High Life mit Robert Pattinson: Im All hört dich niemand masturbieren

High Life mit Robert Pattinson
© Wild Bunch
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

In Trouble Every Day, einem unserer 50 besten Horrorfilme der frühen 2000er, lockt Beatrice Dalle einen jungen Mann in ihr verbarrikadiertes Haus. Unser Blick streicht beim Sex der beiden über seine samtweiche Haut, ein fremder Planet der unentdeckten Schätze. Dann verbeißt sie sich in seinem Fleisch. Er schreit und stöhnt und sie beißt weiter durch Haut und Adern, auf dem Höhepunkt der Vereinigung (an)gekommen. Er gehört ihr. 17 Jahre nach dem Vampirfilm reist Claire Denis mit ihrem neuen Film High Life ins Weltall. Die Regisseurin, die eine Karriere mit Eindringlingen in der Fremde und Außenseitern im Vertrauten aufgebaut hat, bewegt sich ins Fremde schlechthin. Besetzt ist ihr Raumschiff mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Lars Eidinger, Andre Benjamin und Mia Goth. Sie spielen Verbrecher, die auf die Reise zu einem schwarzen Loch geschickt werden. Als lebende Experimente wurden sie in die größte aller Freiheiten und das erdrückendste Gefängnis überhaupt entlassen: das All. Sie sollen sich fortpflanzen, wenn nötig unter Zwang, um zu testen, ob die Kinder in der Strahlung im Weltraum überleben können. Daraus entspinnt sich ein verstörend lüsterner Science-Fiction-Film, der die animalischen Instinkte aus seiner Crew herauspresst, bis sie sich in den Fluren des Raumschiffs in Pfützen aus Blut, Sperma und Urin sammeln. Ein Platz in meiner Jahresbestenliste ist dem Film sicher, der beim Festival in Sitges läuft.

Robert Pattinson ist der geborene Darsteller für einen Film wie High Life

Während der Filmtitel sanft vor der Schwärze des Alls aufleuchtet, fallen die Leichen von Astronauten in die Tiefe. Irgendwann im Verlauf der Mission in High Life wird Robert Pattinsons Crewmitglied Monte zusammen mit einem Baby allein auf dem Raumschiff leben und die Körper seiner Begleiter im All entsorgen. Im Prinzip erzählt High Life, wie es dazu kam, mit Stationen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nur klingt das einfacher, als High Life strukturiert ist. Klassische Erzählungen mit klarer psychologischer Einsicht sind Claire Denis' Sache nicht. Robert Pattinson, der sich gerade auf einer gewinnbringenden Expedition in die internationale Autorenfilmerwelt befindet, ist genau der richtige Schauspieler für diese Art Science-Fiction-Film. Pattinson suggeriert hier mehr, als dass er spielt. Beinahe emotionslos - aber eben nur beinahe - beobachtet Monte die Zersetzung seiner Crew. Von Zeitebene zu Zeitebene wächst er unmerklich heran. Am Anfang liegt der Schatten des Jugendgefängnisses noch über ihm, am Ende ist er fürsorglicher Vater. Man könnte es übersehen, erst recht bei einem Screening ab 3 Uhr nachts, wie es in Sitges vonstatten ging.

Pattinson gibt den Mönch, wie er einmal abfällig genannt wird. Enthaltsam ist er, auch weil er es sein darf. Juliette Binoche spielt demgegenüber die "Schamanin des Spermas" (erstklassiges Spitznamenbrainstorming in diesem Film). Sie hält die Crew mit Wasser voll Beruhigungsmittel im Zaum und verlangt ihnen Spermaproben ab, befruchtet die Frauen gegen deren Willen und sucht nach dem lebensfähigen Baby - ihrer Vorstellung von Perfektion. Das Schiff penetriert in High Life die Tiefen des Alls mit einem Bauch voll vor sich hin vegetierender Gefangener. Ein interstellarer Brutkorb, der von außen auch so aussieht. Ein bisschen Lego-Stein, ein bisschen Container. High Life gehört zu den deprimierendsten Zukunftsvisionen im Kino der letzten Jahre und das ohne Großstadtmoloch, Hungerspiele und dergleichen. Es ist auch ein Film unerwarteter Zärtlichkeit

Der Weltraum ist betont unrealistisch in High Life

In Gravity und demnächst Aufbruch zum Mond flüchten die Astronauten vor ihren toten Kindern ins All. Das Leben auf der Erde bedeutet Erinnerung, bedeutet Trauer, bedeutet Tod. High Life beginnt mit einem Kinderglucksen in der Schwerelosigkeit. Robert Pattinsons Monte führt Reparaturarbeiten an dem Schiff durch und ist über Funk mit dem Baby verbunden. Vaterschaft macht auch im Weltraum keine Pause. Wobei Schwerelosigkeit relativ ist. Claire Denis ist an der naturalistischen Darstellung des Weltalls und seiner Reisenden nicht interessiert. Im Weltraum von High Life schwebt man nicht, man fällt. Das Dunkel, welches das Raumschiff der Verbrecher umgibt, ist ein Abgrund.

