Warum Brian De Palma in die Top 250 der besten Regisseure gehört

Brian De Palma mit Al Pacino am Set von Scarface
© A24
Brian De Palma mit Al Pacino am Set von Scarface
Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
"Alles ist in Bewegung, um zu leben genügt es vorwärts zu gehen, gerade aus zu gehen, auf alles zu, das man liebt" (Alphaville)

Nach der Auswertung der Community-Bewertungen auf moviepilot befindet sich Brian De Palma nicht unter den besten 250 Regisseuren der Filmgeschichte. Dies ist zwar insofern verständlich, da einige Filme des amerikanischen Regisseurs überwiegend negativ aufgenommen wurden. Er wurde sogar insgesamt fünf Mal als Schlechtester Regisseur für eine Goldene Himbeere nominiert - für Dressed to Kill, Scarface, Der Tod kommt zweimal, Fegefeuer der Eitelkeiten und Mission to Mars. Doch insbesondere für die ersten drei nominierten Werke hätte er stattdessen große Filmpreise verdient, was darauf hinweist, dass der filmgeschichtlich sehr bewandte Meister seines Faches wohl kontextualisiert werden muss, um die Genialität seines Werkes zu verstehen.

Brain De Palma ist weit mehr als ein Hitchcock-Nachahmer

Brian De Palma wurde oft in den Schatten seines großen Vorbildes Alfred Hitchcock gestellt, doch mit Hitchcock und De Palma verhält es sich wie mit Plato und Aristoteles. Der Schüler hat die Lehren seines Meisters verinnerlicht und wird deshalb auf ewig mit ihm in Verbindung gebracht werden, auch, wenn er selbst viel Neues hervorgebracht hat. Brian De Palma ist zweifelsohne der Regisseur, der am stärksten von der Schule Hitchcocks geprägt ist, doch jedem, der seine Filme gesehen hat, sollte deutlich sein, dass er ihn nicht bloß nachahmt. Er greift vielmehr in die Schatzkiste der Stilmittel seines Idols, indem er sich dessen visuelles Vokabular und seine Plotstrukturen aneignete, um eine Geschichte zu erzählen, und entwickelte diese in seinem eigenen Stil weiter. De Palma selbst erklärt seine Bewunderung für Hitchcock folgendermaßen:

Das sind atemberaubende visuelle Ideen, diese Dinge begeisterten ihn, weil sie so filmisch sind. Und viel davon ist sozusagen verbannt aus dem heutigen Filmemachen, weil viele Sachen von Dialogszenen angetrieben werden und die Leinwände heutzutage kleiner geworden sind. Diese Art von visuellem Geschichtenerzählen ist irgendwie aus der Mode gekommen.

Brian De Palma ist ein visueller Filmemacher, er ist keiner der Regisseure, die auch einen Roman schreiben oder ein Theaterstück gleichermaßen inszenieren könnten. Nein, De Palma ist ein Meister seines Mediums, er erzählt seine Geschichte - und das macht seine Filme wiederum hervorragend - mit filmischen Mitteln. Er selbst hat sich als "visuellen Stylisten" bezeichnet und erläuterte seine Vorgehensweise beim Filmemachen wie folgt: "Ich beginne nicht mit einer Vorstellung vom Inhalt, ich beginne mit einer visuellen Vorstellung." Der New Yorker schrieb einst, dass man De Palma-Filmen seine eigene Freude daran anmerkt, seine Pläne, Einstellungen, Bilder und narrativen Anordnungen umzusetzen, sowie seine Begeisterung, der kinematischen Gottheit Anerkennung darzubringen.

Voyeurismus als immer wiederkehrendes Thema

Brian De Palma gelingt dies zum Beispiel mit einem seiner Lieblingsthemen, dem Voyeurismus. Er veranschaulicht in seinen Filmen nicht nur, dass Filmemacher oftmals Voyeure sind, sondern dass die Grundsituation des Kinos eine voyeuristische ist, denn der Zuschauer wird von seiner Schaulust ins Kino getrieben. De Palma führt dem Zuschauer seine eigene Vorliebe für voyeuristische Bilder vor, indem er in seinen Filmen gerne Menschen zeigt, die andere Menschen beobachten - am liebsten durch Fenster wie in Der Tod kommt zweimal, um ein unausgesprochenes Verbot zu markieren. In Dressed to Kill fährt die Kamera zu Beginn des Films langsam in ein Badezimmer, begleitet wird sie dabei von Pino Donaggios sinnlicher Musik, im Bad sieht der Zuschauer eine Frau (Angie Dickinson), die sich lasziv in einer heißen Dusche einseift, während sich ihr Mann gerade rasiert. De Palma steigt die erotische Intensität der Szene, indem er sie auf verschiedene Nahaufnahmen der weiblichen Körperteile fragmentiert und bricht sie anschließend, als ein zweiter Mann in der Dusche auftaucht und ihre Wollust befriedigt. Darauf löst er diese surreal anmutende Szene gekonnt auf, indem er sie als einen flüchtigen Traum der vom öden, mechanisch ablaufenden Sex mit ihrem Mann gelangweilten Ehefrau darstellt.

