Cannes 2016

Elle - Paul Verhoevens perverses Vergnügen mit Isabelle Huppert

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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Was tun, wenn man den langen Weg von Los Angeles zum Festival Cannes antritt und der Aufwand sich nicht lohnt? Todd McCarthy vom Hollywood Reporter resümierte vor ein paar Tagen, er hätte im Wettbewerb des Festivals in Cannes nur drei gute Filme gesehen, nämlich Graduation, Toni Erdmann und Loving. Mein Mitgefühl ist dem Chefkritiker des Branchenblatts sicher, wenn auch der Wettbewerb mich weniger pessimistisch stimmt. Im Vergleich zum Jahrgang 2015 fehlte, das sei festgehalten, eine Überraschung vom Format Son of Saul von Laszlo Nemes. Ähnlich wie beim ersten Screening von Victoria bei der Berlinale war über den ungarischen Holocaust-Film im Vorfeld wenig bekannt gewesen und man konnte die allgemeine sensorische Überwältigung im Kinosaal in Cannes mit den Händen greifen. Dieses Jahr versammelt der Wettbewerb viele (mittel-)große Namen des internationalen Autorenfilms, was dem Ganzen eine gewisse Vorhersehbarkeit verleiht, ein #FirstWorldProblem wie es im Buche bzw. der Timeline steht. Andererseits sollte man das Festival nicht zu früh abschreiben. Am Samstag feierte Elle, der letzte Film der offiziellen Auswahl, Premiere. Der 77-jährige Paul Verhoeven setzte dem Wettbewerb mit seinem wunderbar schwer einzuordnendem Drama (oder besser "Drama") die Krone auf. Sein erster Spielfilm seit zehn Jahren ist mit Abstand der beste, den ich dieses Jahr in Cannes gesehen habe.

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Ähnlich wie im Todd McCarthy-Liebling Graduation und dem iranischen Beitrag The Salesman steht am Anfang von Elle ein Verbrechen. Michèle (Isabelle Huppert) wird in ihrem eigenen Haus von einem maskierten Fremden vergewaltigt. Zunächst drängt das Stöhnen auf die Tonspur, dann erscheint die am Boden liegende Frau im Bild, unbeteiligt beobachtet von den opaken Augen der Hauskatze. Michèle rappelt sich auf, sie kehrt die Scherben zusammen, nimmt ein Bad und grübelt über das letzte sichtbare Überbleibsel der Tat: blutiger Schaum, der sich im Wasser auflöst. Wir können in diesen frühen Momenten des Films ihre Gedanken nur erahnen und bis zu einem gewissen Grad wird es sich mit dem weiteren Verlauf von Elle ähnlich verhalten. Es gehört nämlich zur virtuosen Leistung von Isabelle Huppert, wie sie die schlussendliche Undurchlässigkeit ihrer Figur von diesen ersten Szenen an offenlegt. Ein Widerspruch, der Elle und elle - Michèle - charakterisiert.

Viel wird darüber geschrieben werden wie Michèle im Folgenden mit der Vergewaltigung umgeht, da sich ihr Verhalten den Konventionen von Rape-and/or-Revenge-Storys entzieht. Das Provokativste am Ansatz der Literaturverfilmung findet sich aber nicht im Überschreiten wie auch immer gesetzter Geschmacksnormen. Wenn sich etwa der nüchtern-harten Darstellung einer Vergewaltigung eine gleichermaßen komische und bizarre Sittenkomödie anschließt, die sich der Gewalt an ihrem Ausgangspunkt tonal so gar nicht unterordnet. Elle ist eine Provokation, weil die Romanadaption die Geschichte einer Überlebenden erzählt und diese Überlebende lässt sich in kein Schema gängiger Verarbeitungsnarrationen pressen. Elle verstört, genau wie Michèle ihre Freunde verstört, erzählt sie beim abendlichen Kneipengang in aller Selbstverständlichkeit von ihrer Vergewaltigung, während der Ober die Champagner-Flasche herbei trägt. Er solle lieber noch ein paar Minuten mit dem Korkenknallen warten, weist sie ihn trocken an. Kein anderer als Paul Verhoeven hätte diesen Film drehen können und keine andere als Isabelle Huppert hätte Michèle vor dem Abgleiten ins Groteske bewahren können.

