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Halt auf freier Strecke - Über Tod und Sterben

30.05.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Halt auf freier Strecke
© Pandora Film Verleih
Halt auf freier Strecke
Manche Filme beeindrucken einen nachhaltig. Oft sind es Werke, die der breiten Masse unbekannt sind. Joeyjoejoe17 nutzt die Speakers’ Corner, um auf ein modernes Glanzstück des deutschen Films hinzuweisen.

Am Freitag, dem 27.04.2012, wurde der deutsche Filmpreis, die LOLA, verliehen, und als verdienter Gewinner ging das Krebsdrama Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen hervor. Sehr viele Filmfans möchten diesen als deutschen Ausnahmefilm betitelten Streifen auch sehen, nur verpassten sie ihn im Kino oder hatten keines, das ihn zeigte. Und bis zur unbekannten DVD-Veröffentlichung kann es noch sehr lange hin sein. Nichtsdestotrotz möchte ich die jüngste Preisverleihung als Anlass dafür nehmen, euch meinen persönlichen Wunschbeitrag Deutschlands zum Oscar 2013 vorzustellen.

“Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: ’Ich habe zwei schlechte Nachrichten für Sie…”
Halt auf freier Strecke – ein sehr passender Titel, denn Frank ist aufgrund der Diagnose, dass er einen inoperablen und bösartigen Tumor in seinem Gehirn hat, gezwungen, in der Blüte seines Lebens haltzumachen und sich auf das unausweichliche Sterben vorzubereiten. Im engen Kreise seiner Familie findet er Halt und die Kraft, sich dem Unausweichlichen zu stellen. Unterstützt von Ärzten, Seelsorgern und Sterbebegleitern findet seine mit der Situation überforderte Familie ebenso Halt. Um sich selbst Mut zu machen, findet Frank im Drehen von Homevideos mit seinem Handy eigenen Halt und erlangt Durchhaltevermögen, indem er schöne Momente seiner Frau und beiden Kindern filmt.

“…die erste schlechte Nachricht ist: Sie haben Krebs…”
Das Beeindruckendste an diesem Film ist die dokumentarische Herangehensweise des Regisseurs. Er lässt seine beiden Hauptdarsteller mit echten Ärzten und Seelsorgern in improvisierten Gesprächen interagieren und reden. So wirkt alles unglaublich authentisch und geht selbst dem härtesten Brocken von Mensch unglaublich nahe. Zusammen mit der Kameraarbeit, die das Geschehen auffängt wie in einem Tatsachenbericht, wie wenn ein Filmteam einen tatsächlich todkranken Mann auf seinen letzten Tagen und Wochen begleitet, und der erschreckend (!!) realitätsnahen (!!) und nahegehenden Darbietung der Schauspieler, allen voran Steffi Kühnert und der atemberaubend spielende Milan Peschel, geht Andreas Dresen mit seinem neuesten Film bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen, sodass man nicht nur große Teile des Films feuchte Augen hat, sondern sich auch noch richtig mitgenommen fühlt. Dresen schafft es, dass der Zuschauer selbst Familienmitglied von Frank wird, ihn persönlich auf seinen letzten Weg begleitet und dabei mit ihm mitfühlt und leidet. Zarte Gemüter sollten sich zweimal überlegen, dieses Werk anzusehen!

“…Und die zweite schlechte Nachricht ist: Sie haben Alzheimer…’”
Der Film ist frei von jeglicher Filmmusik. Einzig vom Sohn gespielte und recht amateurhafte Klimpereien auf dem Piano und ein sehr einfühlsames und traurig-tragisch-schönes Spiel des Krebskranken mit seiner Gitarre sind die musikalischen Töne des Films. Das wirkt unglaublich bedrückend und zieht den Betrachter in die triste und trostlose Welt Franks hinein.

Das alles macht aus diesem semi-dokumentarischen Drama den mit Abstand besten deutschen Film, den ich je gesehen habe, der mir noch lange Zeit schwer im Magen liegen und im Gedächtnis bleiben wird. Und zugleich ist das der ergreifendste und nahegehendste Film, den ich je gesehen habe. Ein schonungsloses Portrait eines Todkranken, dessen Ableben unausweichlich ist. Ein Film, der nahe an die Schmerzgrenze des Zuschauers geht, diese aber niemals überschreitet. Ein Drama, bei dem einem nicht in der Schlussszene die Tränen kommen, sondern mitten im Film, dafür über lange Strecken anhaltend. Das Ende ist alles andere als traurig oder dramatisch inszeniert, es ist ruhig, statisch, beinahe tragisch-schön und bildet einen perfekten Abschluss eines großartigen Films.

“Daraufhin entgegnet der Mann: ‘Zum Glück ist es kein Krebs.’”
Halt auf freier Strecke gewann insgesamt vier LOLAs, darunter für den besten Hauptdarsteller Milan Peschel, besten Nebendarsteller Otto Mellies, beste Regie Andreas Dresen und die goldene LOLA als bester Film, und war noch nominiert für die beste weibliche Hauptrolle Steffi Kühnert, Drehbuch und Schnitt. Alles in meinen Augen mehr als verdient, zumal die Konkurrenz mit den von den Kritikern ebenso mit Lob überhäuften Filmen Kriegerin und Barbara recht stark war.

Halt auf freier Strecke ist ironischerweise ein Film über Tod und Sterben, der allen Skeptikern zeigen wird, dass der deutsche Film noch lange nicht tot ist.


Vorschau: Peitsche, Hut und Archäologie – wahre Filmfans wissen jetzt schon, um welche Figur es nächste Woche geht.


Dieser Text stammt von unserem User Joeyjoejoe17. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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