American Horror Story und Co. - Warum wir Anthologie-Serien so lieben

American Horror Story
© FX
American Horror Story
Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.

Das Schicksal als passionierter Seriengucker ist manchmal ein schweres: Viel zu oft passiert es, dass wir mit einer Serie beginnen und sie aus reiner Gewohnheit Staffel für Staffel weiterschauen, obwohl sie eigentlich schon lange ihren Reiz verloren hat und die Story nur noch vor sich hin plätschert.

Anthologie-Serien haben mit solchen Problemen nur bedingt zu kämpfen, denn innerhalb eines abgesteckten Rahmens präsentieren sie uns nicht nur eine, sondern mehrere verschiedene Geschichten. Das eröffnet den Machern ganz andere Möglichkeiten des Erzählens, ist aber auch für uns Zuschauer sehr reizvoll. Zum US-Start der 9. Staffel von American Horror Story liefern wir euch die Gründe dafür.

Anthologie-Serien treffen einen Nerv:

  • Anthologien lassen sich besonders gut konsumieren und sind daher wie gemacht für das schnelllebige Streaming-Zeitalter.
  • Anthologie-Serien können ein Thema oder ein Genre aus vielen Perspektiven beleuchten und bleiben dabei immer übersichtlich.
  • Der Raum für Experimente und Querverweise ist bei Black Mirror und Co. besonders groß.

Anthologie-Serien: Ein begrenztes Risiko für den Zuschauer

Serien in ihrer traditionellen Form laden uns dazu ein, über einen längeren Zeitraum hinweg einer einheitlichen Handlung zu folgen. Dadurch wachsen uns die Figuren ans Herz und im Idealfall fühlt sich das Abtauchen in diese fiktive Welt irgendwann wie ein Nachhausekommen an. Besagte wohlige Beständigkeit wiederum ist beispielsweise nach einem harten Arbeitstag voller unangenehmer Überraschungen Gold wert.

Doch bringt dieses Konzept auch Nachteile mit sich: So durchleiden die meisten Serien auch mal ein Tief, das wir einfach durchstehen "müssen" und dabei nur auf bessere Zeiten hoffen können. An dieser Stelle spielen Anthologie-Formate ihre ganze Stärke aus, indem sie sich immer wieder rebooten und damit von vorneherein weniger Gefahr laufen, ihr Publikum zu langweilen. Den Autoren stehen dabei mehrere Optionen zur Verfügung.

Vor allem Vertreter jüngeren Datums machen von dem Ansatz Gebrauch, pro Staffel eine in sich geschlossene Geschichte zu spinnen, aber dieses Schema ist natürlich nicht obligatorisch - unter den Anthologien des Goldenen Fernsehzeitalters der 1950er Jahre wie dem originalen Unglaubliche Geschichten: The Twilight Zone war es vielmehr üblich, sogar mit jeder Episode ein neues Szenario zu entwickeln. Ein aktuelles Beispiel für eine solche Serie ist der Netflix-Erfolg Black Mirror.

Durch ihre auf Abwechslung ausgerichtete Struktur passen Anthologie-Serien nicht zuletzt hervorragend in die momentane Serien-Landschaft bzw. zu dem Konsumverhalten junger Nutzer: Sie lassen sich problemlos über zahlreiche Staffeln fortführen und bleiben dabei doch stets "snackable", also schnell und leicht konsumierbar.

Überzeugt eine Folge von Black Mirror mal nicht, sieht es bei der nächsten vielleicht schon wieder ganz anders aus. Fargo dagegen können wir ohne schlechtes Gewissen mitten in einer unliebsamen Staffel abbrechen, denn wir haben die beruhigende Gewissheit, mit dem kommenden Abschnitt wieder bei Null anzufangen: Neue Chance, neues Glück.

Wie uns Black Mirror und Co. mehr Vielfalt bieten können

Kennzeichen von Anthologie-Serien ist ein übergeordnetes Thema, das sie aus verschiedenen Blickwinkel beackern - oder auch ein bestimmtes Genre, dem sie sich verschrieben haben.

American Horror Story entführte uns bereits in Geisterhäuser, bediente sich der Technik des Found Footage und ließ uns geballten Sekten-Horror spüren, bevor jetzt mit Staffel 9 den Slasher-Klassikern Tribut gezollt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Serie früher oder später jeder Genre-Fan auf seine Kosten kommt, ist damit extrem hoch.

Da es nach jeder Staffel einen klaren Cut gibt, muss das Drehbuch auch keine überstürzten dramaturgischen oder stilistischen Verrenkungen vornehmen, um von einem Sub-Genre ins nächste zu wandern. Eine Serie, die sich auf einen zusammenhängenden Plot konzentriert, hat es dagegen von Grund auf schwerer, ein solches Spektrum abzudecken und dabei erzählerisch homogen zu bleiben.

American Horror Story und Black Mirror: Anthologien als Spielwiese

Einigen Anthologie-Serien ist es gelungen, ein richtiges Universum mit verschiedenen spielerischen Querverweisen zwischen einzelnen Staffeln oder Episoden aufzubauen. Hier tut sich insbesondere Black Mirror hervor, denn nach mittlerweile 5 Staffeln vergeht keine Folge mehr, die nicht mit zahlreichen Easter Eggs aufwartet und so auf frühere Episoden verweist.

Black Mirror lässt sogar die Grenzen zwischen den Kunstformen verschwimmen, denn genau genommen liefert uns die Serie lauter einzelne Filme, die für sich selbst stehen, durch eingebaute Referenzen aber auch Teil eines Komplexes werden, an dem wiederum die Fans sich lange abarbeiten können: Taucht ein schon gesehener Gegenstand oder ein Name in einer neuen Folge wieder auf, ist die Freude groß.

Auch American Horror Story versteht es, seinen Zuschauern bei aller Abwechslung immer wieder Bekanntes zurückzubringen. In diesem Fall gemeint sind insbesondere Darsteller, die in mehreren Staffeln auftauchen und dabei entweder dieselbe Rolle öfter spielen oder jedes Mal einen anderen Part (wenn nicht sogar mehrere Parts) ausfüllen. Dem Publikum bleiben auf diese Weise vertraute Gesichter erhalten und die Macher schlagen geschickt Brücken zwischen den Staffeln.

Anthologie-Serien sind krisenfest

Bei all diesen Möglichkeiten verwundert es kaum, dass viele zeitgenössische Anthologie-Serien sich als sehr langlebig erweisen - obwohl zumindest der allgemeine Netflix-Trend besagt, dass Serien immer schneller abgesetzt werden.

In der hektischen, unübersichtlichen Streaming-Landschaft dieser Tage scheint das Konzept der Anthologie mit allen Wassern gewaschen zu sein. Eine Verdrängung der klassischen Serien-Form ist deshalb aber nicht in Sicht und das ist auch gut so, denn manche Geschichten brauchen einfach mehr Zeit als andere.

Welche ist eure liebste Anthologie-Serie?

Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.
Deine Meinung zum Artikel American Horror Story und Co. - Warum wir Anthologie-Serien so lieben
C74b7242520b44e0bc0c5b54ca2fe572