Vor dem Netflix-Comeback liefert einer der besten Regisseure unserer Zeit einen puren Bilderrausch ab

This Much I Know To Be True
© Bad Seed Ltd.
This Much I Know To Be True
18.02.2022 - 07:40 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Was ist eigentlich aus Andrew Dominik geworden? Der Jesse James-Regisseur hat sich zuletzt sehr rar im Kino gemacht. Jetzt meldet er sich auf der Berlinale mit einem unglaublichen Bilderrausch zurück.

Andrew Dominik ist einer der besten Regisseure unserer Zeit, die viel zu wenig Filme machen. 2000 feierte er mit dem knallharten Chopper seinen Durchbruch. Erst sieben Jahre später präsentierte er sein Nachfolgewerk: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford. Auf den meisterhaften Western mit Brad Pitt folgte 2012 mit dem düsteren Neo-Noir Killing Them Softly sein bisher letzter Spielfilm.

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In der vergangenen Dekade war von Dominik danach kaum etwas zu vernehmen. Abseits von ein bis zwei Folgen der herausragenden Netflix-Serie Mindhunter blieb der dem Regiestuhl fern. Die einzige Ausnahme bildet ein Musikfilm, den er mit Nick Cave umgesetzt hat: One More Time with Feeling. Darin verarbeitet der Sänger durch die Performance seines sehr persönlichen Albums Skeleton Tree den Tod seines Sohnes.

Vor Netflix mischt Andrew Dominik die Berlinale auf

Bevor Dominik dieses Jahr auf Netflix im großen Stil zurückkehrt (er ist der Regisseur des heiß erwarteten Marilyn Monroe-Biopics Blonde mit Ana de Armas), tastet er sich auf der Berlinale zurück ins Kino. Erneut hat er sich mit Cave und dessen Bad Seed-Kollegen Warren Ellis für ein ungewöhnliches Projekt zusammengetan. Das Ergebnis hört auf den Namen This Much I Know to be True und ist eine überwältigende Filmerfahrung.

This Much I Know To Be True

War es bei One More Time with Feeling ein intimer Schmerz, der die Verbindung aus Musik und bewegten Bildern dominierte, steht zu Beginn der geistigen Fortsetzung ein globales Ereignis: die Corona-Pandemie. Wie viele Kunstschaffende musste Cave zahlreiche Konzerte absagen. Live-Auftritte vor Publikum waren während dem Lockdown unmöglich, woraufhin sich das Filmemachen als Zufluchtsort offenbarte.

Die Freundschaft zwischen Dominik, Cave und Ellis geht viele Jahre zurück. Schon in die Entstehung des eingangs erwähnten Jesse James-Films waren die Musiker involviert und steuerten einen Soundtrack voller sehnsuchtsvoller, trauriger und zerreißender Klänge bei. Nun rücken sie wieder in den Vordergrund: In This Much I Know To Be True treten sie als Protagonisten auf und lassen uns Teil ihrer musikalischen Welt werden.

This Much I Know To Be True ist eine unglaubliche Erfahrung

Nach einem kurzen Prolog, in dem Cave über Porzellan und den Teufel philosophiert, entfaltet sich This Much I Know To Be True als hypnotisierende Mischung aus Studiosession und Konzertfilm ohne Publikum: Inmitten eines ehemaligen Kirchenraums befinden sich Cave und Ellis mit ihren Instrumenten. Spärliches Licht füllt den großen Raum, während die Kamera die beiden langsam umkreist.

This Much I Know To Be True

Dominik bricht mit der Inszenierung der musikalischen Passagen selten aus dieser Aufstellung aus. Einnehmende Close-ups und die ständige Bewegung der im Kreis fahrenden Kamera bilden das Fundament von This Much I Know To Be True. Noch deutlich wichtiger ist aber, wie Dominik mit Licht und Farben in diesem Film umgeht. Wo die Kamera für Nähe und Dynamik verantwortlich ist, bringen die Scheinwerfer die Atmosphäre.

Die Grundstimmung des Films ist ein kaltes, gespenstisches Blau. Geradezu unheimlich wirkt es, wenn Cave die ersten Worte ins Mikrofron haucht. Er singt Songs aus Ghosteen und Carnage, den letzten zwei Alben, die er gemeinsam mit Ellis veröffentlicht hat. Oft beginnen die Lieder mit leisen, nachdenklichen Tönen, ehe sie sich zu etwas Gewaltigem aufbauen, das selbst den klaffend leeren Kirchenraum füllt.

Nick Cave und Warren Ellis schaffen im Chaos ein Wunder

Mit der Veränderung der Musik geht ebenfalls eine Veränderung des Lichts einher. Wenn Cave und Ellis bei Hand of God – fraglos einer der mitreißendsten Momente des Films – einen apokalyptischen Strudel heraufbeschwören, jagen die Scheinwerfer einen Blitz nach dem anderen durchs Bild. Später durchbricht ein warmes Glühen den grünlich blassen Schimmer der Ungewissheit. Die Lichtsetzung ist phänomenal.

This Much I Know To Be True

This Much I Know To Be True ist in jeder Faser darauf ausgelegt, die Sogwirkung der Musik zu untermauern – ja, sogar zu stärken. In den besten Momenten schafft Dominik eine dermaßen dichte Atmosphäre, dass man die Welt um sich herum vergisst. Plötzlich existieren nur doch die pure Ekstase auf der Bühne und die kreisende Kamera macht es unmöglich, aus diesem Wirbelsturm an Eindrücken auszubrechen.

Auf der gesamten Berlinale wird es keine rauschhaftere Erfahrung geben als die 101 Minuten von This Much I Know To Be True. Dominik verbringt jedoch nicht nur Zeit an jenem pulsierenden Ort, den er aus Licht, Bewegungen und Musik schafft. In kurzen Passagen erforscht er ebenfalls die Beziehung zu Cave und Ellis und versucht herauszufinden, was ihr unverkennbares Schaffen inspiriert.

Cave erzählt davon, dass alle Songtexte, die er schreibt, bevor er ins Studio geht, wertlos sind, da sich im Moment der Aufnahme alles ändert. Ellis tritt dabei als unberechenbare Kraft hervor, die sich Stimmungen und Instrumenten hingibt und weit abseits eines ausformulierten Notenblatts die Musik findet. Das klingt abstrakt und trotzdem lässt uns This Much I Know To Be True nicht in der kryptischen Welt der Künstler allein. In Dominiks Film erleben wir, wie diese Musik auf der Bühne entsteht.

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Freut ihr euch auf das große Andrew Dominik-Jahr?

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