Brawl in Cell Block 99 ist ein Härtetest für die Zuschauer

Brawwwwl. Brrrrawl. Brawl in Cell Block 99.
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Brawwwwl. Brrrrawl. Brawl in Cell Block 99.
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Wenn ihr hören wollt, wie Hunderte Zuschauer wie auf Befehl schockiert nach Luft schnappen und aufstöhnen, dann empfehle ich ein Screening von Brawl in Cell Block 99. Mit 132 Minuten steht Autor-Regisseur S. Craig Zahler genügend Zeit zur Verfügung, um das Publikum non-stop mit dem Brechen von Knochen zu beschallen. Wie schon bei seinem Regiedebüt Bone Tomahawk geht der Schriftsteller, Musiker und Filmemacher Zahler jedoch geduldig vor. Der eigentliche Brawl wird erst spät im Film eingeläutet. Sobald die Schädel gegen Wände knallen und Vince Vaughn Gesichter auf nacktem Stein herumreibt, bis der weiße Knochen darunter sichtbar wird, kann der Abspann nicht schnell genug kommen. Brawl in Cell Block 99 ist einer der brutalsten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe, nervenaufreibend in seiner systematischen Zerstörung von Fleisch und Knochen, auch weil der sparsame Einsatz den Zuschauern keine Fluchtmöglichkeit lässt, außer durch die Tore des Kinosaals. Es gibt keine Hoffnung auf Abstumpfung. Verdammt gut ist der Film übrigens auch.

Ähnlich wie in Bone Tomahawk wird auch in Brawl in Cell Block 99 früh eine Ahnung von der Gewalt gegeben, die in dieser Filmwelt möglich ist, bevor sich das Drehbuch anderen Dingen zuwendet. In dem Western mit Kurt Russell und Patrick Wilson deutete sich der Horror mit dem Angriff auf die Räuber an, der schließlich den Plot in Gang bringt. In Brawl steht Vince Vaughns Bradley (nicht Brad!) in der Einfahrt seines Hauses, nachdem er gefeuert wurde, und merkt zufällig, dass seine Frau Lauren (Jennifer Carpenter) eine Affäre hat. Ein kurzes Geständnis, sie geht ins Haus. Bradley steht vor Laurens Wagen. Er schlägt mit der bloßen Faust aufs Fenster der Fahrertür ein. Er zehrt den Rückspiegel aus seiner Halterung. Er rammt seine Knöchel in den Seitenspiegel. Er schlägt auf die Motorhaube. Er reißt sie vom Wagen. Er setzt einen rechten Haken in den Scheinwerfer, auf dass dieser in tausend Einzelteile zerplatzt. Erst dann, nach der methodischen Verschrottung mit den eigenen Händen, erst dann geht Bradley ins Haus, um mit seiner Frau über ihre Gründe zu reden, die Fehlgeburt, die Frage, ob sie wieder trinkt, ob er wieder trinkt, das Unglück, das beide verfolgt, und den Plan, der alles ändern soll, mit dem sie ihre zweite Chance selbst ergreifen wollen.

Dank dieses Plans, der das Schmuggeln von Meth involviert, landet Bradley 18 Monate später im Knast. Dazwischen aber liegt die zweite Chance, neues Haus und Autos, eine Schwangerschaft und damit genügend Motivation, um den massigen Bradley mit seinem fett tätowierten Kreuz auf dem kahlen Hinterkopf durch den kommenden Parforceritt zu zwingen. Vince Vaughn bewegt sich als Bradley mit einer unnatürlichen Ruhe durch die Szenerie. Jeder Schritt wird vermessen. Schwerfällig wirkt das nur an der Oberfläche. Es sind vielmehr die Bewegungen eines Mannes, der genau weiß, was er anzurichten im Stande ist. In seinem Tempo tut es ihm Zahlers Drehbuch gleich. Bradleys schwangere Frau wird von einem Drogenboss entführt, er soll für ihre Freiheit jemanden ermorden. Mit der wachsenden Unausweichlichkeit eines Uhrwerks werden die Schritte vollzogen, die Bradley spät im Film in den Zellenblock 99 eines privaten Hochsicherheitsgefängnisses führen. Der Brawl im Titel wird mit zunehmender Laufzeit zum furchteinflößenden Schemen am Filmhorizont, erst recht, als wir erstmals sehen, was Bradley an einem Menschenkörper anrichten kann.

