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Moviepilot Speakers' Corner

Eine Hommage an die Hommage

02.05.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Meg & Vanessa
© Summit Entertainment/moviepilot
Meg & Vanessa
Moviepilot-User Tautou hat sich Gedanken gemacht. Aber nicht zu einem speziellen Film oder einem Star, sondern zu einem grundsätzlicheren Thema: Schönheit und Jugend.

Ende Januar surfte ich auf moviepilot.de und im News-Banner fiel mir die Hommage an Vanessa Redgrave anlässlich ihres 75. Geburtstages auf. Asche auf mein Haupt, ich konnte die Grande Dame nicht identifizieren, lediglich ihren Namen habe ich mal irgendwann und irgendwo aufgeschnappt. Also versuchte ich zwecks Abhilfe die Hommage zu lesen und musste immer wieder und wieder auf das Bild blicken. Doch was genau war es, was mich so sehr faszinierte?

Zwei Wochen zuvor gehörte ich zu denjenigen, die mit viel Kaffee und viel Ausdauer die lang ersehnte Werbung verfolgt haben. Sie wurde live aus Amerika auf Pro7 übertragen und alle sechs Minuten von der Verleihung der Golden Globes unterbrochen. Und dort saßen sie, die Großen und Größeren der gegenwärtigen Filmgeschichte. Wie es bei solchen Veranstaltungen Gang und Gäbe ist, fingen die Kameras ein paar der prominenten Gäste ein. Als Zuschauer hatte man circa fünf Sekunden Zeit, den Gesichtern einen Namen zuzuordnen. Mehr als die Namenssuche beschäftigte mich allerdings die Frage, welche Doktoren und Chirurgen die Partizipanten jüngst aufgesucht hatten. Natürlich ist diese Branche nicht die Welt in der ich lebe, das macht sie schließlich so interessant, aber dass die Menschen, die ihr angehören, mir immer fremder werden, macht sie merklich weniger interessant. Warum sehen vor allem Schauspielerinnen nicht ihrem Alter entsprechend aus? Schon klar, viel Wasser, Yoga und positive Energie.

Wie war das doch gleich mit der Berufung eines Schauspielers? Er/Sie sollte Emotionen
transportieren, ambitioniert spielen, authentisch sein. Ihre Rollen haben die Schauspieler ihrer Leistung wegen ergattert und die Leistung ihrer Echtheit wegen erst erbringen können. Wenn sie lachen und weinen, sich freuen oder trauern – diese Emotionen müssen Emotionen beim Zuschauer auslösen. Aber wie kann ich ihnen ihre Tränen abnehmen, wenn das Gesicht, an dem sie herunter kullern, augenscheinlich nicht echt ist? Wie kann ich mit ihnen lachen, wenn das Lachen einer kalten Maske entspringt? Wie kann ich ihren Schmerz teilen, wenn ihre Wut erstarrt? Wie?

Hätte ich Michelle Pfeiffer ehedem mit eindimensionaler Mimik in der Rolle der Catwoman sehen wollen, die mich doch aufgrund ihrer zart-zerbrechlichen Natürlichkeit und ihrer verrücktverführerischen Darstellung so sehr verzehrte? Hätten die zwei Buben aus dem Film Taschengeld auch einer heutzutage entstellten Melanie Griffith das Ersparte andrehen wollen, um endlich eine Frau nackt sehen zu können? Hätte Bond, James Bond, auch um die Gunst des Bondgirls Teri Hatcher gebuhlt, hätten ihre Gesichtszüge damals schon so verkrampft gewirkt? Hätte Felicity Huffman in ihrem heutigen Zustand – mit Lippen, die denen von Christopher Nolans Joker gleichen – als Transsexuelle Bree aus Transamerica derartig brillieren können? Hätte Tom Hanks angesichts einer ramponierten Meg Ryan seinen AOL-Account in E-Mail für dich nicht schnell wieder gekündigt? Und hätte mir Nicole Kidman dank Botox-Überdosis nicht mehr Angst eingejagt, als es der Film The Others tat?

Warum gibt es keine Echtheits-Quote? Warum müssen sich die Damen im Alter von 50 und darunter und darüber immer jung und jünger halten? Steht denn mit Michelle Williams, Natalie Portman oder Jessica Chastain nicht der daseinsberechtigte Nachwuchs vor der Tür? Die Filmindustrie gebiert Generationenkämpfe in ihren eigenen Reihen – zum Nachteil des Zuschauers. Nicht nur, dass sich das öffentliche Bild, das allgemeine Ideal, immer weiter in Richtung Unnatürlichkeit verschiebt. Auch das Publikum wird damit konfrontiert, dass Altern wohl nicht gewollt ist. Und das ist schade.

Gerade in einem solchen Business, das sich wie kein anderes durch die Optik seiner Mitwirkenden definiert, sollte einem Schauspieler im Vorfeld bewusst sein, dass es irgendwann vorbei ist mit den Rollen, die einen Hauch Frische verlangen oder die Nuancen der Jugend abbilden. Und vielleicht würde sich das Augenmerk der Drehbuchautoren zunehmend auf Rollen richten, die ältere Schauspielerinnen erfordern, wenn wir mehr echte in dieser Kategorie fänden. Das ist eben der Lauf der Dinge, die Rollen ändern sich. Für Fußballer geht das Spiel schließlich auch irgendwann hinter dem Spielfeld weiter und als Produzentin von Rabbit Hole hat Nicole Kidman bewiesen, dass man mit der langjährigen Berufserfahrung auch hinter der Kamera nicht fehl am Platze ist. Fördert doch lieber die Jugend mit eurem Wissen und euren Lehren, als euer Jungbleiben zu fördern.

Das war es also, was mich an dem Foto Vanessa Redgraves faszinierte. Es wirkte nicht fremd auf mich. Sie sieht echt aus. Sie sieht aus wie jemand, den ich kennen könnte, kennen möchte. Wie jemand, den jeder kennt. Ob es die eigene Mutter im mittleren bis hohem Alter ist, die interessante Stirnfalten hat, wenn sie sich über uns wundert. Oder die weise Großmutter mit Krähenfüßen an den Augen, je eines für zehn Jahre Lebenserfahrung. Das ist es doch, was wir sehen wollen. Das wahre Leben in Filmen, verkörpert von wahren Menschen. Diese Identifikationmöglichkeit macht manche Filme nämlich aus.

Wie dem auch sei, ich werde nächstes Jahr wieder pünktlich zur Werbung auf Pro7 einschalten, obschon ich weiß, dass nur die Jüngeren, die es sich noch leisten können, augenscheinlich ein Jahr älter geworden sein werden.


Vorschau: In der nächsten Woche bekommt ihr einen Text zu lesen, der sich mit einer besonderen Sichtweise auf Kino und Film beschäftigt.


Dieser Text stammt von unserem User Tautou. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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