Grenzerfahrung im Kino: Harry Potter-Star wird zum unerträglichen Monster, das euch die Sprache verschlägt

14.05.2024 - 14:35 UhrVor 4 Tagen aktualisiert
Bad DirectorWeltkino
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Oskar Roehler zählt zu den polarisierendsten deutschen Regisseuren. Sein neuer Film Bad Director läuft gerade im Kino und wird vor allem durch die schonungslos-unfassbare Performance von Oliver Masucci zur Grenzerfahrung.

In den letzten knapp 25 Jahren ist Regisseur und Schriftsteller Oskar Roehler mit Werken wie Elementarteilchen, Jud Süß – Film ohne Gewissen und HERRliche Zeiten zu den umstrittensten deutschen Filmemachern geworden. Gerade läuft sein neuer Streifen Bad Director im Kino, den Roehler auf Grundlage seines Romans Selbstverfickung von 2017 adaptiert hat.

Der Film ist nicht nur eine satirisch zugespitzte Abrechnung mit dem hiesigen Kulturbetrieb, sondern vor allem eine schonungslose Selbstabrechnung (oder besser: Selbstzerstörung). Das funktioniert über auslaugende 131 Minuten vor allem dank Hauptdarsteller Oliver Masucci. Der Schauspieler läuft in Roehlers neuem Film als überzeichnetes Abziehbild des Regisseurs und abstoßendes Schweiß-Monster zur Höchstform auf.

Oskar Roehler lässt sich über 2 Stunden lang von Harry Potter-Star Oliver Masucci verhöhnen

In der Handlung des Films spielt Masucci den Regisseur Gregor Samsa, der für einen neuen Filmdreh von Berlin nach Köln reist. Am Set kommt es schnell zu diversen Komplikationen, als das bestellte Schlafmittel nicht wie gewünscht geliefert wird und sich die Schauspielführung vor Ort schon bei den Proben als Alptraum entpuppt.

Roehler nutzt das sicher deutlich autobiografisch gefärbte Szenario für viele Spitzen und Seitenhiebe gegen eine Branche, die er für künstlerisch bankrott und selbstverliebt-abgehoben erklärt. Dabei wird Bad Director bei all dem Hass gegen die Industrie von kompromisslosem Selbsthass angetrieben.

Bad Director

Wer auch nur ein Interview mit Roehler  gesehen hat, wird im Film sofort die Ähnlichkeit zwischen der Hauptfigur und dem realen Regisseur erkennen. Oliver Masucci trifft Mimik, Gestik und auffällige Ticks des Filmemachers oft auf gruselig genaue Weise.

Trotzdem ist der Gregor Samsa aus Bad Director keine 1:1-Imitation von Oskar Roehler. Stattdessen zieht Masucci dessen Sprechweise und Betonung ständig grotesk ins Lächerliche. In den haarsträubendsten Momenten, die im gefühlten Sekundentakt folgen, sieht es so aus, als hätte sich Oliver Masucci ein schief sitzendes, skurril verzerrtes Oskar Roehler-Faschingskostüm angezogen. Und darin muss er jetzt auf einer Firmenfeier nervös und angetrunken vor Hunderten Leuten als Oskar Roehler performen.

Es ist ein Erlebnis, wie Masucci diese Rolle über zwei Stunden lang so radikal durchzieht. Von dem mittlerweile international anerkannten Schauspieler, der unter anderem im Netflix-Hit Dark mitgespielt hat, im Phantastische Tierwesen-Universum als Chef der Zauberwelt Anton Vogel auftrat und Snape in der deutschen Version des Harry Potter-Theaterstücks verkörperte, ist in Bad Director nichts mehr zu erkennen.

Roehlers neuer Film funktioniert aber auch, ohne sich vorher mit dem Regisseur beschäftigt zu haben und Hauptfigur mit realem Vorbild abgleichen zu müssen.

Bad Director entfesselt eine der unglaublichsten deutschen Kinofiguren seit langem

Durch Masuccis Schauspielleistung wütet hier auch für sich genommen ein bizarres Regie-Monstrum. Szenen zwischen Filmset-Wutausbrüchen, verschwitzt-angestrengten Bordell-Eskapaden und nervöser Dauererschöpfung entfesseln eine der bizarrsten und unfassbarsten deutschen Kinofiguren seit Ewigkeiten.

Stellt euch am besten diese Szene aus Tom Gerhardts Kult-Brachialkomödie Voll Normaaal! vor, aber ausgewalzt auf Spielfilmlänge:

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Masucci macht Roehlers Film zur schwer erträglichen Fremdscham-Parade, in der sich das Mitleid für den langsam am Ende seiner Lebenskräfte angekommenen Protagonisten in Grenzen hält. Nur so wird der ätzende Hass, der Bad Director neben dem satirischen Humor durchzieht, zusammengehalten.

Der Film soll mehr Komödie als Drama sein, doch witzig ist neben Masuccis Roehler-Verhöhnung nur die Konsequenz, mit der die Figur bis zur letzten Sekunde bloßgestellt und förmlich ausradiert wird. Große Teile des Publikums dürften diesen Weg nur mit großer Anstrengung bis zum bitteren Ende mitgehen.

Bad Director läuft aktuell im Kino.

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