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Bright Star

Wer war eigentlich John Keats?

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23.12.2009 - 08:50 Uhr
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Ben Whishaw als John Keats
© Tobis
Ben Whishaw als John Keats
Am 24. Dezember läuft Jane Campions neuer Film Bright Star an, der von der Liebe des Dichters John Keats zu einem einfachen Mädchen namens Fanny handelt. Doch wer war eigentlich John Keats?

Bright Star – Meine Liebe. Ewig. nennt sich der neue Jane Campion – Film um das Leben und die große Liebe von John Keats. Wer kein Anglistikstudium hinter sich hat, kann sich hier mit dem Briten auseinandersetzen. moviepilot verrät euch, wer Keats war:

John Keats – Leben und Werk

John Keats wird 1795 als Sohn eines Stallmeisters in London geboren. Sein Vater stirbt 1804, seine Mutter sechs Jahre später, 1810, an Tuberkulose. Keats lebt zunächst bei seinen Großeltern und nach deren Tod bei einem Vormund, er besucht die angesehene Enfield School in London. 1811 beginnt er eine Lehre bei einem Wundarztund schließt sie am Londoner Guy’s Hospital ab. 1816 erwirbt er die Lizenz als Mediziner, gibt seinen Beruf jedoch schnell auf, um seiner Berufung, der Dichtkunst, zu folgen.

Es entstehen erste Gedichte, darunter Ode an Apollo und Hymne für Apollo. Nach einer Begegnung mit dem bereits etablierten Dichter Leigh Hunt veröffentlicht dieser in seiner Zeitschrift „The Examiner“ 1816 erstmals eines von Keats’ Gedichten: O Solitude (O Einsamkeit). 1817 erscheint sein erster Gedichtband, schlicht „Poems“ benannt, der Sonette, Episteln und weitere Gedicht enthält.

Im Oktober 1817 veröffentlicht der Literaturkritiker John Gibson Lockhart, der seinen Spitznamen „Der Skorpion“ nicht zu Unrecht trug, in der Zeitschrift „Blackwood’s Magazine“ einen scharfen Angriff auf Keats und seine Bundesgenossen und tut sie und ihre Dichtung mit dem Begriff „Cockney School“ ab – er wirft ihnen „moralische Verderbtheit“ vor und, fast mehr noch, ihre Anmaßung, trotz ihrer Herkunft aus niederen sozialen Schichten als Dichter aufzutreten.

1817/1818 begegnet Keats den literarischen Größen William Wordsworth und William Hazlitt, deren Werke direkten Einfluss auf sein weiteres Schaffen haben werden. Deutlich wird das etwa in dem allegorischen Gedicht „Endymion“, das dem jung verstorbenen Dichter Thomas Chatterton gewidmet ist. „Endymion“ wird 1818 separat veröffentlicht, und wiederum wird Keats Opfer einer scharfen Attacke Lockharts im „Blackwood’s Magazine“.

Zusammen mit seinem Freund Charles Armitage Brown bereist Keats im Sommer 1817 den nordenglischen Lake Disctrict sowie Schottland und Nordirland. Im Winter 1817 zog er zu Brown in dessen Haus im Londoner Stadtteil Hampstead, das heute als Keats House bekannt ist. Dort traf er die damals 17-jährige Fanny Brawne, in die er sich verliebte.

Die zwölf Monate ab September 1818 gelten in der Keats-Forschung als das „Große Jahr“, in dem er seine Hauptwerke schuf bzw. begann, darunter die erste Fassung des Versepos Hyperion, das von den Göttern der klassischen Antike handelt, und die Gedichte The Eve of St Agnes (Der Vorabend des Agnestages), The Eve of St Mark (Der Vorabend des Markustages), Ode on Melancholy (Ode an die Melancholie), Ode on Indolence (Ode auf die Trägheit), To Autumn (An den Herbst) und Lamia. Auch seine berühmtesten Gedicht stammen aus dieser Zeit, namentlich Ode to Psyche (Ode an Psyche), das wunderschöne Gedicht La Belle Dame sans Merci, Ode to a Nightingale (Ode an eine Nachtigall) und schließlich Ode on a Grecian Urn (Ode an eine griechische Urne).

