Der spektakulärste Superheldenfilm 2022 kommt nicht von Marvel oder DC

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27.05.2022 - 10:58 UhrVor 14 Tagen aktualisiert
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Einer der größten Stars aller Zeiten ist ein Superheld in Baz Luhrmanns Cannes-Film Elvis mit Tom Hanks und Austin Butler. Spektakulärer unterhalten Marvel und DC dieses Jahr nicht.

Dwayne Johnson schlägt als Black Adam vielleicht ganze Armeen in die Flucht, Chris Hemsworth schwingt seinen Hammer in Thor 4: Love and Thunder, wie er lustig ist. Keiner von beiden wird auch nur ansatzweise das Energie-Level von Baz Luhrmanns neuem Film Elvis erreichen. Der spektakulärste Superheldenfilm des Jahres zeigt einen singenden Helden in bunten Anzügen, aber der Vergleich zu den Heroen von Marvel und DC ist tiefer im Film angelegt. Denn Austin Butler spielt den tragischen King of Rock and Roll als Jungen von nebenan, der eine Superkraft besitzt. Dieser Held benötigt einen monströsen Bösewicht, um seine eigene Größe zu beweisen.

Elvis statt Thor und Black Adam: Musik ist eine Superkraft in dem Cannes-Film

Der musikalisch begabte Junge aus Mississippi liebt Superhelden-Comics. Am meisten verehrt er Captain Marvel Jr., der seinen eigenen Namen sagt, um sich in ein mächtiges Wesen zu verwandeln. Elvis Presley benötigt dafür nur einen Hüftschwung. Und wie er die Hüften schwingt und die Knie beben lässt! Also sowohl in historischen Aufnahmen als auch in diesem lustvoll inszenierten Musikfilm.

Schaut euch den Trailer für Elvis an:

Elvis - Trailer (Deutsch) HD
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Darsteller Austin Butler regiert die Bühne von der ersten Minute an wie ein Donnergott sein grollendes Himmelsreich. Jede Bewegung, jeder Wimpernschlag sendet Druckwellen in das Publikum aus, die von seinen (überwiegend weiblichen) Fans Besitz ergreifen. Sie kreischen und zittern in Ekstase, wie man es seit dem finalen Auftritt im Beatles-Film A Hard Day's Night kaum mehr in einem Spielfilm sah. Wer das Phänomen Elvis nie verstehen konnte, der wird nach wenigen Minuten seinen oder ihren Irrtum einsehen.

In seinem ersten Film seit Der große Gatsby 2013 interpretiert Baz Luhrmann (Moulin Rouge) die Beziehung des Kings zu seinem Publikum nämlich als eine von Liebe und Verführung, weshalb den Auftritten gerade am Anfang eine erotische Spannung innewohnt. Hier passiert etwas, das im zugeknöpften Amerika der 1950er Jahre verboten sein muss. Weshalb die Moralwächter sich bald zu Wort melden und Elvis schließlich zum Militärdienst in Deutschland treiben.

Der Bösewicht von Elvis könnte auch einen DC- oder Marvel-Film tyrannisieren

Da steckt der junge Mann aus einfachen Verhältnissen bereits in den Fängen des Managers Colonel Tom Parker, dem großen Bösewicht und Erzähler dieses Film-Biopics. Tom Hanks spielt diese Rolle unter Tonnen von Makeup. Mit seiner rundlichen Statur und der falschen Nase könnte er problemlos Danny DeVitos Platz als Pinguin in Batmanr Rückkehr einnehmen und Hanks cartooneskes Spiel passt hervorragend dazu.

So perfekt, rein und glatt Austin Butlers Elvis in jungen Jahren aussieht, so grotesk erscheint der Colonel. Alle Superhelden brauchen einen Intimfeind und Elvis' böses Double ist der rücksichtslose Geschäftsmann, der in jeder gesungenen Note ein Dollar-Zeichen erkennt.

Tom Hanks als Colonel Tom Parker

Elvis verändert die Musikgeschichte, weil er den Rhythm and Blues seiner schwarzen Nachbarn in Mississippi mit der Country-Musik der Weißen verbindet. Seine Musik wurzelt damit tief im amerikanischen Süden. In Colonel Parker haben wir dagegen einen Mann ohne Herkunft vor uns, ein begabter Talent Scout, der sich im ganzen Film nicht ein Mal der Musik hingeben kann. Sein ganzes Tun richtet sich auf die Vermehrung seines Reichtums aus. Elvis, der mit seiner Superkraft die Menschen in Verzückung versetzt, ist sein Mittel zum Zweck.

Es gibt also zwei größere Beziehungen in Elvis: Die von Sänger und Publikum und die zu seinem Manager. Wer die entfesselte Romantik früherer Luhrmann-Filme wie William Shakespeares Romeo + Julia oder Moulin Rouge erhofft, könnte deshalb enttäuscht werden. Die spätere Ehefrau Priscilla Presley (Olivia DeJonge) agiert höchstens als Background-Sängerin. Ihre Szenen fallen schematisch aus. Und um die Tatsache, dass der 10 Jahre ältere Elvis die 14-jährige Priscilla datete, macht der Film den größtmöglichen Bogen.

Elvis und sein Bösewicht kämpfen um die Essenz des Sängers

Der Film versteht den Star aber sowieso nicht als Privatmenschen, der größerer Aufmerksamkeit bedarf. Diese Geschichte wird von Colonel Parker erzählt und Parkers einziges Interesse gilt dem Phänomen, das er für Knebelverträge, ein Jahrzehnt voller furchtbarer Filme und Merchandise ausbeuten kann.

Je schwerer der erdrückende Einfluss des Colonels wiegt, desto mehr entwickelt sich dieser sonderbare Superheldenfilm zum Kampf um die Essenz des Helden. Diese wird von Parker verunreinigt, ausgenutzt und jahrelang in Hollywood vergeudet (eine Phase, die Luhrmann dankenswerterweise ausspart). Im Film sprudelt sie auf der Bühne, nicht im Kinderzimmer seiner Tochter oder am Küchentisch (wo wir ihn nie sehen).

Elvis

Beim Kampf um den echten Elvis spielt das Comeback Special von 1968 eine zentrale Rolle. Wie Austin Butlers Elvis dabei wieder zu sich selbst findet, gehört zu den Glanzstücken von Baz Luhrmanns Karriere. Virtuos verwebt er die Machenschaften des Colonels, die Rolle der Sponsoren und Elvis' Rückkehr zur Musik. Er springt mit dem gewohnten Aufmerksamkeitsdefizit von Querelen hinter den Kulissen auf die Bühne und wieder zurück.

Aber – und das kann man nicht immer von Luhrmanns Filmen behaupten – er weiß ganz genau, wann er sich auf das Wesentliche konzentrieren sollte. Dann überlässt er dem fantastischen Austin Butler die Bühne. Der bringt genügend eigenes Charisma mit, um dem Schatten des Kings standzuhalten. Tritt er im schwarzen Leder-Outfit vor die Kameras, um sein Ding durchzuziehen, inszeniert Luhrmann das spektakulärer als das Action-Gewitter eines Blockbusters.

Das Comeback Special entwickelt sich zum Befreiungsschlag für unseren singenden Helden, aber der Kampf mit dem Colonel ist da noch lange nicht vorbei. Dieser Superheldenfilm hat nämlich kein Happy End.

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