Interessanterweise erfolgt die auslösende Tat in den Wettbewerbsbeiträgen The Salesman und Graduation jeweils außerhalb des Bildes, wohingegen Verhoeven und Drehbuchautor David Birke sie zunächst fragmentarisch, später vollständig und schließlich in einer Variation zeigen: Michèle fantasiert, wie sie dem Fremden den Schädel einschlägt und ein seliges Lächeln legt sich auf das Gesicht von Isabelle Huppert. In Graduation, dem Film des Rumänen Cristian Mungiu (4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage), setzt ein Vater seine Tochter am Straßenrand ab, um schneller zu seiner Geliebten zu gelangen. Später erfährt er, dass das Mädchen beinahe vergewaltigt wurde. Er investiert seine ganze Energie, damit sie ungeachtet des Traumas die Schulabschlussprüfungen erfolgreich ablegt. So soll sie sich ein besseres Leben per Studium in England erarbeiten. Asghar Farhadis Drehbuch zum iranischen Wettbewerbsfilm The Salesman nimmt die Verletzung des Körpers der Ehefrau zum Anlass, den Ehemann auf eine Suche nach Gerechtigkeit zu schicken, die ihn geradewegs zur Rache führt. Auch er zeigt sich blind gegenüber den Bedürfnissen des Opfers, da die Tat vor allem sein Selbstbild ankratzt.

Das "Opfer" widersetzt sich in Elle rigoros ebenjener Kategorisierung und ganz besonders allen Versuchen der Männer, seine Selbstbestimmung zu tangieren. Die Chefin einer Firma, die Videospiele entwickelt, führt ihr Leben weiter, als wäre nichts geschehen. Sie kabbelt mit ihrer Mutter, die einen jungen Lover vorstellt, hilft ihrem in einem Fast-Food-Restaurant Karriere machenden Sohn und dessen hysterischer Freundin aus und führt ungeniert eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin. Der Nachbar hat es ihr ebenfalls angetan, was uns eine Szene schenkt, in der Michèle sich am Fenster selbst befriedigt, während das Ehepaar gegenüber ein Krippenspiel aufbaut. Wenig geilt anscheinend so auf, wie Laurent Lafitte, der die Heiligen Drei Könige durch den Garten schleppt. Michèle verfolgt ihre eigene Lust mit befremdlicher wie amüsanter Selbstverständlichkeit. Es ist ihr Game-Design und wenn nötig wird selbst einem Vergewaltiger darin eine klare Rolle zugewiesen.

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Ohne Rücksicht auf geschmackliche Verluste verquickt das Drehbuch von David Birke die satirischen Spitzen zur Doppelmoral des Bürgertums mit Thriller-Motiven. Es untergräbt dabei im Minutentakt die Erwartungen des Zuschauers bezüglich der Art, wie so eine "Opfergeschichte" erzählt werden muss und darf. Michèle war eine Überlebende lange bevor der Maskierte in ihr Haus eindrang. Ihr Vater sitzt wegen eines grausamen Verbrechens im Gefängnis, das ganze Land weiß Bescheid. Doch er wird ihr Leben ebenso wenig in Unordnung bringen wie ein maskierter Fremder, ihre dysfunktionale Familie oder die Kollegen, die sie hassen. Mit der unglaublichen Isabelle Huppert in einer brillant geschriebenen Rolle findet Verhoevens Film sein menschliches Ebenbild. Huppert gleitet durch Dinners und Parties, Firmen-Meetings und desaströse Familienzusammenkünfte, als könnte kein brutaler Gewaltakt der Welt ihre Gelassenheit trüben. Minimal verzogene Mundwinkel, sich zweifelnd räkelnde Augenbrauen und ein durch Vibranium brennender Blick gehören zu den Waffen, mit denen Michèle Situationen kontrolliert und kommentiert. Andeutungen einer auch geistigen Verwandtschaft zum psychopathischen Vater bindet Huppert schauspielerisch ein, ohne sie zu manifestieren. So gehen in ihrer Darstellung leichtfüßige Ungebundenheit und absolute Kontrolle ineinander über. Es ist ein weiterer Punkt einer langen Liste von Widersprüchen, die das Rätselraten und damit Elle in ein perverses Vergnügen verwandeln.

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