Berlinale 2016 - Miles Ahead & die (un)sterbliche Musiklegende

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© Sony Pictures/Berlinale
Miles Ahead
21.02.2016 - 09:30 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Mit Miles Ahead liefert Don Cheadle nicht nur sein Regiedebüt in Spielfilmlänge ab, sondern setzt einem einmaligen Künstler ein starkes Denkmal in Form bewegter Bilder, das mit viel Jazz und anderen Eskapaden ins New York der 1980er Jahre entführt.

Miles Ahead ist nicht nur ein Album (inklusive titelgebendem Song) von Miles Davis, sondern ebenfalls der Titel von Don Cheadles Biopic, das sich mit einer ganz bestimmte Phase im Leben des Musikers auseinandersetzt. Am vergangenen Donnerstag feierte das Werk seine Premiere im Rahmen der Special-Sektion der Berlinale 2016. Don Cheadle, der in die Rolle der unsterblichen Jazz-Legende schlüpft, liefert mit Miles Ahead nicht nur eine schauspielerische Glanzleistung ab, sondern ebenfalls sein Regiedebüt in Spielfilmlänge. Darüber hinaus zeichnet er sich zusammen mit Steven Baigelman für das Drehbuch verantwortlich und fungierte als Produzent. Diese hingebungsvolle Schaffenskraft ist in jeder Sekunde des fertigen Films spürbar - genauso wie die aufrichtige Anerkennung für eine Legende der (Musik)Geschichte.

New York City, 1980: Ganze fünf Jahre sind bereits vergangen, seit Miles Davis (Don Cheadle) seine letzte Platte veröffentlicht hat. Jetzt lebt er zurückgezogen in seiner geräumigen Wohnung, die im Dunst des Vergehens zu ersticken droht. Abseits von Drogen und Alkohol dominiert vor allem Trauer das Leben des Künstlers, denn seine große Liebe und Muse, namentlich Frances Taylor (Emayatzy E. Corinealdi), gehört fortan dem düstersten Kapitel seiner eigenen Vergangenheit an. Dementsprechend meidet Miles Davis konsequent die Öffentlichkeit, die Musik ebenso. Es muss schon der monatliche Gehaltscheck von Columbia Records fehlen, damit er sich bemüht, zum Hörer zu greifen. Doch dann steht eines Tages Rolling Stone-Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) vor der Tür und will die Story über sein Comeback schreiben, ehe Miles Davis selbst davon weiß.

Almost Famous - Fast berühmt feat. The End of the Tour: Die Parallelen zu den genannten Filmen (der erste von Cameron Crowe, der zweite von James Ponsoldt) sind fast zu offensichtlich. Tatsächlich driftet Miles Ahead durch die vertraute Konstellation der Musiker-Reporter-Beziehung in eine ähnliche Richtung, die sich in Berlinale-Beiträgen am ehesten als eine Mischung aus Love & Mercy und Life zusammenfassen lässt - beide waren im vergangenen Jahr im Programm des Festivals zu sehen. Auf der einen Seite geht es in Miles Ahead also deutlich um die Beziehung zweier Männer, die unter ungewöhnlichen Umständen in einem speziellen Abschnitt ihres Lebens aufeinandertreffen: Miles Davis, der sich gerade in einer Lebenskrise befindet, und Dave Braden, der auf den großen Durchbruch mit seiner Exklusivstory hofft, die er auf eigene Faust durchzieht. Auf der anderen Seite erzählt Miles Ahead aber auch unheimlich viel über das Musikersein an sich und ebenso die dazugehörende Musik.

Auf einmal werden die Harmonien und unscheinbare Zwischentöne greifbar. Don Cheadle versteht es, das Genie hinter den Kompositionen zu entschlüsseln, ohne es zu entmystifizieren. Ganz beiläufig werden einzelne Passagen von Miles Davis' Musik in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und gezeigt, wie nach und nach ein Stück entsteht. Die Songs atmen und leben - besonders eine umfangreiche Sequenz im Aufnahmestudio, die via Flashback ins übergeordnete Narrativ eingeht, offeriert einen - regelrecht sinnlichen - Einblick in den Arbeitsprozess des Virtuosen. Wo am Anfang noch Vorbilder und Inspirationen genannt werden (Frédéric Chopin natürlich und Igor Strawinsky, weiterhin spielt auch Maurice Ravel eine entscheidende Rolle beim Studium der tonalen Künste), betont Miles Davis immer wieder, dass er auf keinen Fall in Schubladen gesteckt werden will. Alleine der Verweis als Meister des Jazz in einem einleitenden Interview erweckt seine Missgunst.

