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Ikonen des DTV-Actionkinos - Teil 1

Dolph Lundgren - Auteur wider Erwarten

27.05.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Dolph Lundgren in Expendables
© Splendid
Dolph Lundgren in Expendables
Gutes Genrekino gibt es nicht nur auf der Kinoleinwand zu sehen, im Gegenteil: Wer geradliniges No-Nonsense-Actionkino sucht, der sollte eher die Videothek um die Ecke durchstöbern. Wir porträtieren in unserer neuen Reihe sechs zentrale Ikonen des DTV-Actionfilms.

Dass Dolph Lundgren vielleicht der begabteste Regisseur sein sollte, der Dolph Lundgren jemals inszenierte, das ahnte wohl vor 2005 und der DVD-Premiere des großartigen DTV-Actionfilms The Mechanik kaum irgendjemand. Zu lange Zeit war Lundgren praktisch vergessen, zu lange lagen seine großen Kinorollen, als He-Man in Gary Goddards Masters of the Universe, als Frank Castle in Mark Goldblatts The Punisher oder als Andrew Scott in Universal Soldier von Roland Emmerich zurück. Und, nicht zu vergessen: Zu uninspiriert war das Gros jener Filme, mit denen auch Lundgren jenes tiefe Jammertal durchschritt, in das das DTV-Actionkino in den 1990er Jahren unaufhaltsam und scheinbar unwiederbringlich abrutschte. Doch dann, zur Mitte des letzten Jahrzehnts, war plötzlich alles anders – nach nur zwei (oder, na gut, anderthalb) großen Filmen von und mit Dolph Lundgren leuchtete die Zukunft jenes Segments des Actionkinos, welches direkt für die Videothekenregale produziert wird, plötzlich in strahlenden Schmutzig-Sepiatönen.

Dabei war eigentlich alles ganz anders gedacht: Der altgediente Actionveteran Sidney J. Furie, der noch in den 1980er Jahren für die Iron Eagle-Filmreihe verantwortlich zeichnete und mit Lundgren in der Hauptrolle 2004 bereits den klassisch-soliden Polizeithriller Direct Action inszeniert hatte, erkrankte während der Vorbereitung der Dreharbeiten zu The Defender plötzlich und so schwer, dass er den Film abgeben musste. Um den Dreh nicht komplett absagen zu müssen, boten die Produzenten Lundgren die Regie an, was dieser trotz der chaotischen Umstände und der geringen Vorbereitungszeit akzeptierte. Das Ergebnis war ein überaus eigenartiger Film, der in einer Welt weit jenseits der unseren, in der der zwar definitiv verachtenswerte, aber doch immerhin mit einer entschiedenen Begabung zur Selbstironie gesegnete Krawalltalkmaster Jerry Springer den Präsidenten der Vereinigten Staaten mimt, ein hochparanoides politisches Verschwörungsszenario entspinnt. The Defender trägt noch keine durchgehende künstlerische Handschrift; das kann er auch nicht, kam doch Lundgren lediglich kurzfristig als Auftragsregisseur ohne viele Möglichkeiten oder Zeit, den Stoff selbst zu entwickeln, in dieses Projekt hinein. Er spricht aber von einem entschiedenen Talent Lundgrens zur visuellen Inszenierung von Actionkino – und zum teils entspannt selbstparodistischen, teils dekonstruierenden, aber stets hochreflektierten Umgang mit dem Mythos des (alternden) Actionhelden.

Einen Höhepunkt in seinem eigenen Werk als auch eine Wegmarke in der Renaissance des DTV-Actionfilms überhaupt setzte Lundgren dann bereits mit seiner offiziell zweiten Regiearbeit The Mechanik – der gleichzeitig den ersten von Lundgren selbst erdachten und entscheidend geprägten Stoff darstellt. Hierfür greift er, weit zurückliegend in seiner Karriere, auf das Rollenbild des bösen Russen zurück, das er in Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts unter der Regie von Sylvester Stallone als Ivan Drago nachdrücklich prägte und in dem Meisterwerk Red Scorpion von Joseph Zito – neben Die rote Flut von John Milius und Red Heat von Walter Hill der wohl allerschönste Film über kommunistische Kampfmaschinen – auf den humanistischen Prüfstand stellte. Aus Nikolai Rachenko, dem sowjetischen Superkrieger aus Zitos Film, ist hier, notdürftig nur verschleiert, Nikolai Cherenko geworden – ein müde gewordener Spezialist des Tötens, der, nach der Ermordung seiner Familie innerlich abgestorben, nichts mehr will als ein leeres Leben als Automechaniker in den USA. Aber weit gefehlt – natürlich.

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