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Boston Legal - Ein Blumenstrauß voller Anekdoten

07.11.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Denny & Alan
© Twentieth Century Fox
Denny & Alan
Eine liebgewonnene Serie muss auch mal gewürdigt werden. User Stormbringer nutzt die Möglichkeit, die ihm die Speakers’ Corner bietet.

Denny Crane!
Wurde sich zu A-Team- und MacGyver-Zeiten noch gepflegt mit Hieben und Tritten der Frack gebügelt, so geschieht das auf ähnlich brachiale Weise in Boston Legal – aber mit Worten. Die Serie spielt in der renommierten Anwaltskanzlei Crane, Poole & Schmidt und dreht sich um den Alltag der dort angestellten Anwälte. Dass das natürlich keine aschfahlen Sesselfurzer sind, versteht sich von selbst. Gestemmt wird die Serie hauptsächlich von den Blutsbrüdern Alan Shore (James Spader) und Denny Crane (William Shatner), die alle 5 Staffeln durchweg präsent und sich für keinen Witz zu schade sind. Des Weiteren wuseln noch allerlei andere Figuren durch die Gänge von Crane, Poole & Schmidt, die zwar zum Teil von Staffel zu Staffel wechseln, aber allesamt erwähnenswert sind. Hinzu kommen dann noch aberwitzige Mandanten mit zum Teil noch aberwitzigeren Fällen, von denen pro Folge regulär zwei behandelt werden, was dann von einer Kuriosität zur nächsten führt. Dabei ist es nicht selten, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und sogar Gott verklagt werden, was das amerikanische Gerichtssystem natürlich ad absurdum führt. Boston Legal wandelt dabei auf dem Grat zwischen lustig und lächerlich und driftet auch gerne mal ab, vor allem dann, wenn die Serie sich selbst auf die Schippe nimmt. Nichtsdestotrotz kann man sie ernst nehmen, da einige Drama-Elemente als Gegengewicht eingestreut werden – auch wenn Alan und Denny ab und zu in rosa Flamingo-Kostümen stecken. All das macht Boston Legal zu einem bunten Potpourri, von dem man nicht satt werden möchte.

Karikatur und trotzdem verhaltensgestört
Die Serie lebt ausschließlich von ihren karikaturhaften Charakteren. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass so gut wie alle Anwälte der Kanzlei an mittelschweren bis starken Charakterstörungen leiden. Zum Beispiel der paradoxe Alan Shore, das zynisch-berechnende Biest von Anwalt, das seine Gegner systematisch scharfzüngig und ohne jeden Anflug von Scham oder Reue mit genialen Schlussplädoyers auseinander nimmt, hegt eine innige Männerfreundschaft zu Denny Crane und hat eine Schwäche für Beischlaf mit hübschen Frauen, die man seiner teilweise unterkühlten Art gar nicht zutrauen würde. Der Mitgründer und Gerichtssaalhengst Danny Crane, der beim Klang seines eigenen Namens orgasmisch zusammenzuckt, sein voranschreitendes Alzheimer mit BSE vertuscht und alles besteigt, was bei drei nicht hinter Gittern ist, steht charakterlich auch nicht geradliniger da. Selbst die Nebencharaktere können von sich behaupten, abseits jeder normalen Figurenzeichnung zu sein – selbst Mandanten und Richter. Extrembeispiele sind hier die Anwälte Jerry Espenson (Christian Clemenson) und Clarence Bell (Gary Anthony Williams). Während der eine am Asperger-Syndrom leidet und seine Ticks wie Hände auf die Oberschenkel pressen, hüpfen oder schnurren schwer unter Kontrolle bringen kann, hat der andere eine gespaltene Persönlichkeit und kann sich nur richtig artikulieren, wenn er eine andere Person und Hülle benutzt (u.a. Oprah Winfrey). Jede dieser Rollen ist ausnahmslos einmalig besetzt.

Eine Serie für den modernen Macho
In Boston Legal werden nicht nur gegnerische Anwälte gebitchslapped, sondern auch viele Frauen. Alan und Denny wissen die Damen zu beglücken – manchmal mehr, manchmal weniger charmant. Während Alan neue Kolleginnen oder gar Richterinnen mit seiner Wortkunst umsäuselt, hat Denny gerne mal „heißen, verschwitzten Sex“ mit seiner sechsten Ehefrau in einer Umkleide oder geht gar beim ersten Treffen, oftmals im eigenen Büro, auf Tuchfühlung – meist jedoch erfolglos. Die Frauengeschichten in dieser Serie sind manigfaltig und nehmen fast schon polygame Züge an – daher ist es unvermeidlich, dass es zum Kreuzverhör kommt, wenn beide Hauptakteure an einer Frau graben. Das mag bei den ersten Folgen befremdlich erscheinen, doch gewöhnt man sich ziemlich schnell daran. Man wartet sogar irgendwann auf den nächsten Anmachspruch.

Balkongeflüster
Fast jede Folge liegt einer nahezu traditionellen Gliederung zugrunde. Besonders hervorzuheben ist daher die letzte Szene: der allabendliche Balkondialog. Ganz nach männlicher Manier resümieren Alan und Denny den abgelaufenen Tag bei Scotch und Zigarren. Dabei nimmt meist jeder der beiden Stellung zum Fall des anderen und erläutert dabei, wie er gehandelt hätte. Hierbei spielen vor allem die politischen Neigungen, die die ganze Serie über präsent sind, eine große Rolle: während Denny als Republikaner Ausländer am liebsten für Amerika in den Krieg ziehen lassen wollen würde, um sie danach nicht mehr ins Land zu lassen und generell seine Probleme mit Waffengewalt löst, ist Alan als Demokrat der diplomatischere. Trotz der Zwististigkeiten und Einstellungsunterschiede sind die beiden durch eine großartige und enge Männerfreundschaft verbunden, die man beruhigt als platonische Liebe bezeichnen kann – selbsterfundene „Schlafparties“ einbezogen. Daraus resultiert ein bunter Blumenstrauß voller Anekdoten, die den Zuschauer nachdenklich, aber meist schmunzelnd zurücklassen, während die Credits über den Bildschirm flimmern.

Vorschau: Was fehlt in der Speakers’ Corner noch? Richtig, Lyrik! Die gibt es beim nächsten Mal.

Dieser Text stammt von unserem User Stormbringer. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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