Gleichzeitig ist dieses Jahr eines, in dem Keats finanziell in große Schwierigkeiten gerät. Im Winter 1819 bricht bei ihm auch Tuberkulose aus. Die sich verschlimmernde Krankheit setzt Keats’ dichterischen Schaffen praktisch ein Ende, er stellt allerdings noch seinen zweiten Gedichtband „Lamia, Isabella, The Eve of St Agnes, and Other Poems“ zusammen, der im Juli 1820 erscheint.

Im September 1820 folgt Keats einer Einladung Shelleys und bricht, um dem englischen Winter zu entgehen und seine Krankheit zu lindern, nach Italien auf. Nach einer kurzen Verbesserung seiner Gesundheit erliegt er schließlich, im Februar 1821, im Alter von nur 25 Jahren der Tuberkulose.

Keats und seine Zeit

Bright Star – Meine Liebe. Ewig. spielt größtenteils zwischen 1818 und 1820 – den letzten Jahren der sogenannten Regency. Die Periode der Regentschaft des Prince of Wales als „Prince Regent“, dauerte neun Jahre lang. Sie begann 1811, als König George III., der in seiner langen Regierungszeit (seit 1760) immer wieder periodisch an einer seltsamen Geisteskrankheit gelitten hatte, endgültig verrückt wurde. Die Regency Period endete erst 1820, als der König, schon lange blind, taub und durch Rheuma bettlägerig, im Alter von 81 Jahren schließlich starb. Nach seinem Tod wurde der Prince Regent, sein ältester Sohn, als George IV. König von England.

John Keats wuchs in einem England auf, das von dauernden Kriegen mit Frankreich und dessen wechselnden Verbündeten geprägt war. Bei Keats‘ Geburt 1795 lag Großbritannien bereits zwei Jahre mit dem revolutionären Frankreich im Krieg, und erst nach Napoleons Niederlage in der Schlacht von Waterloo 1815, als Keats 20 Jahre alt war, kam dieser ständige Kriegszustand zu einem Ende.

Beim Wiener Kongress, bei dem nach Napoleons endgültiger Niederlage die siegreichen Staaten das europäische Machtgefüge neu ordneten, wurde auch der britische Einfluss außerhalb Europas – vor allem seine Kolonien in Afrika und Asien – festgeschrieben. Zusammen mit Großbritanniens Vormachtstellung auf See, die seit dem Sieg über die französische Flotte 1805 bei Trafalgar unangefochten war, stand Großbritannien damit der Weg zur Weltmacht offen.

In den knapp drei Jahren, die Keats und Fanny Brawne gemeinsam verbrachten, leitete, nur wenige Kilometer vom damals noch ländlichen Vorort Hampstead entfernt, der Tory-Premierminister Lord Liverpool die Regierungsgeschäfte in London. In seiner Amtszeit von 1812 bis 1827 war die englische Gesellschaft von scharfen sozialen und politischen Gegensätzen geprägt. Das konservative Establishment sah sich durch das nach wie vor virulente Gedankengut der französischen Revolution in seiner beherrschenden Stellung gefährdet. Unter Liverpool wurde 1819 eine Massendemonstration in Manchester, die eine Neuordnung der teilweise jahrhundertealten Wahlkreisgrenzen forderte, von berittenen Truppen brutal zerschlagen. Das sogenannte Peterloo Massaker forderte zwar „nur“ 15 Todesopfer, galt aber im ganzen Land als deutliches Zeichen einer repressiven Regierung.

Äußerst unpopulär waren auch die wiederholten Steuererhöhungen zum Eindämmen der ausufernden Staatsverschuldung – und die „Corn Laws“, mit denen die Lobby der Großgrundbesitzer dafür sorgte, dass der Import ausländischen Weizens durch Strafzölle verhindert wurde und der Preis im Inland hoch blieb. Gerade im Norden Englands, wo die beginnende industrielle Revolution das Handwerk und die traditionellen Textilmanufakturen radikal veränderte, griffen immer wieder Arbeiteraufstände um sich. Die Gruppe der „Luddites“ sabotierte als bekennende Maschinenstürmer immer wieder Fabriken.

