Hong Sang-soo und die Poesie der Variation

Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo
© Grandfilm/Berlinale
Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo
28.01.2018 - 12:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Aktuell ist Hong Sang-soo mit seinem jüngsten Werk, On the Beach at Night Alone, im Kino zu sehen. Doch was macht Filme des südkoreanischen Regisseurs so besonders? Wir haben uns sein Œuvre näher angeschaut.

Dieser Artikel erschien erstmals am 13.02.2017 im Rahmen der Berlinale 2017. Seit dieser Woche läuft Hong Sang-soos On the Beach at Night Alone endlich in den deutschen Kinos.

Die Produktivität eines Regisseurs kann vieles bedeuten, steht jedoch selten für einen konstanten Pegel an Qualität. Woody Allen dürfte wohl das berühmt-berüchtigste Beispiel für dieses Phänomen sein. Beinahe jedes Jahr bringt der US-amerikanische Regisseur einen neuen Film in die Kinos und spaziert dabei so selbstverständlich über die roten Teppiche internationaler Festivals, dass sich früher oder später die Frage stellt, wie er das nur macht. Ein genauerer Blick in seine Filmographie deutet jedoch ein extrem schwankendes Auf und Ab an sehenswerten und weniger sehenswerten Beiträgen an, von der ermüdenden Wiederholung altbekannter Themen und Motive ganz zu schweigen. Der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo ist seit seinem Debüt ähnlich produktiv und muss sich gelegentlich vorhalten lassen, ständig bloß den gleichen Film zu drehen. Dennoch wäre es ein großes Versäumnis, auch nur einen einzigen seiner Filme zu verpassen.

20 abendfüllende Spielfilme hat Hang Sang-soo seit 1996 inszeniert. Dazu kommen diverse Kurzfilme sowie anderweitige Segmente, die Teil von größeren Filmunternehmungen sind. In seiner Eigenschaft als Autorenfilmer ist er zudem ebenfalls für das Drehbuch verantwortlich, wobei Drehbuch im Fall von Hong Sang-soo ein überaus dehnbarer Begriff ist. Für gewöhnlich macht er sich zu Beginn eines jeden Drehtags lediglich ein paar Notizen, die er später an seine Schauspielerinnen und Schauspieler weitergibt. Eine konkrete Vision davon, wie der Film am Ende aussehen soll, existiert dennoch - nur eben in seinem losen Rahmen, der viel Spielraum für Variationen aller Couleur bietet. Die Art und Weise, mit der Hong Sang-soo seine Filme dreht, spiegelt sich auch im narrativen Rahmen wieder. Aus einer vertrauten Szene entsteht durch die Veränderung minimaler Details etwas völlig Neues, etwas völlig Ungeahntes.

Right Now, Wrong Then

Warum und wie funktioniert das? Right Now, Wrong Then, der im vergangenen Jahr als erster Film von Hong Sang-soo mit einem deutschen Kinostart beehrt wurde, ist wohl das beste Beispiel dafür. Erzählt wird die Geschichte des Regisseurs Ham Cheon-soo (Jae-yeong Jeong), der sich auf dem Weg zu einer Filmvorführung in Suwon befindet, wo er einen Tag früher eintrifft als geplant. Daraufhin macht er die Bekanntschaft der Malerin Yoon Hee-jeong (Min-hee Kim) und die beiden lernen sich in einem Gespräch inklusive Soju en masse besser kennen. Doch die Unterhaltung nimmt eine böse Wendung, als Hee-jeong herausfindet, dass ihrem Gegenüber nicht nur der Ruf eines Womanizers vorauseilt, sondern dass dieser ebenso verheiratet ist. Die Bekanntschaft ist vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat - der Film allerdings noch nicht. Stattdessen befinden wir uns exakt in der Mitte und die Geschichte beginnt von vorne.

Wie beim ewigen Erwachen am Murmeltiertag greift hier das erste und vielleicht wichtigste Element in den Filmen von Hong Sang-soo: die Wiederholung. Nicht nur wird die Handlung wieder zum Punkt der Prämisse zurückgeführt. Nein, die Wiederholung greift noch bedeutend weiter: Sie streckt sich über die komplette Filmographie, an der Hong Sang-soo seit knapp zwei Dekaden mit aller Sorgfalt feilt. Alleine die Konstellation von einem Mann und einer - in der Regel jüngeren - Frau, die beim geselligen Beisammensein und jeder Menge Alkohol über die Liebe und das Leben reden, gehört zum elementaren Bestandteil seiner Filme. Dazu kommt die reflexive Ebene des Filmemachens, ebenso die Beobachtung der Geschlechter: Meistens befindet sich ein Regisseur im Mittelpunkt der Ereignisse, der - von sich selbst überzeugt - sämtliche Probleme seines Lebens auf die Frau projiziert, die ihm gegenübersteht, wobei sich oft die Realität mit Träumen vermischt.

Right Now, Wrong Then

Dass die Grenzen zwischen dem Wahrhaftigen und der Fantasie verschwinden, ist für uns Zuschauer nicht sofort ersichtlich. Ausschlaggebend dafür ist Hong Sang-soos gleichermaßen strenge wie leichtfüßige Inszenierung. Seine filmischen Räume offenbaren mindestens genauso viel Disziplin, wie sie gewisse Unebenheiten zulassen. Auffällig ist in erster Linie die schlichte, minimalistische Herangehensweise. Lange Einstellungen werden bloß von wenigen ausgewählten Schnitten durchtrennt. Ein starrer Rahmen für einen Regisseur, der sich dermaßen beständig auf das Element der Variation verlässt. Doch dann gibt es immer wieder unerwartete Ausbrüche, die das Bild in ihrer Bewegung geradezu erschüttern. Auffällige Zooms oder ein plötzlicher Schwenk zur Seite - unzählige dieser feinen, versteckten Nuancen lassen sich im Œuvre von Hong Sang-soo entdecken. Sie sind es schließlich auch, die einen Hinweis auf die Deutung der Geschehnisse liefern.

Kommen wir zurück zu Right Now, Wrong Then, bei dem der Titel bereits einer kleinen Synopse gleicht. Endete das erste Gespräch zwischen Cheon-soo und Hee-jeong in einer Katastrophe, gestaltet sich der zweite Versuch aufgrund minimaler Veränderungen als Erfolgserlebnis für beide Teilnehmer, die fortan glücklich ihr Beisammensein genießen. Nur wir Zuschauer sind im Bilde über die komplette Situation und wie sie hätte verlaufen können - genauso wie wir mittlerweile 20 Filme von Hong Sang-soo gesehen haben, die sich stets in mal mehr, mal weniger offensichtlichen Abänderungen unterschieden. Bei einem - sowohl formal als auch inhaltlich - so aufmerksam durchkomponierten Lebenswerk gibt es kaum etwas Aufregenderes, als zu sehen, was Hong Sang-soo als Nächstes anders macht und was nicht. Jeder seiner Filme fühlt sich wie ein weiterer Baustein in einem größeren Gebilde an. Überflüssig oder redundant ist hier gar nichts.

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