High Life ähnelt einem anderen Science-Fiction-Film, der beim Festival in Sitges lief, Aniara aus Schweden. Darin wird ein Raumkreuzfahrtschiff auf dem Weg zum Mars vom Kurs abgebracht. Ohne Treibstoff driftet das hochmoderne Gefährt jahrelang durchs All, während die Menschen in seinem Inneren verzweifelt nach Quellen der Hoffnung suchen. Stellt euch Battlestar Galactica in einem fliegenden Kaufhaus ohne Zylonenbesuch vor, aber mit religiösen Kulten, autokratischen Anwandlungen und schließlich der Schöpfung von Leben als personifizierte Hoffnung. Schon wird die Frage stellt: Warum sollte in diesem Schiff irgendjemand geboren werden wollen?

Die Crew in High Life hat die Suche nach dem Sinn bereits aufgegeben - abgesehen von der Schamanin des Spermas. Binoches Ärztin mit dem feinen Namen Dr. Dibs gehört die größte Szene in High Life, die Szene, über die noch auf Jahre geredet werden wird. Denn für die Muße in dem Raumschiff gibt es eine Art Sex-Box mit einem elektrischen Dildo-Bullen, auf dem Dr. Dibs Platz nimmt. Nackt reitet sie sich in Ekstase auf dem Gefährt, das George Clooneys Heimwerker aus Burn After Reading in Verzückung bringen würde. Die langen Haare wirbeln umher, es ähnelt einer tänzerischen Beschwörung bei einem Hexensabbat. Ihr Körper schält sich aus dem schwarzen Nichts der Box heraus, sodass es aussieht, als würde sich ihr Orgasmus über das Weltall ergießen. Die Box offenbart zugleich ein Testament der Einsamkeit dieses Lebens im Weltraum und eines der lustvollen Selbstbestimmung. Das paradoxe Nebeneinander bleibt beispielhaft für die Filme von Claire Denis, die keine einfachen Antworten auf Fragen der sexuellen Agenda ihrer Figuren liefern, ob sie sich nun im Weltraum selbst befriedigen oder junge Männer mit ihren bloßen Zähnen zerfleischen.

High Life ist ein berauschendes Sci-Fi-Erlebnis

Der fehlende Naturalismus verhindert allerdings nicht, dass High Life zu einem der berauschendsten Weltraum-Filme der jüngeren Erinnerung aufblüht. Andere aktuelle Science-Fiction-Filme verlieben sich ins Material ihrer Raumschiffe und Gerätschaften, beispielsweise auch Prospect mit Pedro Pascal, der ebenfalls in Sitges lief. High Life findet seinen Fetisch in den Körperflüssigkeiten der Menschen. Eigentlich logisch in einem Raumschiff, das alle Absonderungen seiner Crew recycelt. In High Life wird niemandem die Kehle durchgebissen wie in Trouble Every Day, im Grunde gestaltet sich das Reisen durch den Weltraum mit begrenzten Ressourcen jedoch als Selbst-Verzehrung.

Sperma, Spucke, Blut der Reisenden überwältigen die unter anderem von Olivier Assayas' Stammkameramann Yorick Le Saux eingefangenen Bilder im Raumschiff. Sie greifen in High Life sogar aufs All über, was die Idee des Kolonialismus, die sowohl dem Sci-Fi-Genre als auch Claire Denis' Filmen innewohnt, in eine matschige visuelle Metapher formt. Selbst das schwarze Loch wirkt irgendwann nur noch wie ein Abfluss, in dem Pisse verrinnt. Die alte Frage, was den Menschen in Science-Fiction-Erzählungen zum Menschen macht, findet sich in High Life in den animalischen Eruptionen von Körpern und ihren Aussonderungen wieder. Was bleibt, wenn der Sinn des Lebens dieser Gefangenen gestutzt wurde? Heruntergebrochen auf die Grundbestandteile - Blut, Haut, Wasser, sowas eben - findet Monte bei seinen einsamen Erkundungen immerhin eines: das Glucksen des Babys.

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