Die Vermittlung der Geographie eines Ortes

Mit dem Voyeurismus greift er ein typisches Thema Hitchcocks auf und inszeniert dieses deutlich expliziter. Brian De Palmas enger Bezug zu Hitchcock zeigt sich ebenfalls dadurch, dass er das hitchcocksche Spiel mit extremen Perspektiven, subjektiven Kamerafahrten und dem Spannungsaufbau mit Suspense meisterte und selbst zum Meister für außergewöhnliche und lange Plansequenzen wurde. Er benutzt diese zum Beispiel, um seinen Zuschauern die Geographie eines Ortes zu vermitteln, wie in der Eröffnungssequenz von Spiel auf Zeit, in der er in einer zwölfeinhalbminütigen Plansequenz den geographischen Aufbau des Stadions, in dem Nicolas Cage für die Sicherheit zuständig ist, darlegt. De Palma bezeichnete das Wissen des Zuschauers darüber, wie ein Ort aufgebaut ist, als eine Grundlage für den Suspense und verglich die Ausgangssituation mit der beim Schach: Bevor der Spieler spielen kann, muss er sich erst mit dem Brett und den Figuren vertraut machen, um zu wissen, was geschehen kann. In The Untouchables erfährt der Zuschauer formvollendet, wie De Palma selbst diese Vorgehensweise umsetzt. Er zeigt in der packenden Bahnhofsszene erst ausführlich, wo sich wer befindet und was im Bahnhof so alles vor sich geht, bevor er in einer unvergesslichen Anspielung auf Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin einen Kinderwagen mitten in einer Schießerei die Treppe hinunterfallen lässt und der Held sowohl sich selbst als auch das Baby aus der Situation retten muss.

Brian De Palmas Liebe zum Film - verpackt in einen herausragenden Stil

Durch solch gelungene Filmzitate, mit denen er seinen Vorbildern huldigt, die eingesetzten Techniken aber gleichzeitig mit seinem ganz eigenen Stil verwendet, schafft Brian De Palma es immer wieder, seine eigene Liebe für den Film in seine Werke zu bringen. In Blow out, seiner Hommage an Michelangelo Antonionis BlowUp, greift er die grundlegende Plotstruktur des Vorbildes auf, indem er aus dem Fotografen, der durch das Vergrößern eines Bildes einen Mord aufdeckt, einen Toningenieur macht, der durch das Zusammenfügen seiner Tonaufnahmen mit dem vorhandenen Bildmaterial den Beweis für ein Attentat auf einen Präsidentschaftskandidaten hervorbringt. Dadurch gelingt es ihm sogar, die Entstehung des Mediums selbst in einem seiner Filme nachzuzeichnen, wie Thomas Groh feststellt: "Aus einzelnen Bildern wird ein Daumenkino, daraus ein Stummfilm und schließlich, unter Hinzunahme der vorliegenden Tonspur, ein Tonfilm".

Aber nicht nur auf einer visuellen und narrativen Meta-Ebene ist Brian De Palma äußerst innovativ, er wurde durch seinen konsequenten und vielseitigen Einsatz von Split Screens, wie beispielsweise in seinem ersten großen Hit Carrie, auch zum Wegbereiter einer neuen Technik. Durch seinen Mut, neue und gewagte Ideen in seinem typischen Stil umzusetzen, und durch seine eigene filmgeschichtliche Gewandheit ist Brian De Palma zu einem der interessantesten Filmemacher unter seinen Zeitgenossen geworden.

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
"Alles ist in Bewegung, um zu leben genügt es vorwärts zu gehen, gerade aus zu gehen, auf alles zu, das man liebt" (Alphaville)
Deine Meinung zum Artikel Warum Brian De Palma in die Top 250 der besten Regisseure gehört
Ced37a5de9e24cd18e7a11c48099b533