Um all dem ein Ende zu machen, erließ Liverpools Regierung Ende 1819 die sogenannten „Six Acts“ – ein weitreichendes Maßnahmenpaket, das mit radikalen und revolutionären Umtrieben ein für alle Mal Schluss machen sollte. Strafprozesse wurden, zu Lasten der Angeklagten, beschleunigt und vereinfacht. Der private Waffenbesitz wurde unter Strafe gestellt. „blasphemische“ und „aufrührerische“ Schriften zu verbieten wurde mit härteren Strafen belegt, Zeitungen und Zeitschriften wurden mit Sondersteuern belegt, außerdem hatten Verleger hohe Kautionen für eventuelle strafwürdige Artikel zu hinterlegen. Jede Versammlung, bei der radikale Reformen gefordert wurden, galt fortan als Akt von Hochverrat, alle Versammlungen von mehr als 50 Teilnehmern mussten von den örtlichen Behörden genehmigt werden.

Der harsche Umgang des Staates mit Kritikern des Regierungskurses stand in krassem Gegensatz zu der Blüte der Kultur in diesen Jahren. Es gehörte in der Regency zum guten Ton der Oberschicht, als Mäzene und Patron von Künstlern aufzutreten – Gemälde, Statuen, literarische Werke, Repräsentationsbauten – unter dem Prince Regent blühten viele Kunstformen auf. Bald sprach man von einer englischen „Mini-Renaissance“. In der Regency entstanden etwa auch Jane Austens Romane, Mary Shelleys „Frankenstein“ und Sir Walter Scotts „Ivanhoe“.

Die größten Förderer der Kunst waren Georgiana, Herzogin von Devonshire (jüngst, von Keira Knightley verkörpert, Heldin des Films Die Herzogin) und der Prince Regent selbst, die es schafften, selbst die immensen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel für Prunk und Pomp aufzubrauchen. Kulturelle und technische Neuerungen prägten die Regency – von den ersten Gaslaternen auf Londons Straßen über die Ausstellung antiker griechischer Bildhauerei bis zur begeisterten Aufnahme des Wiener Walzers in England.

Die Bewegung der Romantik in der Literatur war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr neu, sie erfuhr allerdings durch die sogenannte zweite Generation der Romantiker eine Wiederbelebung – neben Keats gelten Lord Byron und Percy Bysshe Shelley als deren Hauptvertreter. Auch unter dem Eindruck, dass ihr einstiges Idol Wordsworth sich immer stärker dem Konservatismus zuwandte, verfolgten diese neueren romantischen Dichter einen radikaleren Ansatz, der das subjektive Empfinden des Dichters in den Mittelpunkt stellte. Die berühmten Schlusszeilen aus Keats‘ Ode on a Grecian Urn: "Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit ist Schönheit / das ist alles das ihr auf Erden wisst, und alles, was ihr wissen müsst“, lassen sich als Feier eines absoluten Ästhetizismus lesen, dem herkömmliche Moralvorstellungen fremd sind. Grund für die Attacken konservativer Literaten war die intensive Sinnlichkeit der Eindrücke und Empfindungen bei Keats, Shelley und Byron. Sie hielten ihren Glauben an die Wahrheit der Imagination und das kaum verhohlene Thema der Sexualität für subversiv, gottlos und nihilistisch.

Die Romantiker hatten auf die Kunst des weiteren 19. Jahrhunderts großen Einfluss, in der Malerei etwa auf die Bewegung der Präraffaeliten. Keats‘ Aufstieg zum „Klassiker“ der englischen Literatur begann ebenfalls bereits zu dieser Zeit, auch begünstigt durch die Veröffentlichung seiner Briefe ab 1848. 1878 schließlich wurden erstmals auch Keats‘ Briefe an Fanny der Öffentlichkeit zugänglich.

Ab dem 24. Dezember könnt ihr einen Ausschnitt aus Keats’ Leben in Bright Star – Meine Liebe. Ewig. sehen; Ben Whishaw mimt darin den jung verstorbenen Romantiker.

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