Anti-MCU-Film: Wie Venom alles falsch macht & trotzdem erfolgreich ist

Marvels Venom mit Tom Hardy
© Sony Pictures
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Venom hat der verkrampften Blockbuster-Industrie im letzten Monat etwas bewiesen, das sie vielleicht vergessen hat: Nicht jeder Kino-Erfolg ist planbar. Du kannst Dwayne Johnson in ein Hochhaus oder in den Kampf mit einem Riesengorilla schicken und das Publikum wird es dir wahrscheinlich mit Millionen danken. Du kannst wie Disney einen Superheldenfilm als große Wrestling-Show konstruieren, in der über Jahre aufgebaute Superhelden nacheinander an einem Oberoberbösewicht zerbrechen, und damit Milliarden verdienen. Aber dass sich Filmfans in einen Unfall wie Venom verlieben, ist eine dieser unvorhersehbaren Erfolgsgeschichten, wie sie in Hollywood seltener geworden sind.

Venom ist das pure Chaos und anders als jeder Blockbuster im Jahr 2018

Venom im Kino zu sehen, ist, wie zwei befreundeten Katzen dabei zuzuschauen, die sich in wilder Raserei balgen: Das Geschehen folgt keiner klaren Linie, keiner der Beteiligten weiß, was er tut, und der Zuschauer hat keine Ahnung, ob es die Viecher ernst meinen oder nur ihren Spaß haben, ob er eingreifen muss oder das Ereignis einfach genießen darf. Es ist das pure Chaos. Venom ist die Art Film, die eigentlich gar nicht existieren dürfte, zumindest nicht in einer stromlinienförmig durchgenormten Blockbuster-Ära, in die hinein er versehentlich humpelte. Betrunkene Blockbuster wie Venom gab es früher häufiger. Green Lantern, Superman Returns, Lone Ranger, Hancock oder die Liga der außergewöhnlichen Gentleman, nutzlose Filmwolpertinger, bewundern wir heute wie mystische Film-Rätsel. Venom ist eins der größten Wunder dieser Art, die Kritiker verzweifelten an ihm. Oder eher am Versuch, ihn zu beurteilen und zu begreifen.

Das Venom-Geheimnis: Warum ist ein schlechter Film erfolgreich?

Noch schwerer zu verstehen ist der immense Erfolg von Venom, der schon weit über 500 Millionen US-Dollar eingespielt hat. Es gibt einfache Erklärungen dafür. Der Termin wurde zum Beispiel clever gewählt. Bessere Filme als Venom, wie Solo: A Star Wars Story, wurden im engen Frühsommer 2018 zwischen Avengers 3, Jurassic World 2 und Deadpool 2 zerdrückt. Im Oktober hatte Venom viel freies Grün vor sich, über das er ungestört stürmen konnte. Hauptdarsteller Tom Hardy ist sicher ein weiterer Faktor. Der wertvollste Spieler des gehobenen Blockbusters hat sich durch seine Beteiligung an Filmen wie Inception, The Dark Knight Rises, Mad Max: Fury Road und Dunkirk in der Venom-Zielgruppe, die dornige Blockbuster sehen will, einen guten Ruf erarbeitet. Wo immer man liest, wird Hardy als positivstes Element von Venom herangezogen, der den rumpelnden Laden zusammenhält. Gute Grundbedingungen, aber hinter dem Venom-Erfolg steckt mehr.

Venom verdankt seinen Erfolg dem Marvel Cinematic Universe

Venom wird bald erfolgreicher sein als die Spider-Man-Filme der 2000er. In den 11 Jahren zwischen dem ersten Spider-Man (von Sam Raimi) und dem ersten Avengers fand ein schwerwiegender, zähmender Eingriff in das Blockbuster-Kinos statt. Der Erfolg des MCU hat das Blockbuster-Kino in dieser Phase nicht unbedingt verbessert, es aber professionalisiert. Bevor Studios heute einen Film, dem sie nicht vertrauen, auf die Straße schicken, öffnen sie lieber nochmal die verdächtig rauchende Motorhaube und schauen, ob sich der meist offenkundige Fehler vielleicht doch irgendwie beheben lässt, wie es bei den Star Wars-Filmen Rogue One und Solo der Fall war. Die meisten Schauspieler und Crewmitglieder haben Nachdreh-Klauseln in ihren Verträgen unterschrieben und sind flexibel verfügbar, die moderne Filmtechnik macht spontane Nachbesserungen ohnehin problemlos möglich.

Die MCU-Ära produziert auf Herz und Nieren geprüfte Blockbuster. Ein schlechter oder schlecht vermarkteter Blockbuster-Versuch kommt heute gar nicht erst ins Kino - und wenn doch, dann nur, weil alle Versuche, das Ruder nochmal rumzureißen, wirkungslos bleiben. Wie bei Justice League, der endgültigen Hosenbodenlandung von DC. Oder Die Mumie mit Tom Cruise, bei der die offenkundigen Probleme wohl einfach weggeschwiegen wurden. Bei Venom wurden Konzeptfehler identifiziert, aber nicht konsequent behoben. Theoretisch könnten ihn mit Begleitung auch Sechsjährige sehen, die Hauptzielgruppe sind wohl vielmehr Comic-Fans zwischen 18 und 40 Jahren. Heraus kam ein R-Rating-Spagat, der seinen Ton von Szene zu Szene wechselt und aus diesen Schwingungen irgendwann ein Fiepen beschwört, das durch Mark und Bein geht.

