Fortitude - Pilot-Check zur eisigen Krimiserie auf Arte

Fortitude - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Fortitude
19.01.2017 - 10:45 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Bereits seit einiger Zeit geistert Fortitude durch die Serienlandschaft und wird immer wiieder als Geheimtipp betitelt. Mit dem heutigen Tag hat es die britische Krimiserie nach Deutschland ins Free-TV auf Arte geschafft. Ob es sich lohnt, einzuschalten?

In unserer hastigen Welt ist es kaum zu glauben, dass noch ein ruhiger Ort existiert, an dem niemand dem Wettbewerb der Zeit erlegen ist. Fortitude, eine Kleinstadt im arktischen Norwegen, scheint dennoch diese utopische Fantasie zu erfüllen. Gerade einmal 800 Einwohner zählt das Register für die überschaubare Häuseransammlung, die sich des Nachts unter dem klaren Sternenhimmel in den Traum eines jeden Wanderers verwandelt, der genug von all dem Stress um ihn herum hat. Serienschöpfer Simon Donald entführt in ein eisiges Paradies, das zudem mit einer weiteren Statistik aufwartet, die verblüfft: Seit Anbeginn der Aufzeichnungen ist hier kein einziges Verbrechen geschehen. Fortitude ist die sicherste Stadt der Welt - und das soll auch so bleiben. Da wir uns jedoch auf dem Gebiet einer Krimiserie bewegen, dürfen wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass in den kommenden Episoden einige unerwartete Dinge passieren werden.

Bereits in den ersten Minuten der Pilot-Episode wird Blut vergossen, allerdings nicht durch Menschenhand. Stattdessen fällt der Geologe Billy Pettigrew dem knurrenden Magen eines Eisbären zum Opfer. Henry Tyson (Michael Gambon), seines Zeichens ein renommierter Tierfotograf, findet den Unglücklichen und gibt ihm den Gnadensschuss mit seinem Gewehr. Bevor er sich die Sache aber weiter ansehen kann, hat Polizeichef Dan Andersen (Richard Dormer) das Sagen. Ob er ein guter oder ein böser Sheriff ist, will später jemand wissen, als die Handlung drei Monate nach dem Cold open wieder einsetzt. Diese Frage kann in Fortitude allerdings niemand beantworten, da eine Kriminalitätsrate quasi nicht vorhanden ist und sich Dan Andersen dementsprechend wenig beweisen konnte. Jeder Einwohner von Fortitude hat eine Arbeit und einen festen Platz im sozialen Gefüge, was im Umkehrschluss (angeblich) ebenfalls bedeutet, dass kein Neid, kein Hass besteht.

Die Menschen in Fortitude sind glücklich. Ein Umstand, den Gouverneurin Hildur Odegard (Sofie Gråbøl) zu schätzen weiß. In ihrem öffentlichen Reden (v)erklärt sie Fortitude zum letzten Rückzugsort auf dem Planeten und möchte daher ein Hotel im angrenzenden Gletscher errichten, um diese "heile Welt"-Erfahrung auch anderen Menschen - darunter hoffentlich möglichst viele Touristen, die finanzielle Sicherheit mitbringen - zu ermöglich. Wenngleich die Einwohner von Fortitude ein zurückgezogenes Leben führen und damit eigentlich ganz glücklich sind, gibt es bestimmte Punkte, in denen sich die Kleinstadt nicht komplett den Dynamiken der Außenwelt entziehen kann. Spätestens, als tatsächlich ein Mord passiert, ist es vorbei mit der Ruhe. Mit Blaulicht düsen die Gesetzeshüter durch die Straßen. Neugierige, staunende, ja, geradezu ungläubige Blicke verfolgen dieses Schauspiel, wie es mit Sicherheit noch niemand in Fortitude erlebt hat.

Fortitude

Nachdem Regisseur Sam Miller in seiner Inszenierung zuvor großen Wert darauf gelegt hat, den schlichten Alltag der zentralen Lokalität in klaren Aufnahmen zu schildern, wirkt ein solcher Moment wie eine ganze Erdbewegung. Sowohl Dan Andersen als auch Hildur Odegard ist klar, dass fortan nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Alleine die Ankunft von DCI Eugene Morton (Stanley Tucci) bringt ein gewisses Ungleichgewicht mit sich. Plötzlich ist da ein Mann aus London, der den Menschen vor Ort unter die Arme greifen soll, da diese offenbar der aktuellen Situation nicht gewachsen sind. Das Misstrauen erklärt sich von selbst. Gleichzeitig hat Simon Donald in diesem Stadium der Geschichte unlängst genug Spuren gelegt, um zu verdeutlichen, dass es in Wahrheit um etwas anderes geht: Die Angst vor der Aufdeckung aller düsteren Geheimnisse, die bisher im kleinen Kreis verborgen werden konnten.

Entgegen der strahlenden Oberfläche und dem atemberaubenden Landschaftspanorama verbirgt sich in Fortitude ein düsterer Abgrund, dessen volles Ausmaß wir vorerst natürlich nur erahnen können, da die Lügen tief im ewigen Eis begraben liegen. Sehr schön zieht Simon Donald die Parallelen zwischen Menschen, die all ihre Schaffenskraft investieren, um eine Schicht tiefer in den Lauf der Geschichte vorzudringen, und Menschen, die im Gegenzug alles daran setzen, um diese Geschichte zu vergessen. Während Wissenschaflter und Umweltschützer Charlie Stoddart (Christopher Eccleston) etwa daran interessiert ist, ein Mammutskelett, das sich möglicherweise auf dem Gletscher befindet, zu sichern, um es für die Nachwelt zu bewahren, ist der Gouverneurin dieser potentielle Fund ein Dorn im Auge - immerhin will sie auf dem gleichen Boden eine Tourismus-Oase eröffnen und beide Ambitionen lassen sich schlecht miteinander vereinen.

Was uns Fortitude im Rahmen der Pilot-Episode präsentiert, greift folglich viele vertraute Elemente des Nordic noirs auf und mischt dazu die behütet-feindselige Atmosphäre von Serien wie Twin Peaks inklusive einer eingeschworenen Gemeinschaft, die im Angesicht eines ungebetenen Neuankömmlings zu zerbrechen droht. Richtig originell ist also keiner der Bestandteile, aus denen sich die Prämisse zusammensetzt. Dennoch vereint Fortitude das Vertraute mit einem kühlen frischen Wind, der nicht nur von seinem erhabenen Handlungsschauplatz zehrt, sondern ebenfalls von all den Intrigen, Mysterien und anderweitigen Konflikten, die sich im Hintergrund anbahnen. Wer weiß, in welche Richtung es diese Krimi-Drama-Mystery-Serie noch verschlägt. Die Frage, ob es sich lohnt, einzuschalten, sollte sich somit von selbst geklärt haben. Jetzt muss nur noch geklärt werden, wie viele Eisbären wir in den nächsten Wochen zu sehen bekommen.

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