Miles Davis kann sie nicht mehr ertragen, diese Welt, in der alles kategorisiert wird. Nicht zuletzt sieht er sich anno 1980 mit einem künstlerischen Erbe konfrontiert, das auf den ersten Blick aus den immer drei gleichen Songs zu bestehen scheint. Erst, wenn er höchstpersönlich im Radio einen Wunsch äußerst, schafft es einer seiner persönlichen Favoriten auf die Trackliste, der in der allgemeinen Wahrnehmung untergegangen ist. Selbstverständlich gibt es die drei großen Hits, doch danach muss man sich weiterentwickeln, um lebendig zu bleiben - sowohl als Person als auch in der Musik. Dabei geht es in erster Linie gar nicht darum, sich neu zu finden, sondern erst einmal sich selbst. "Weißt du eigentlich, wie unglaublich schwer es ist und wie unglaublich lange es dauert, bis ich herausgefunden habe, wie sich meine Musik anhören soll?", gesteht Miles Davis mit rauchiger wie verzweifelter Stimme seinem Gegenüber.

Glücklicherweise hat er in Dave Bradon einen willkommenen Konterpart gefunden, der eigentlich gar nicht über die Waffen und Drogen schreiben will, sondern viel lieber über die Musik. Gleichzeitig ist es so, dass Miles Davis' Stücke in andere Welten entführen und somit automatisch Ablenkung auf dem Plan steht. Es ist eben auch ein Wagnis und Abenteuer, einen Künstler dieses Kalibers kennenzulernen - da kann es durchaus zu einem Shootout mitsamt schweißtreibender Verfolgungsjagd im Anschluss kommen. Miles Ahead gestaltet sich folglich nicht als Biopic im konventionellen Sinn. Viel mehr ist es eine Annäherung an die Persona Miles Davis, die sich sowohl aus biografischen Eckpunkten als auch urbanen Legenden zusammensetzt. Vor allem das Urbane hebt Don Cheadle in seiner Inszenierung hervor: Das New York des Film ist ein pulsierendes Monster, in dem der Dunst in den Straßen steht und der Schatten gigantischer Bauwerke in der unscheinbaren Düsternis einer Pfütze versinkt.

Rau und grobkörnig: Nicht nur der visuelle Rahmen passt sich dem durchtriebenen Protagonisten des Films an. Auch seine Charakterzeichnung beschäftigt sich mit den düsteren Facetten des Lebens in Rastlosigkeit. Im übergeordneten Handlungsstrang tritt ein heruntergekommenes Wrack auf, das verflossener Liebschaften nachtrauert. In den eingestreuten Rückblenden entsteht das Porträt eines unberechenbaren Mannes, der sich - im Gegensatz zu seiner perfektionierten Musik - überhaupt nicht unter Kontrolle hat. Die Gewalt gegen Frauen blendet Miles Ahead beispielsweise nicht aus. Gegen einen plakativen wie moralinsauren Grundtenor wehrt sich Don Cheadle allerdings gekonnt, indem er die Kritik mit der Geschichte verwebt, sie sozusagen organisch in seinen Film integriert. Besonders in puncto Schnitt ist Miles Ahead herausragend komponiert: Die einzelnen Zeitebenen verlaufen im assoziativen Kontext und lassen genügend Freiraum, um zwischen den Zeilen zu lesen.

Großartig ist es, wenn ein Telefonat zwischen Miles Davis und Frances Taylor, das sich um den bröckelnden Status quo ihrer Beziehung dreht, in einer Montage aus Polaroid-Fotos auflöst. Gezeigt werden Momentaufnahme, die von der Hochzeit der beiden erzählen, obwohl soeben noch die Beziehungsprobleme des Paars im Raum standen. Der gesamte Konflikt wird durch die fließende Aneinanderreihung der Schnappschüsse elegant und aussagekräftig gelöst - und zwar so, dass sie hinsichtlich der Dramaturgie des Films funktioniert. Dynamisch fügt sich die Sequenz ins Gesamtkunstwerk ein, ohne den Fokus vom Kern abzulenken. Es ist bemerkenswert, wie präzise und mit welcher Weitsicht Don Cheadle Miles Ahead inszeniert hat. Wo am Anfang kaum Musik zu vernehmen war, nimmt sie am Ende immer mehr zu. Nahezu unendlich scheint der Augenblick, wenn der Protagonist im Finale wieder zur Trompete greift.

Abschließend erscheint Miles Davis Geburtsdatum auf der großen Leinwand - doch dann reißt die erwartete Vollendung der Geschichte ab. Der Respekt und die Bewunderung für einen Künstler und dessen unvergleichliches Schaffen wird ewig anhalten. Miles Ahead ist eine tiefe Verbeugung vor dem Genie und trotzdem geht Don Cheadles filmischer Traum keineswegs blind in Erfüllung. In Dave Bradon - so unscheinbar die Figur in Anbetracht einer impulsiven Persönlichkeit wie Miles Davis wirkt - spiegeln sich nämlich Enttäuschung, Rückschlag und Niederlage wieder. Denn dieser hat das unsterbliche Idol in einer sterblichen Phase hautnah erlebt, ist in seine Welt eingetaucht und kann von den gemeinsamen Abenteuern im New York der 1980er Jahre berichten wie kein zweiter. Und genau darin liegt die Stärke von Don Cheadles Biopic, das vordergründig versucht, sich dem Geist einer Person anzunähern, anstelle biographische Details abzuhandeln - und das gelingt ihm absolut.


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