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Aufreger der Woche

Wie sexistisch ist das deutsche Fernsehen?

09.02.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Hier ist Kritik angebracht
© Pro7/moviepilot
Hier ist Kritik angebracht
Dampf ablassen tut gut, kritisch sein ist wichtig. Aber nie sollte über das Ziel hinausgeschossen werden. Und doch kommt es vor. Ein Grund, sich aufzuregen.

Wenige Wochen ist es erst her, als wir mit einem Gläschen Sekt aufs Jahr 2013 angestoßen und Raketen in den Nachthimmel geschossen haben. Wer hätte da gedacht, dass kurze Zeit später ein Sexismus-Beben durchs Land geht? Am wenigsten wohl Rainer Brüderle. So langsam kehrt aber wieder Ruhe ein. Überall im Fernsehen war die letzten Wochen praktisch nur das Thema Sexismus relevant. Da stellt sich doch die Frage, wie sexistische es in der deutschen TV-Landschaft zugeht. Der Tagesspiegel ging der Sache nach. Mit zweifelhaftem Ergebnis.

Sexismus oder nicht, das ist die Frage beim Aufreger der Woche.

Es gibt Rollenklischees
Da fällt dem Herrn vor ein paar Monaten spätabends irgendwo zwischen Theke und Barfußboden ein Witz aus dem Gesicht, und nun ist er der Staatsperverse Nr. 1. Ob das richtig ist oder nicht? Keine Ahnung. Jeder hat wohl seine eigene Meinung zu dem Thema. Vor allen Dingen hat in den letzten Wochen jeder seine Meinung zu dem Thema kundgetan. In den gefühlt 200 Talkshows, die es im deutschen Fernsehen gibt, wurde ausführlich über Sexismus diskutiert. Naja, manchmal. Oft schrie die eine Seite die andere an, woraufhin die andere wieder zurückbellte. Vor allem förderten einige dieser Sexismus-Debatten eine ganze Menge sexistisches Gedankengut zutage. Meinten zumindest die einen. Die anderen sahen das nicht so. Der Tagesspiegel wollte es mal genau wissen, wie es denn um Sexismus im deutschen TV bestellt ist. Stichprobenartig wurden die öffentlich-rechtlichen Sender durchforstet, stets wachsam, was sexistische Tendenzen angeht. Ergebnis: Es gibt doch tatsächlich Rollenklischees!

Keine neue Erkenntnis
Manchmal, nicht immer. Aber oft. Die Telenovelas bzw. Soaps – sei es Sturm der Liebe, Verbotene Liebe oder was auch immer – strotzen vor Stereotypen. Wer hätte es gedacht. Und in Krimiserien sind die (schwachen) Opfer weiblich, die (starken) Retter männlich. Zumindest legte die Stichprobe genau das nahe. Der Gipfel aber ist, dass beim exzessiven Rumgekoche im Programm der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kaum Frauen den Kochlöffel schwingen. Das ist zwar nicht sexistisch, sondern allenfalls etwas diskriminierend oder auch realitätsfern, aber sei’s drum. Dass Til Schweiger bei Zimmer frei! statt „Titel“ versehentlich „Titten“ gesagt hat, wird zwar auch als sexistische Entgleisung gewertet, aber wer will beim Schweiger’schen Zungenschlag schon ernsthaft Freud bemühen? Aber was sagt uns diese Stichprobe denn nun? Dass es im deutschen Fernsehen Klischees ohne Ende gibt? Na klar, die Erkenntnis ist nicht neu. Nur wird sie nun unter „Sexismus“ gelabelt. Ohne jetzt jemandem zu nahe treten zu wollen: Wer ist denn das Zielpublikum von Soaps? Stereotypen scheinen leider sehr gut zu funktionieren – geschlechterübergreifend.

Sexismus und der Nerd
Wer nicht nur biedere Klischees im Fernsehen erleben möchte, sondern beißenden Sexismus, der sollte ARD und ZDF wegzappen und sich für Pro7 entscheiden. Schon tagsüber ist die Chance groß, leichtbekleidete und schwer naive Mädels rumturnen zu sehen. Der Gipfel wird aber definitiv mit Beauty & the Nerd erreicht. Da weiß der Zuschauer gar nicht mehr, wo der Sexismus anfängt und wo er aufhört. Eigentlich ist spätestens jede zweite Szene ein Angriff auf die Würde der Teilnehmer und der Zuseher. Der Wert der „Nerds“ wird durch Verbesserung des Aussehens gesteigert, während die „Schönen“ (ein relativer Begriff) sich durch ihr Gehabe praktisch selber sexuell belästigen.

Und genau das zeigt, wo der Unterschied liegt: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind ein Hort für Klischees, während die Privaten gerne den sabbernden Voyeur geben. So gesehen ist das deutsche Fernsehen ziemlich verlässlich – und teilweise eben auch sexistisch. Aber nicht so sehr, wie es einem manch einer vormachen will. Es wird recht häufig, wenn auch nur unterschwellig, das Motiv Mann/Frau aufgegriffen. Kein Wunder, das ist schließlich ein beherrschendes Thema der Weltbevölkerung. Wenn die Tagesspiegel-Stichprobe eines zeigt, dann, dass öffentlich-rechtliches TV hierzulande ziemlich dämlich ist und allzu gerne mit Klischees arbeitet. Ein Sexismus-Aufschrei ist in diesem Fall allerdings ziemlich unangebracht. An anderer Stelle ist er hingegen mehr als notwendig.

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