Krieg im Film

Wehrmacht & die DEFA - Betrogen bis zum jüngsten Tag

Betrogen bis zum jüngsten Tag ist leider einer jener Filme, die vergessen scheinen. Dabei verdient der DEFA-Film aus dem Jahre 1957 einen Platz in der Filmgeschichte, denn er ist einer der ersten Streifen, der sich kritisch mit dem Begriff Kameradschaft und den Verbrechen der Wehrmacht auseinandersetzt. Der nationalsozialistische Film feierte ein paar Jahre vorher die Landser-Kameradschaft in Filmen wie Urlaub auf Ehrenwort (1938) oder Kampfgeschwader Lützow (1941). Ansonsten war das Thema relativ tabu, denn nach der Kapitulation 1945 ging es darum, die Wunden des Krieges zu schließen und die Landschaften beiderseits der Elbe wieder aufzubauen, statt die Mitläuferschaft so vieler bei den Nazi-Verbrechen an den Pranger zu stellen. Betrogen bis zum jüngsten Tag schert sich darum nicht: Der Film entlarvt die Kameradschaft als Flucht vor der Verantwortung. 

Mehr als nur die Geschichte eines Mordes
Es ist Sommer 1941 und es läuft richtig gut für die drei deutschen Soldaten Paulun (Rudolf Ulrich), Lick (Wolfgang Kieling) und Wagner (Hans-Joachim Martens), die in Litauen an der deutsch-sowjetischen Grenze stationiert sind. Gerade eben haben sie Sonderurlaub erhalten, weil sie so gut schießen können. Zwar dürfen sie nicht nach Hause, aber ein Spaziergang am See ist drin. Dort sehen sie einen Vogel, schießen auf ihn ... treffen aber tödlich die Tochter ihres Hauptmanns. Lick, Offiziersanwärter und Sohn eines SS-Generals, übernimmt die Führung: Sie verscharren die Leiche im Sumpf und zwingen sich gegenseitig zum Schweigen. Wagner bricht psychisch fast zusammen und muss von den anderen immer wieder - auch mit Gewalt - an seine Schweigepflicht erinnert werden. 

Lick erzählt seinem Vater von dem Vorfall. Der nutzt die Gelegenheit und schlägt politisches Kapital aus dem Verbrechen: Er regelt die Sache im Sinne seines Führers. Am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion präsentiert er die Leiche der Einheit und auch gleich noch ein Bajonett russischer Partisanen, welches als Mordwaffe identifiziert worden sei. Die Einheit marschiert in den Krieg und als Vergeltungsmaßnahme werden von Wehrmachtssoldaten weibliche Geiseln erschossen. Paulun, der am meisten unter seiner Tat und dem Schweigen leidet, meldet dem Hauptmann die Wahrheit, aber Lick stellt ihn als psychisch überfordert dar. Auf dem Weg ins Lazarett unternimmt Paulun einen Fluchtversuch: Lick erschießt ihn, Wagner ist erschüttert, aber folgt Lick dann resigniert und kommentarlos.

Was sich auf der Oberfläche anhört wie eine klassische, kleine Mordgeschichte, ist deutlich mehr. Freundschaft ist zwischen den drei Soldaten nicht möglich, argwöhnisch beäugen sie sich und ihre Schweige-Gemeinschaft ist überaus trügerisch. Mit dem Mord einher geht der Zerfall menschlicher Werte, von Kameradschaft kann keine Rede sein und der Krieg trägt nicht dazu bei, sie zu fördern. Diese These - Mitte der 1950er Jahre vorgetragen - war schwer zu ertragen, denn eigentlich sollten die Wunden des Krieges vergessen werden. Der Mythos von der "Frontkameradschaft" lebt heute noch, der Nebel, der ihn umhüllt, wird von Betrogen bis zum jüngsten Tag durchbrochen. Rituale, Gesänge, Lagerfeuer-Romantik: Sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gemeinschaft, die Schicksalsgemeinschaft zur Gefolgschaft für einen Führer wurde. 

