haben die Demokraten gewonnen. Kannst du dir vorstellen, was passiert wäre, wenn die Amerikaner nicht in diesen Krieg eingetreten wären? Deutschland würde völlig anders aussehen. Völlig anders.

Das Interview wurde zur Leserlichkeit gekürzt und verdichtet. Midway - Für die Freiheit startet heute, am 7. November 2019, in den deutschen Kinos.

Werdet ihr euch Roland Emmerichs Midway im Kino anschauen?

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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.
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