In Bone Tomahawk finden sich die Cowboys in einem kannibalistischen Höllenkreis wieder, der einer anderen Welt entsprungen scheint. Gleichzeitig maximiert und reflektiert er die Paranoia, mit der die Männer sich durch ihr erobertes Land bewegen. Bradley steigt in Brawl in Cell Block 99 in eine Höhle herab, die dezidiert der Zivilisation entsprungen ist. Im privaten Redleaf-Gefängnis, geführt von Don Johnsons Warden, werden Häftlingskörper auf Zahlen auf der Haben-Seite reduziert. Sie werden gehortet und gezüchtigt. Das Grau in Grau des öffentlichen Gefängnisses wird von blanken Mauern und unterirdischen Gängen ersetzt, ein mittelalterlicher Folterkeller als letzte Lagerstätte der Insassen.

Michael Shannons Schurke scheint in Guillermo del Toros The Shape of Water, der ebenfalls beim Filmfestival in Sitges läuft, bisweilen selbst auf der Tonspur herumzukauen, so durchdringend wird sein verbissener Süßigkeitenverzehr in der Perspektive der stummen Heldin betont. Das Sound Design lernt uns in Brawl in Cell Block 99 regelrecht fürchten. In der Inszenierung wird der Blick lang und ausdauernd auf die wuchtigen Schläge gehalten, die Bradley austauscht und einsteckt. Formale Eleganz liegt nicht im Sinne der Choreografie, die ganz auf die physische Präsenz von Vince Vaughn zugeschnitten ist. Es fehlt bei weitem nicht an dem, was normalerweise Gore heißen würde, liefe es hier nicht vergleichsweise trocken und methodisch ab, weshalb der Begriff ein wenig in die Irre führt. Dank des durchdringenden Knacksens und Brechens von Knochen, dem matschigen Widerstand eingedrückter Augäpfel und dem Stampfen dicker Gummisohlen auf Kehlen und Schädel entwickelt sich Brawl in Cell Block 99 im Finale allerdings zu einer die Eingeweide zusammenziehenden physischen Erfahrung.

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Was alles nach einem durchschlagenden Debüt schief laufen kann, zeigt im direkten Vergleich Can Evrenol, in dessen Schocker Baskin eine Gruppe von türkischen Polizisten ihr ganz eigenes Bone Tomahawk erlebt. Baskin profitierte von der Reduktion der Kurzfilmidee, die ihm zugrunde lag. Der Nachfolger Housewife, eine der kurioseren Enttäuschungen beim Filmfestival in Sitges, wirkt nun, als hätte Evrenol beinahe zwanghaft nach Füllmaterial für einen Spielfilm gesucht, um sich im Finale mit einem Mindfuck selbst zu toppen. Was letztlich bemüht und damit ineffektiv erscheint, egal wie vielen Leuten nun das Gesicht abgezogen wird, um damit eine satanische Uri Geller-Show abzuliefern (fragt nicht). Immerhin schwingt in Housewife der Charme von europäischen Genrefilmen aus den 1970ern mit, da alle offensichtlich nicht englischsprachigen Schauspieler (einmal mehr aus Zwang) Englisch sprechen und dadurch der Eindruck einer bizarren Synchro entsteht.

S. Craig Zahler erzählt demgegenüber auch in seiner zweiten Regiearbeit eine ihrem Wesen nach simple Geschichte. Diesmal obliegen die würzigen One-Liner mit Südstaaten-Drawl Vince Vaughn, der, ebenso wie Jennifer Carpenter, Gelegenheit erhält, seine Figur zu humanisieren. In seinem Fall darf die hypermaskuline Fassade bröckeln und Vaughn ist dem schauspielerisch gewachsen. Bei allem Brechen und Knacken steht im Kern von Brawl in Cell Block 99 ein abgeklärtes Liebespaar, das manch Chance vertan hat. Erinnert sei an Thief - Der Einzelgänger von Michael Mann und an die Ehrlichkeit, mit der die Figuren von James Caan und Tuesday Weld im Diner ihre Karten auf den Tisch legen. Die erste Aussprache zwischen Bradley und Lauren ist davon nicht entfernt - nachdem Vince Vaughn mit bloßen Händen ein Auto vermöbelt hat.

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