Der Sicario 2-Autor ist einer der überschätztesten Schreiber Hollywoods

Sicario, Hell or High Water, Wind River
© Studiocanal/Paramount/Wild Bunch/Central Film
Sicario, Hell or High Water, Wind River
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Die Geschichten aus den Drehbüchern von Taylor Sheridan handeln allem voran von harten Männern, die sich in einer noch härteren Welt behaupten müssen. Mit Sicario, Hell or High Water und Wind River schrieb Sheridan, der seine ersten Gehversuche im Filmgeschäft als Schauspieler begann, seine sogenannte Frontier-Trilogie. Darin widmete er sich den Grenzgebieten Amerikas, führte Zuschauer in den Krisenherd zwischen den USA und Mexiko oder in den Rust Belt, wo die sogenannten Abgehängten leben. Dagegen zeugen die heutigen Indianer-Reservate in den frostigen Regionen Wyomings von der grausamen Vergangenheit eines ganzen Landes.

Auch wenn sich Taylor Sheridan beispielsweise der traditionellen Genre-Mechanismen des Westerns bedient, um zeitgemäße Themen in klassischem Gewand zu beleuchten, sollte der Drehbuchautor keinesfalls so fälschlich überschätzt werden wie zum aktuellen Zeitpunkt. In Hollywood gilt er mittlerweile als die nächste große Stimme unter den Skript-Schreibern. Dabei offenbaren Sheridans Werke mehr und mehr einen Autor, der maskulines Durchsetzungsvermögen als einziges Mittel zum Erfolg predigt, während die Frauenfiguren in diesen Geschichten mit unübersehbarer Unbeholfenheit geschrieben sind. Deutlich wird dieser einseitige, längst vorhersehbar gewordene Stil so stark wie nie in Sicario 2, der seit dem vergangenen Donnerstag in den deutschen Kinos läuft.

Sicario als täuschender Einstieg in die bedenklichen Welten von Taylor Sheridan

In Sicario, zu dem Taylor Sheridan sein erstes Drehbuch schrieb und der von Denis Villeneuve inszeniert wurde, durfte sich der Zuschauer noch ganz hervorragend verlieren. Der Thriller fesselt neben den grimmigen Darstellungen von Josh Brolin als CIA-Agent und Benicio del Toro als zweckgesteuerter Auftragskiller vor allem aufgrund der von Emily Blunt verkörperten FBI-Agentin Kate Mercer. Sie ist die moralische Bezugsperson in Sicario, die sich im Tal der Wölfe verläuft, wie sie von Auftragskiller Alejandro in einem der typischen Dialoge aus der Feder von Sheridan erklärt bekommt. Neben fiebriger Spannung, die regelmäßig in gewaltigen Action-Sequenzen explodiert, ist der Film vor allem die Studie einer anfangs entschlossenen Persönlichkeit, die nach und nach am gnadenlosen Ausmaß ihres Berufes zerbricht.

Als Einstieg in das Autoren-Schaffen von Taylor Sheridan besitzt Sicario daher eine täuschende Qualität, die geschickt verschleiert, dass sich der Amerikaner selbst viel lieber in seinem selbsternannten Tal der Wölfe verläuft, anstatt mit einer verzweifelten Frauenfigur wie Kate Mercer rechtzeitig den Ausweg zu suchen. Auch Sheridans darauffolgende Drehbuch-Arbeit Hell or High Water lenkte die Sympathien des Zuschauers noch erfolgreich auf die beiden Brüder (Chris Pine und Ben Foster) im Mittelpunkt der Handlung. Das Drehbuch des Autors um die beiden vom System im Stich gelassenen US-Bürger in Texas inszenierte Regisseur David Mackenzie als Mischung aus staubigem Neo-Western und brodelnder Trump-Parabel, die das Befinden von dessen Wählerschaft in einer empathischen Outlaw-Geschichte untersuchte. Über das Frauenbild des Drehbuchautors war derweil kaum nachzudenken, da Frauen in Hell or High Water bis auf minimale Ausnahmen gar keine Rolle spielen.