Blockbuster wie Avengers 3: Infinity War wollen genau das, dieses Nadelöhr im Gefühlsgeflecht der menschlichen Sinneswahrnehmung treffen. Sie werden darauf gedrillt, sich mit dem Publikum zu verbinden, sie anzugreifen, mit Humor oder von langer Hand vorbereitetem Verlustschmerz. Venom aber funkt auf einer abgelegenen, geheimen Frequenz mit seinem Publikum, die kaum messbar ist. Eine solche Verbindung mit den Zuschauern ist nicht künstlich reproduzierbar.

Die Leute lieben, was sie nicht verstehen - und deshalb lieben sie Venom

Wenn man sich die (verwirrten) Kritiken durchliest und danach die Kommentare von Zuschauern, die Venom liebten, fällt auf, dass beide eigentlich dasselbe fühlten, aber unterschiedlich reflektierten. Kritiker sind "fasziniert" von Venom, Zuschauer lieben ihn einfach. Eine Kritikerin von The Wrap hat "viel gelacht, auch, wenn ich mir nicht sicher bin, ob das so beabsichtigt war oder nicht". Zuschauer lachen einfach. "Was soll ich sagen? Ich hatte Spaß!", schreibt moviepilot L1chtSpiel. Perri Nemiroff von Collider drückt ihre Gefühle verschlungener aus: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich die intentionierten Reaktionen auf einige Szenen hatte, aber Spaß ist Spaß - auch wenn er total albern ist, oder?" Wenn du das warme Gefühl in deinem Innern nicht verstehst, ist es höchstwahrscheinlich Liebe.

Venom funktioniert ähnlich wie ein Sommerhit in der Popmusik. Ein Massenphänomen wie der Sommerhit Bella Ciao dieses Jahr verbindet sich mit seinen Hörern vollkommen geschmacks- und damit auch qualitätsunabhängig. Seine Lebensspanne ist allerdings eher kurz. Auch Venom landet wohl kaum auf ewigen Lieblingsfilmlisten, er macht sich lediglich ein impulsives Momentum zu Nutze. Er trifft eher Gefühle als Geschmäcker. Er verbindet sich mit Menschen und verbindet Menschen. Als ich Venom am ersten Tag seines Laufes in Deutschland in einem Kino gesehen habe, wogte eine positive Energiewelle durch den Mulitplexsaal, später lebhaftes Geschnatter beim Aufstehen noch vor den zwei Post-Credit-Szenen. Einen Sommerhit kannst du nicht schreiben, er passiert einfach, das Publikum sucht ihn sich aus. Auch Venom ist kein Blockbuster aus der Petrischale, er hat zufällig einen Weg in die Herzen der Zuschauer gefunden.

Venom: Das Schlechte und Unfertige als Gegenbewegung zum perfekten MCU

Es gab in den letzten Jahren zwei Außenseiter-Erfolge im Superhelden-Genre. Deadpool war in seinem Anderssein ein kalkulierter Erfolg, der den Selbsthass eines ganzen Filmzweigs spiegelte. Logan wiederum nahm das Superhelden-Genre so ernst wie schon lange kein Film mehr. Venom hatte kein Alleinstellungsmerkmal und keine fertige Franchisebindung, die selbst durchschnittlichen Filmen wie Ant-Man and the Wasp Einnahmen in einer gewissen Höhe garantiert. Venom besitzt nicht mal das R-Rating, das Brandmal des beinharten Blockbuster-Films. Venom passt nirgendwo hinein.

Tatsächlich lässt sich der unerwartete Erfolg von Venom vor allem mit dem erklären, was Venom nicht ist. Venom wurde häufig als ein Film beschrieben, der sich anfühlt, als wäre er aus dem Jahr 2005, als das Superhelden-Genre noch im Werden war, in das starre MCU-Zeitalter gebeamt worden. Venom, der verbeulte Marvel-Trash, erinnert uns an Zeiten des Umbruchs und berührt damit versehentlich nostalgische Gefühle. Venom ist nicht perfekt genug, um ein Produkt zu sein. Er ist eine Baustelle, ein Fehler, eine Verrückung, die zeigt, dass im Superhelden-Genre noch Leben steckt.

Das ist es, was die Leute an ihm lieben. Venom ist ungezähmt, unberechenbar. Venom ist eine unabsichtliche ästhetische Gegenbewegung. Venom, der natürlich auf einer Marvel-Vorlage beruht, ist der Marvel-Teufel, der innere Wunsch nach Kontrollverlust. Ein Anti-Marvel, ein Parasit, der sich einen MCU-Film einnistet und ihm zuflüstert: "Lass dich doch einfach mal richtig gehen! Was soll schon passieren."

Wie nehmt ihr dieses Marvel-Ungetüm Venom wahr?

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