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Mein Herz für Klassiker

Ich, Das Fenster zum Hof & das Fernglas

22.06.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Mein Herz für Klassiker: Das Fenster zum Hof
© Universal
Mein Herz für Klassiker: Das Fenster zum Hof
Zuschauer und Hauptfigur werden in Das Fenster zum Hof Zeugen mysteriöser Ereignisse. In unserer Rubrik Mein Herz für Klassiker geht es diese Woche um Hitchcocks Voyeurismus-Thriller aus dem Jahre 1954.

Diese Woche verneige ich mich vor dem Master of Suspense. Mein Herz für Klassiker schenke ich Alfred Hitchcock für sein überragendes Werk Das Fenster zum Hof. Zur Einstimmung möchte ich kurz den Inhalt des Films umreißen: L.B. Jefferies (James Stewart) ist Fotograf und es gehört zu seinem Job, quer durch die Welt zu reisen, um vor Ort zu sein und das zu fotografieren, was die Menschen sehen wollen. Nun hat Jeff sich jedoch bei den waghalsigen Aufnahmen zu einem Autorennen ein Bein gebrochen und ist für die nächsten Wochen an den Rollstuhl gefesselt. In der Sommerhitze kommt er kaum zur Ruhe und die Langeweile vertreibt sich der neugierige Abenteurer mit seinen Nachbarn, die er heimlich, still und leise beobachtet. Der Hinterhof mit den vielen Wohnungen gegenüber bietet dazu die ideale Möglichkeit. Zwischendurch bekommt er Besuch von seiner Verlobten Lisa (Grace Kelly) und auch die Pflegerin Stella (Thelma Ritter) sorgt für sein Wohl. Doch Jeffs voyeuristischer Zeitvertreib wird für ihn fast zu einer Art Sucht, denn in der Wohnung gegenüber passieren seltsame Dinge. Ist er etwa einem Mörder auf der Spur?

Warum ich Das Fenster zum Hof mein Herz schenkte
Mittendrin statt nur dabei – das trifft auf diesen Film zu wie auf keinen zweiten. Mit dem Protagonisten können wir uns als Zuschauer voll und ganz identifizieren. Wir erleben seine Beobachtungen aus seiner Perspektive, fast den kompletten Film über. Wir blicken durch Jeffs Augen bzw. durch sein Fernglas und werden zum voyeuristischen Mittäter, der die Grenzen der Intimität überschreitet und sich dabei vollkommen im Recht sieht. Mit einzigartiger Spannung inszeniert Alfred Hitchcock eine Art Kammerspiel über eine so simple Geschichte, die aber durch die großartige Kameraperspektive und die besondere, weil authentische Geräuschkulisse besticht und damit in die Filmgeschichte einging.

Warum auch andere Das Fenster zum Hof lieben werden
Hier wird die sensationsgeile Gesellschaft in ihrer Gier nach Unterhaltung vorgeführt. Nach all den Jahren hat sich doch bis heute nichts daran geändert, vielleicht ist es sogar noch schlimmer geworden. Gemeinsam mit der Hauptfigur darf nun aber jeder Zuschauer genüsslich beobachten, was sich bei den Nachbarn und im Hinterhof so abspielt. Jeder, der sich nie zu spannern wagte, kommt hier nun endlich zum Zuge. Jeder, dessen Hauptbeschäftigung das Beobachten der Mitmenschen ist, kann bei diesem Film neidisch werden, denn ist es nicht genau das, was sich so mancher Spanner herbeisehnt? Einen kleinen Fehltritt eines Mitmenschen zu beobachten, kann ja doch recht unterhaltsam sein oder für inneren Triumph sorgen. Geht es aber um Mord – wow, das ist der voyeuristische Jackpot, wie ein Sechser im Spanner-Lotto!

Warum Das Fenster zum Hof einzigartig ist
Alfred Hitchcocks Werke sind unnachahmlich, denn der Meisterregisseur schaffte es, großartige Schauspieler, eine fesselnde Geschichte mit genau der richtigen Prise Humor zu kombinieren. Beim Filmgenuss darf nicht nur stets danach gefragt werden, ob Jeff mit seiner Beschuldigung nun richtig liegt oder nicht, sondern zwischendurch spielen sich in den benachbarten Wohnungen amüsante Szenen ab, über die sich der Zuschauer köstlich amüsieren kann. Und beim Anblick der netten Damen aus der Nachbarschaft kann er sich fast über die öden eigenen Nachbarn ärgern. Die tanzende Miss Torso (Georgine Darcy) als Nachbarin – da stünde doch so mancher gern am Fenster und würde wie Jeff das Fernglas zücken.

Warum Das Fenster zum Hof die Jahrzehnte überdauerte
Mit Das Fenster zum Hof hat Alfred Hitchcock ein filmisches Meisterwerk geschaffen, das den tratschenden Waschweibern, die ihre Nachbarn bei jedem ihrer Schritte beobachten, eine Legitimation für ihr Handeln gibt. Dass wir unsere Mitmenschen genüsslich, angeekelt oder schockiert beobachten, wird sich noch so lange ereignen, bis Fenster, öffentliche Verkehrsmittel oder Reality-TV endgültig abgeschafft werden. Aufgrund seiner brisanten Thematik bleibt Alfred Hitchcocks Thriller natürlich immer aktuell, denn auch die Hinterhöfe werden nicht so schnell aussterben. Wem der Klassiker zu altbacken sein sollte (was ich jedoch nie nachvollziehen könnte), den möchte ich auf Das Fenster zum Hof (mit Christopher Reeve und Daryl Hannah) oder Disturbia (mit Shia LaBeouf in der Rolle des Voyeurs) aufmerksam machen. In beiden Filmen wird Alfred Hitchcocks Motiv abgewandelt und in die Gegenwart transportiert, doch mit dem Charme des Originals können beide Filme meiner Meinung nach nicht mal annähernd mithalten.

Wer von euch beobachtet auch gern Jeffs Nachbarn?

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