Berüchtigt ist Alfred Hitchcocks großer Liebesfilm

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You want it darker, we kill the flame.

1946 war Alfred Hitchcock bereits ein erfahrener Regisseur, mit Liebesfilmen brachte man ihn bis dahin allerdings kaum in Verbindung. Berüchtigt, der in besagtem Jahr in den US-amerikanischen Kinos startete, ist aber genau das. Zwar wartet er daneben noch mit Krimi- und Thrillerelementen inklusive klassischem Suspense auf, doch die vermögen schwerlich abzulenken von der nur vordergründig simplen Geschichte um zwei Männer, die - wer könnte es ihnen verübeln? - zur gleichen Zeit Ingrid Bergman verfallen. Bei dem einen handelt es sich um einen US-Regierungsagenten, bei dem anderen um ein Mitglied einer Nazi-Organisation. Vor der Liebe sind indes alle gleich, was Hitchcock seinem Publikum nur allzu schmerzlich vor Augen führt. Darüber hinaus treffen wir erstmals auf eine jener dominanten Mutterfiguren, die sich durch einige später entstandene Klassiker des Meisters wie ein roter Faden ziehen sollten. Berüchtigt markiert also auf gleich mehreren Ebenen eine entscheidende Entwicklungsstufe in der Karriere des legendären Filmemachers.

In Berüchtigt wird gegen die Regeln geliebt

In hohem Maße lebt der Film von der Starpower seiner Hauptdarsteller Ingrid Bergman und Cary Grant, auf die Hitchcock verständlicherweise vollumfänglich setzt - und das sogar so sehr, dass wir Grant in seiner ersten Szene nur von hinten sehen, was natürlich genügt, um ihn problemlos zu identifizieren. Besonders zum Tragen kommt die Strahlkraft der Protagonisten aber natürlich immer dann, wenn sie sich auch körperlich einander annähern. In diesem Sinne umging der Regisseur nach allen Regeln der Kunst ein damaliges Verbot des Production Codes, welches besagte, dass auf der großen Leinwand nicht länger als drei aufeinanderfolgende Sekunden geknutscht werden durfte. So beeindruckt Berüchtigt mit einer zweieinhalbminütigen Sequenz, in der sich die Lippen von Grant und Bergman abwechselnd kurz treffen und wieder voneinander ablassen, um fließend in ein vertrautes Säuseln überzugehen. Beide Darsteller bleiben dabei wohlgemerkt komplett angezogen und doch ist die knisternde Erotik des Moments kaum zu toppen.

Durchgehend Friede, Freude, Eierkuchen ist deshalb zwischen den Charakteren in Berüchtigt aber keineswegs angesagt. Vielmehr schwebt von Beginn an ein dunkler Schatten der Unsicherheit über der Beziehung zwischen der umtriebigen Trinkerin Alicia Huberman (Bergman) und dem von Grant verkörperten Agenten T. R. Devlin. Devlin nämlich soll Alicia - ihres Zeichens Tochter eines verurteilten Vaterlandsverräters - umgehend auf den Nazi Alexander Sebastian (Claude Rains) ansetzen, der mit der Frau bekannt ist und vor langer Zeit schon einmal verliebt in sie war. Wenig überraschend flammen Sebastians Gefühle bald wieder auf und betreffen an Intensität mutmaßlich sogar jene Devlins, der nur schwer Vertrauen zu anderen Menschen - einschließlich Alicia - fassen kann. Auf einem Nährboden wie diesem wachsen gebrochene Herzen.

Leopoldine Konstantin verbreitet in Berüchtigt Angst und Schrecken

Tatsächlich ist der Nazi-Verschwörer am Ende die tragischste Figur des Films. Sein Kontakt zu der Spionin stellt eine immense Gefahr für ihn dar, denn Saboteure jener rechtsextremen Organisation, deren Mitglied er auch ist, werden ohne Diskussion liquidiert. Indes weiß er zunächst gar nicht um Alicias wahre Absichten, das gesamte Ausmaß seines zusehends dringlicher werdenden Dilemmas kennen anfangs lediglich seine filmischen Widersacher und der Zuschauer. Zu allem Überfluss hat Sebastian auch noch mit seiner besitzergreifenden Mutter Anna (unnachahmlich: Leopoldine Konstantin) zu kämpfen, die neben sich keine zweite Frau im Leben ihres Sohnes duldet und es kaum erwarten kann, die "Konkurrentin" aus dem Weg zu räumen - wenn es sein muss, auch durch Alexander. Jenen furchteinflößenden Typus Mutter trafen wir nach Berüchtigt noch in einigen späteren Hitchcock-Klassikern wie Marnie, Die Vögel und natürlich Psycho an, hier aber schlug seine Geburtsstunde.

Alfred Hitchcock selbst war es, der die Etablierung des sogenannten MacGuffin prägte. Der Begriff bezeichnet eine Person oder Sache, die die Handlung eines Werks vorantreibt, ohne aber darüber hinausgehend zwangsläufig von großer Bedeutung zu sein. In Berüchtigt findet sich ein Musterbeispiel für einen solchen Erzählkniff, namentlich das in einer Weinflasche versteckte Uranerz in Sebastians Keller. Damals war noch nicht überall verbreitet, dass Uran der Herstellung von Atombomben dienen kann, weshalb Produzent David O. Selznick ursprünglich Bedenken mit Blick auf das Drehbuch äußerte. Hitchcock erzählte später, er sei Mitte der 1940er Jahre gar vom FBI beschattet worden, bestätigt wurde die Geschichte allerdings nie. Außergewöhnlich ist obendrein der Umstand, dass Berüchtigt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs offen und kritisch die Methoden der US-Administration ins Visier nahm. Dies lässt schon klar seine Prämisse durchblicken, wonach die weibliche Hauptfigur Alicia sich für Belange der Regierung prostituieren soll. Ein kommerzieller Erfolg war das Drama trotz seines in so vielen Belangen unkonventionellen Wesens.

Berüchtigt mag 2018 seinen 72. Geburtstag feiern, alt werden kann der Klassiker allerdings nicht wirklich. Im Wesentlichen erzählt er von dem schwierigen Bedürfnis, vertrauen zu wollen und - auf der anderen Seite - Vertrauen geschenkt zu bekommen. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Berüchtigt ist der ultimative Liebesfilm.

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