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Moviepilot Speakers' Corner

00-Hollywood, die Lizenz zum Kritisieren

19.12.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Guter Job
© UPI/20th Century Fox/Warner Bros./moviepilot
Guter Job
Film kann wunderbar einfach sein – muss aber nicht. User gnipmac14 demonstriert euch heute seine Sicht auf die Dinge.

Gerade jetzt, während die Top-100-Listen aus Moviepilots hellblauer Erde sprießen, gibt es genau ein besonderes User-Werkzeug, welches geradezu zum Verschleiß neigt: die Kritik. Warum ist Avatar – Aufbruch nach Pandora auf Platz 27 der besten Science-Fiction-Filme? und Warum ist Alfred Hitchcock nur der 70. beste Regisseur? sind Fragen, welche zuhauf aus allen Kommentarboxen schallen und eines klar machen: ein großer Teil der User und auch Kritiker scheinen an einem minimalen Kompetenzdefizit zu leiden.

Entsteht in der amerikanischen Traumfabrik ein neues Produkt, durchlebt der Otto-Normal-User/Kritiker einen der folgenden Prozesse:
1. Vorherige Euphorie, welche nachher umschlägt in anschließende Abneigung.
2. Vorherige Skepsis, welche nachher umschlägt in darauf folgende Euphorie.

(Natürlich ist es möglich, dass der User im ersten Stadium des jeweiligen Prozesses stehen bleibt, so dass beispielsweise ein Kritiker, der vorher voller Euphorie war, diese auch nach dem Film beibehält.) Diese Erklärung stelle ich nur deshalb auf, um ein Gruppe der Usergemeinschaft – um genau zu sein, die Hälfte – vorzustellen: Die, die Prozess 1 vollendet haben und jene, welche in Prozess 2 im ersten Stadium verblieben sind. Diese Gruppe von Usern behält sich zu einem großen Teil das Patent auf Filmgeschmack und -verständnis vor. Das ist natürlich nur eine grobe Unterteilung der Userschwärme, sollte aber ausreichen, um so etwa klar zu machen, dass viele dieser Personen gerade hier in dieser Filmfan-Community den Fehler begehen und über Recht und Unrecht der Filmindustrie zu urteilen ohne deren Ebenen zu differenzieren, geschweige denn, diese überhaupt im Ansatz zu kennen.

Was ist denn ein Film überhaupt?
- Ein Film ist zum einen ein Kunstwerk. Und dies vom Arthouse-Film über den Blockbuster zum Porno bis zum Snuff-Video. Dies ist so, weil ein Kunstwerk das Ergebnis oder die Interpretation von Kreativität ist. Kreativität bedeutet weder Innovation, noch Ästhetik oder die Vermittlung irgendeiner Botschaft. Sondern den Wille etwas zu schaffen einerseits und die Inspiration bzw. Interpretation eines Schaffenswunsches andererseits.

- Unabhängig davon ist ein Film auch noch ein Handwerk, oder eben ein Zusammenwirken sehr vieler verschiedener Handwerke. Jedes Handwerk ist je nach Aufwand und Komplexität innerhalb seiner Zunft rational nach Normen und Standards bewertbar.

- Unter anderem ist ein Film ein Unterhaltungsmedium. Dies ist wohl die individuellste Ebene eines Filmes, da dies nicht nur vom Film selber und vom Betrachter, sondern auch noch von Umgebung und Zeit des Betrachtens abhängt. Ja, sogar der Betrachtungswinkel, die Lautstärke der Lautsprecher und der Unterschied zwischen Kino- und DVD/Bluray-Sichtung spielen dabei eine erhebliche Rolle.

- Und nicht zuletzt ist ein Film in vielen Fällen auch ein kommerzielles Marktprodukt. Das bedeutet, dass ein Filmwerk dazu dient, dem Produktionshaus einen finanziellen Gewinn zu verschaffen. Dieser Punkt wirkt sich – von Fall zu Fall unterschiedlich, jedoch nicht zwangsläufig – vor allem auf den Unterhaltungsfaktor des jeweiligen Werkes aus. Natürlich gibt es noch einige andere Ebenen wie den gesellschaftlichen oder den pädagogischen Wert, nach denen man einen Film bewerten kann, doch um dem breiten User-Mob klarzumachen, dass er dem Film an sich wieder mehr Respekt zollen sollte, dürften diese vier Instanzen reichen.

Nehmen wir nun einmal der Einfachheit halber eine blütenreine und unberührte fiktive Leinwand mit dem Namen Einfachheit des Lebens von da Vinci, ausgestellt als Attraktion inmitten des französischen Musée du Louvre zum Beispiel für unsere Werksbewertung.

- Ohne Frage kann davon ausgegangen werden, dass der Künstler dieses Werkes sich etwas bei der Schöpfung seines Werkes dachte. Schon allein die Tatsache, dass man dies annehmen könnte, oder dass es möglicherweise jemanden inspirieren könnte, macht dieses Werk zum Kunstwerk.

- Ausgegangen vom Schöpfer des Werkes war der Aufwand des Erschaffens bei diesem Bild sehr gering. Er veränderte nichts. Deswegen ist es handwerklich so ziemlich das Gegenteil von einer Meisterleistung.

- Der Unterhaltungswert ist, wie schon gesagt, sehr schwer und nur individuell bewertbar. Sieht man nur ein Foto dieses Werkes, kann der Unterhaltungswert schon um ein Vielfaches niedriger sein, als wenn man direkt davor steht und möglicherweise mit einem anderen Besucher über dessen Bedeutung diskutiert.

- Der kommerzielle Erfolg des Werkes basiert auf der Werbung des Museums. Anders als bei vielen audiovisuellen Werken wirkt er sich nicht sonderlich auf die anderen Bereiche aus, da das Werk erst viele Jahre nach seiner Schöpfung kommerziell genutzt wird. Trotzdem ist der kommerzielle Nutzen und Erfolg da.

Das Problem vieler User ist nun, dass sie oft ausgehend vom Unterhaltungsfaktor ihrerseits auf die restlichen Bereiche und auf den kompletten Film zu schließen. Deswegen rotieren dann so oft Fragen wie Wie kann Harry Potter oder Transformers Oscar-Nominierungen erhalten?. Die Antwort liegt auf der Hand: weil Stuart Craig, Tim Burke und Ethan Van der Ryn in ihren Handwerken hervorragende Leistungen vollbracht haben.

Wie man sieht, ist es schon nicht so einfach, eine weiße Leinwand in eine Schublade zu packen. Wie soll es dann möglich sein, einen ganzen Film aufgrund seiner persönlichen Empfindungen – oft mit Einzeiler-Kommentaren – auf nur einen der hier angeführten Aspekte zu reduzieren?

Vorschau: Was erwartet uns im Jahr 2013? Mehr dazu in einigen Tagen.

Dieser Text stammt von unserem User gnipmac14. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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