Stilistisch schnörkellos und ohne Agitation 
Häufig wird antifaschistischen DEFA-Filmen Agitation für die sozialistische Sache vorgeworfen. Wer Filme wie Sterne (1959), Ich war neunzehn (1968) oder Jakob, der Lügner (1975) gesehen hat, kann das nicht wirklich nachvollziehen und auch Betrogen bis zum jüngsten Tag ist frei von agitatorischen Phrasen. Vielmehr erschafft der Film durch seine schnörkellose, lineare Inszenierung und die Konzentration aufs Wesentliche einen dokumentarischen Sog, der durch Wochenschau-Bilder noch unterstrichen wird. Der Verzicht auf Musik (nur gesungene Marschlieder sind zu hören) und die Bildsprache (Kamera: Walter Fehdmer), seine lakonischen und dialogarmen Bilder, unterstützen dies

Auch die Schauspieler sind hervorragend. Allen voran Wolfgang Kieling (der übrigens später in die Bundesrepublik ging und Teil der berühmten Szene aus Alfred HitchcockDer zerrissene Vorhang wurde). Er präsentiert uns ein dämonisches Gesicht, einen jungen Mann, der komme was wolle, aufsteigen möchte. Er ist ein vom System Manipulierter und gleichzeitig jemand, der geschickt manipuliert. Im Namen der Kameradschaft bedroht er Wagner und Paulun, später wird er die Kameradschaft mit dem Füßen treten und kaltblütig einen Mord begehen: Er ist ein Intellektueller, der sein Verbrechen mit Nietzsches Übermensch-Philosophie rechtfertigt und über Leichen geht. 

Ein anti-faschistischer Film im Kalten Krieg
Entstanden ist Betrogen bis zum jüngsten Tag unter der Regie von Kurt Jung-Alsen nach der 
Novelle "Kameraden" von Franz FühmannDer Film wurde als erster DDR-Beitrag für den Wettbewerb beim Internationalen Filmfestival in Cannes 1957 eingereicht. Leider konnte er dort nicht laufen. Nach einer bundesdeutschen Intervention (Alleinvertretungsanspruch) wurde er nur im Rahmenprogramm gezeigt. Der Interministerielle Filmausschuss untersagte im selben Jahr die gewerbliche Nutzung in der Bundesrepublik. Betrogen bis zum jüngsten Tag - so die Begründung - sei dazu geeignet und "offenbar auch dazu bestimmt, die Grundlagen des Staates in Zweifel zu stellen und zu erschüttern." (Stefan Volk im Spiegel) Einige westdeutsche Kritiker verstanden die Welt nicht mehr. So schrieb zum Beispiel Heinz Kersten damals in der Zeit:

Manch ernsthafte Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, wie sie aus dem ersten Kriegsfilm der DEFA, Betrogen bis zum jüngsten Tag, spricht, wünschte man sich auch vom westdeutschen Film. So lebensecht, wie in diesem nach Franz Fühmanns Novelle "Kameraden" gedrehten Streifen, sah man den deutschen Landser des zweiten Weltkrieges noch kaum auf der Leinwand,

Die internationale Presse kritisierte die bundesdeutsche Entscheidung ebenso: Ein Kritiker der Londoner "Times" schrieb damals: Der ostdeutsche Beitrag ist "ein knappes Sinnbild der deutschen Armee bei Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Regie von Kurt Jung-Alsen ist ausgezeichnet, straff, mit einer herben Poesie".

Auch im Osten des Landes stieß der Film nicht nur auf Gegenliebe, allerdings aus anderen Gründen. 1962, fünf Jahre nach dem Kinostart und dem Verkauf des Films in diverse Länder, gab es seitens der Film-Bürokraten Bedenken gegen Betrogen bis zum jüngsten Tag und dessen Verlängerung für den Kinobetrieb. So hieß es in der Begründung:

Der Film stellt den absolut negativ gezeichneten SS-General einen durchaus loyalen Hauptmann der Wehrmacht gegenüber und betont die Distanzierung der Wehrmacht von der SS. Damit kommt der Film ungewollt in die Nähe der Argumente, wie sie heute zur Popularisierung des Militarismus in Westdeutschland üblich sind. [...] Man muss auch befürchten, dass der Film bei Teilen der Bevölkerung gewisse pazifistische Tendenzen stärkt. (zitiert aus: Das zweite Leben der Stadt Babelsberg)

Nach mehreren Debatten wurde beschlossen, dass Betrogen bis zum jüngsten Tag weiter im Kino laufen kann. Wer von euch die Möglichkeit hat, ihn sich heute anzuschauen, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Moviepilot Team
Ines W. Ines Walk
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Chefredakteurin von Moviepilot, sozialisiert von Gerippchen Unsterblich, David Lynch und Kirk aus Stars Hollow. Einziges Redaktionsmitglied, welches Mathe mag. Wertet deshalb am liebsten Daten aus.
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