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Aufreger der Woche

Game of Thrones – Bewusst provozierte Skandale

Game of Thrones regt diese Woche viele Menschen auf und die Diskussion eskaliert.
© HBO
Game of Thrones regt diese Woche viele Menschen auf und die Diskussion eskaliert.
23.05.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Die aktuelle Folge Game of Thrones bringt Leute dazu, der Serie den Rücken zu kehren oder die Berichterstattung über sie zu beenden. Auch mir ist "Unbowed, Unbent, Unbroken" sauer aufgestoßen. Noch schlimmer finde ich nur, wie darüber diskutiert wird.

Game of Thrones  erhitzt die Gemüter - wieder einmal. Wie könnte es auch anders sein: Der Aufreger dieser Woche bezieht sich auf die eine, bereits viel diskutierte Szene der GoT-Folge "Unbowed, Unbent, Unbroken ". Bei einer solchen Diskussion lassen sich teils massive Spoiler nicht vermeiden. Eine Triggerwarnung erscheint mir ebenfalls angebracht, denn im Folgenden geht es um eine Vergewaltigung. Diese Thematik verlangt nach einem vorsichtigen Umgang, den viele, die sich damit beschäftigen, schmerzlich vermissen lassen. Die Herangehensweise der Drehbuchautoren und Serien-Macher finde ich gelinde gesagt bedenklich. Einzig die Kommentare dazu regen mich noch ein ganzes Stück mehr auf. Dieser Aufreger widmet sich darum teilweise dem Unterschied zwischen den Büchern von George R.R. Martin und der HBO-Serie, der Frage danach, ob diese Szene nun unnötig oder wichtig und richtig war, sowie der diesbezüglichen Diskussionskultur im Allgemeinen.

Game of Thrones vs. A Song of Ice and Fire

Dass sich Game of Thrones immer mehr von den zugrunde liegenden Büchern entfernt, steht schon seit einer kleinen Ewigkeit fest. Darüber können wir uns aufregen, müssen wir aber nicht. Ich hatte eigentlich meinen Frieden damit gemacht und mich auf zwei unterschiedliche, mehr oder weniger voneinander unabhängige Kunstwerke gefreut, die sich gegenseitig bereichern. Nur die Tatsache, dass die Serie Game of Thrones Dinge aus den noch nicht erschienenen Büchern vorwegnimmt, bereitet mir leichte Bauchschmerzen. Ich hätte es lieber zuerst gelesen. Darum ärgert es mich auch latent, dass die Serie so viel von der Zeit des Autors George R.R. Martin in Anspruch genommen hat, die er vielleicht besser in das Schreiben des nächsten Bandes investiert hätte.

Die Inszenierung für das Fernsehen bringt einige Änderungen mit sich, die sich nicht vermeiden lassen und dem Format beziehungsweise Medium geschuldet sind. Leser der A Song of Ice and Fire-Bücher wissen, dass wir dort das Geschehen immer aus der Perspektive bestimmter Figuren erleben. Die Point of View-Charaktere gewähren uns so oft Einblicke in ihr Innenleben, in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. In der Serie kommt das zu kurz. Aber das ließe sich wohl nur durch innere Monologe im Voice-Over vermeiden, was ich mir nicht sehr attraktiv vorstelle. Darum habe ich mich auch damit abgefunden. Momentan beschleicht mich aber das Gefühl, dass die Serie Game of Thrones am Scheideweg angekommen ist und dass die Autoren und Regisseure an ihre eigenen Grenzen stoßen. Dabei überschreiten sie wiederum die Grenzen vieler Zuschauer.

Sicher: Die Bücher strotzen – genau wie die Serie – nur so vor Sex, Gewalt-Darstellungen, Folter und Vergewaltigungen. George R.R. Martin zeichnet nicht nur, aber auch so ein sehr eindrückliches und teilweise schreckliches Bild seiner selbst geschaffenen Fantasy-Welt. Die besticht gerade dadurch, dass nicht alles nur schwarz oder weiß ist, sondern sich in schier unendlich vielen Graustufen ergeht. Verhasste Charaktere machen nachvollziehbare Entwicklungen durch und können auf einmal sympathisch sein. In solchen Dingen liegt meiner Meinung nach der Realismus und hauptsächliche Reiz dieser fiktiven Welt. Durch die Verkürzungen der Serie, die Änderungen gegenüber des Originals und den erzwungenen Verzicht auf die POV-Erzählung samt Einblicken in die Psyche der Protagonisten verliert Game of Thrones diesen Reiz und Anspruch an sich selbst immer mehr. Langsam, aber sicher.

Vergewaltigung als Plot-Device

Vergewaltigungen können in der Kunst eine wichtige Funktion erfüllen, obwohl Autoren und Regisseure mindestens genauso gut auch ohne sie auskommen. Die im Bezug zur Vergewaltigung von Sansa in der GoT-Folge "Unbowed, Unbent, Unbroken" oft gestellte Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Szene erscheint mir durchaus berechtigt. Insbesondere deshalb, weil – wie mittlerweile alle wissen dürften, die sich mit der Thematik beschäftigt haben – es in den Büchern jemand ganz anderen trifft. Die Frage muss erlaubt sein, ob es der Figur der Sansa Stark eine zusätzliche und vor allem neue Facette hinzufügt, wenn sie von Ramsay Bolton vergewaltigt wird, während Theon Greyjoy aka Reek dabei zusieht. Die Darstellung und Machart der Szene selbst ist dabei nochmal ein anderes, ganz eigenes Thema.

Sansa ist schon längst nicht mehr unbowed, unbent und unbroken. Diese Szene fügt ihrem Charakter nichts Neues hinzu, sie leidet einfach nur noch mehr. In Bezug auf die Darstellung finde ich genau das, was viele als mildernde Umstände für die Macher anführen, eher bedenklich: Dass der Fokus nicht auf ihr, sondern auf Theon liegt. Damit wird sein Leid in den Mittelpunkt gerückt und nicht das der Vergewaltigten. Das ist auch die einzige Funktion, die diese Szene erfüllt: Sie dient als Motivator für Reek, sich gegenüber seines Peinigers zu emanzipieren. Nicht dazu, dass sich Sansa emanzipiert. Vielleicht ist es noch etwas verfrüht, das zu behaupten, aber so interpretiere ich das im Hinblick auf die Geschehnisse im Buch. Dort wird Reek allerdings gezwungen, an der Vergewaltigung teilzunehmen, was dazu führt, dass er Jeyne Pool befreien will. Nicht dazu, dass sich Jeyne Poole – respektive Sansa in der Serie – selbst befreit.

Auch Ramsay Bolton (ehemals Snow) gewinnt durch diese Szene nichts an Charaktertiefe hinzu. Wir alle wissen doch schon seit Langem, dass wir es hier mit einem abgrundtief bösartigen und wahnsinnigen Sadisten zu tun haben. Wir brauchen nicht noch ein Rache- und Selbstjustiz-Motiv. Wenn der Handlungsstrang schon abgeändert wird, hätte das alles doch auch ganz anders laufen können: sinnvoller.

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