Wind River als auffälliger Negativtrend im Schaffen von Taylor Sheridan

Aufgrund des Drehbuchs zum 3. Teil seiner Frontier-Trilogie Wind River, den er zudem selbst inszenierte, ließ sich über die bedenkliche Ideologie von Taylor Sheridan nicht mehr hinwegschauen. Den eigentlichen Kriminalfall der Geschichte schiebt der Autor die meiste Zeit über beiseite, um inmitten eines Indianerreservats im verschneiten Wyoming durch konfliktbelastete Figuren von einem Land zu erzählen, das in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Umgang mit seinen Ureinwohnern tiefe Narben aufweist.

Wie ein Spiegelbild von Kate Mercer aus Sicario wirkt hierbei die ermittelnde FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen), die erneut in eine harte Männerwelt gerät, wo sie von ihrer Ankunft an mit Misstrauen oder Scherzen bedacht wird, die an Frauenverachtung grenzen. In Taylor Sheridans streng maskuliner Drehbuch-Welt gerät die FBI-Agentin daher erneut in diversen Situationen ins Straucheln und braucht eine männliche Figur wie den erfahrenen Jäger Cory Lambert (Jeremy Renner), der ihr in dem Mordfall die entscheidenden Hinweise liefern kann und ihr in extremen Situationen das Leben rettet.

Sicario 2 als endgültiger Beweis von Taylor Sheridans bedenklicher Ideologie

Achtung, Spoiler zu Sicario 2 in diesem und den nächsten Absätzen: In dem von Stefano Sollima nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan inszenierten Sicario 2 fehlt von der FBI-Agentin Kate Mercer jede Spur, während CIA-Agent Matt Graves und Auftragskiller Alejandro die eindeutigen Protagonisten des Films sind. Das große Problem von Sicario 2 besteht darin, dass Sheridan seine Protagonisten zunehmend mit Identifikationsfiguren verwechselt. Sicherlich mag es zunächst konsequent erscheinen, dass dieser Männerdomäne der verkommenen Kaltblütigkeit endgültig jegliches moralisches Zentrum abhanden gekommen ist. Nichtsdestotrotz begeht der Drehbuchautor in dem Sequel wiederholt den Fehler, Matt und Alejandro in ein unangenehm heroisches Licht zu rücken.

Waren die Foltermethoden des CIA-Agenten und die unvermittelten Gewaltausbrüche des Auftragskillers im Vorgänger noch beunruhigende Randerscheinungen, wird Matts kompromissloser Wille für extreme Maßnahmen direkt in einer der ersten Szenen des Films noch einmal eindrücklich unterstrichen, wenn er die Familienmitglieder einer zu verhörenden Personen per Drohnenschlag töten lässt. Nebenbei lässt es sich die Kamera nicht nehmen, den Kleidungsstil von Matt humorvoll aufzugreifen, wenn dieser im Sequel nun Crocs anstatt Flip-Flops trägt. Ähnlich unangemessen ist auch die Szene, die bereits im Trailer als eine Art Highlight platziert wurde, in der Alejandro den Anwalt eines verfeindeten Kartells tötet, indem er das komplette Magazin seiner Waffe in ansehnlicher Pose in diesen feuert.

Schließlich sind es in Sicario 2 ebenfalls wieder die harten Männer, die sich in dieser harten Männerwelt behaupten und über sämtliche Vorschriften erheben. Die CIA-Agentin Cynthia Foards (Catherine Keener) gilt es für Matt lediglich zu überwinden, indem er ihren durchaus berechtigten Einwänden und Befehlen nicht Folge leistet. Isabela Reyes, die Tochter eines verfeindeten Kartellchefs und die andere Frauenfigur in diesem Film, dient dem Drehbuchautor hingegen ausschließlich dazu, die Demoralisierung sowie endgültige Zersetzung der menschlichen Seele zu veranschaulichen. Hierfür fängt Stefano Sollima regelmäßig das vor Schreck verzerrte oder vor Todesangst in Tränen versunkene Gesicht der 16-Jährigen ein. Wenn Alejandro in einer absurd konstruierten Plotwendung auch noch seine vermeintliche Hinrichtung per Kopfschuss überlebt und das letzte Wort erhält, triumphiert in Sicario 2 schlussendlich wieder einmal hauptsächlich der bedenklich überschätzte Taylor Sheridan.

Lest hier die Gegenmeinung: Der Sicario 2-Autor brilliert mit wortkargen Geschichten über Amerika

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