Erde: Überwältigt von der stummen Kunst des Unscheinbaren

Semlja
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Wir beginnen das neue Jahr mit einem Blick zurück, fast 90 Jahre, und entdecken einen faszinierenden Film von einem der größten Regisseure der Sowjetunion: Einen Film voller Bildgewalt, Ausdruckskraft und Können, der uns bereichert, berührt und begeistern kann. Und uns die Filme der Moderne vielleicht etwas tiefer, vergangenheitsverbunden, anders, kurzum: neu sehen lassen kann.

Ja, Erde des ukrainischen Regisseurs Oleksandr Dowschenko ist ein Stück weit auch ein Propagandafilm - die meisten Filme dieser Zeit waren das, mussten das sein. Aber unsere sind nicht die Augen, für die er gedreht war, unsere Augen sehen anders, sehen weniger und mehr. Und wenn wir, wie ProsperDune, hinsehen, entdecken wir vielleicht an den ungeahntesten Orten überwältigende Schönheit und Wahrheit jenseits von Geschichten, jenseits der Geschichte.

Der Kommentar der Woche von ProsperDune zu Erde

Des Menschen Gesichter: Traurige. Fröhliche. Weinende. Lachende. Zerfurchte. Unschuldige. Alte. Junge. Müde. Hellwache. Tote und lebendige Gesichter.

Unablässig schweift die Kamera ganz nah über diese physiognomische Vielfalt. Manche Personen lernen wir näher kennen, viele andere werden nur kurz gestreift. Im Hintergrund meist ein Feld von Sonnenblumen, oder wehendem Getreide, oder ein Meer aus Wolken. Auch die Mienen von Pferden und Kühen und anderen Tieren - Bewohner ein und derselben Erde - blicken gelegentlich, gleichsam den Menschen, in die Richtung des Zuschauers, als seien sie ebenso Teil des Geschehens.

Ich kann mit der historischen, sozialpolitischen Ebene von ERDE nicht viel anfangen, weil ich zu ihr keine persönlichen Bezüge aufbauen konnte - oberflächlich ausgedrückt, geht es in dem Film um einen Konflikt zwischen der Tradition der bäuerlichen Großgrundbesitzer und den aufkommenden politischen, sowie technologischen Veränderungen der Moderne, zwischen den Alteingesessenen und den jungen Revolutionären, zwischen Vätern und Söhnen.
Wofür ich den Film stattdessen wirklich bewundern kann: Es war schlicht und ergreifend ein packendes Stummfilmerlebnis, welches sich Regisseure wie Andrei Tarkowskij, Terrence Malick und Vergleichbare zweifellos mehrmals hintereinander angeschaut (wenn es um Tarkowskij geht, wäre "angesehen" natürlich angebrachter) und fleißig studiert haben. Besonders die Naturaufnahmen, sowie das Streifen über Gesichter sind für Malick typische Stilmittel, deren Ursprünge man hierin erkennen kann. Ebenso verhält es mich mit den Themen religiösen Inhalts - die Frage nach Gott wird explizit gestellt.

Alexander Dovzhenkos ERDE beherrscht sowohl stille, als auch überwältigende Momente. Der Ton des Films wird im Laufe der Geschichte immer unruhiger. Der Anfang beinhaltet eine einerseits sehr anrührende, aber andererseits irgendwie positiv lächerliche Szene, in der ein alter Mann im Sterben liegt:
Sein Sohn fragt: "You dying?"
Die Antwort: "That I am."
Daraufhin der Sohn wieder: "Then go ahead."
Der alte Mann setzt sich ein letztes Mal kurz auf, sieht ein paar Kinder, die Früchte essen (ein Bild, das sich im Laufe des Films wiederholt), legt sich wieder hin und stirbt.
Spätestens hier hatte der Film mich für sich eingenommen.

Am Ende kulminiert ERDE in einer stakkatoartigen Parallelmontage, die gar nicht mehr so wirkt wie die andächtige Einleitung. Ich möchte dabei mal einen Vergleich mit der berühmten Treppenszene aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (den ich, zugegebenermaßen, nicht vollständig kenne) heranziehen. Während bei Potemkin schnell von Bild zu Bild geschnitten wird, um dem Zuschauer die donnernde Gewalt und Brutalität des Geschehens klar zu machen, handelt sich in der, von der Montage her ähnlichen Szene in ERDE nicht um eine Szene des Tötens, sondern einfach um einen Trauermarsch, der aber, unterstrichen durch die Musik, eine nicht minder, sondern vielleicht sogar noch aufwühlendere Wirkung beim Zuschauer erzielt, jedenfalls bei mir.

Wie ich oben schon schrieb, sprachen mich die politischen Themen des Films nicht an, ich muss ihm in der Beziehung aber zu Gute halten, dass er nie eine Meinung aufzudrängen, und an keiner Stelle den Zeigefinger auf eine Gruppe von Personen zu richten scheint.
Viel Pathos, aber keine einfachen Lösungen, wenngleich er dem Setzen eindeutiger Zeichen der Hoffnung nicht abgeneigt ist.

Stummlautes Überwältigungskino, das nicht nur Terrence-Malick-Liebhabern interessante, wenn nicht sogar unvergessliche Eindrücke von weinenden Gesichtern, mit Regen benetzten Früchten und anderen, mitunter unscheinbaren Dingen liefern wird.

Den Originalkommentar findet ihr hier.

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Ab 26. September im Kino!Gelobt sei Gott
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