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Der dritte Mann

Vor 70 Jahren: Die authentischste Filmkulisse

Orson Welles und der Zither-Ohrwurm
© Hieronymus Hölzig
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Artikel zu besonderen Anlässen in Hinblick auf Film, Geschichte & Filmgeschichte

Noch die dunkelsten Kapitel der Geschichte strahlen eine eigenwillige Faszination aus. Im Kino äußerte sich das nach 1945 durch die oft vergessene Welle deutscher Trümmerfilme, etwa Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns. Auch aus der Ferne begaben sich Regisseure zu den ehemaligen Schauplätzen nationalsozialistischer Barbarei, um den tristen Ruinen einen Hauch von Ästhetik abzugewinnen. So tat es Roberto Rossellini mit Deutschland im Jahre Null und dem zerstörten Berlin; so hatte es auch Produzent Alexander Korda mit dem einstmals strahlenden Wien vor. Über 50 Luftangriffe hatten die österreichische Hauptstadt ins Mark getroffen und zahlreiche Prunkbauten dahingerafft. Nach Kriegsende hielt eine zwiespältige Stimmung aus Aufbruch und Chaos Einzug. Mittendrin entstand ein Meisterwerk der Filmgeschichte.

Thriller im Ärmel

Allein das Leben dessen Drehbuchautors Graham Greene liest sich wie filmreifer Stoff: Bestseller-Autor, britischer Spion, Castro-Unterstützer, schillernde Figur des öffentlichen Lebens. Mit Regisseur Carol Reed brachte er 1948 Kleines Herz in Not heraus. Reed soll aus Sorge um die Lukrativität des Films Greene um ein weiteres Drehbuch gebeten haben. "Du hast nicht zufällig einen guten Thriller im Ärmel?" Der flapsige Spruch wurde zur fixen Idee, Produzent Korda spendierte dem Schreiberling eine Reise nach Wien. Auf der Suche nach Inspiration fühlte er sich in die geschundene Metropole ein, hörte von einem zwielichtigen Penicillin-Schwarzmarkt. Greene besuchte auch den altehrwürdigen Wurstelprater und löste ein Ticket für die Hauptattraktion des Vergnügungsparks.

Menschen wie Ameisen

Als 1897 das 50. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph I bevorstand, genehmigte man sich ein besonderes Geschenk: Das Wiener Riesenrad. Knapp 100 Jahre danach würden sich Ethan Hawke und Julie Delpy hier küssen, doch schon 1914 diente es als Filmkulisse. Madame Solange D'Atalide und ihr Pferd positionierten sich auf dem Dach eines Riesenrad-Waggons und ließen ihre Rundfahrt per Kamera festhalten. Der Zweite Weltkrieg zwang das stählerne Ungeheuer dann schließlich in die Knie, 1944 brannte es ab. Für die Wiederinbetriebnahme drei Jahre darauf gestand man dem Gefährt nur noch halb so viel Tragkraft zu und hängte statt 30 nur noch 15 Waggons auf. In einem davon fand sich auch Graham Greene bei besagter Reise wieder. So wie seine Kabine den höchsten Punkt erreichte und die Menschen am Boden wie Ameisen wirkten, überkam den Autor eine "existentielle Angst". Der dritte Mann nahm schriftlich Gestalt an.

Warten auf Orson

Der Film erzählt vom talentlosen Wild-West-Romanautor Holly Martins (Joseph Cotten), der in das von Alliierten verwaltete Nachkriegs-Wien reist. Anlass ist ein Auftrag von seinem Jugendfreund Harry Lime. Ein Aufeinandertreffen kommt jedoch nicht zustande. Wie Martins erfährt, starb Lime unlängst bei einem Verkehrsunfall. Zwei von Harrys Freunden und eine unbekannte dritte Person hatten ihn noch kurz vor dem Tod über die Straße getragen. Martins geht dem rätselhaften Fall auf den Grund.

Eine wichtige Rolle übernahm Hollywood-Legende Orson Welles, der sich mit dem Krieg der Welten-Coup von 1938 und seinem Film Citizen Kane zur Legende gemacht hatte. Carol Reeds Freude über die Verpflichtung währte aber nur kurz. Zu vereinbarten Drehterminen tauchte Wells zunächst gar nicht erst auf, trieb sich andernorts in Europa herum. Reed und einer seiner Kameramänner, Robert Krasker, experimentierten derweil mit schrägen Kamerawinkeln und surrealer Beleuchtung. Die "Dutch Angles" würden später ein Markenzeichen des Films sein, der sogenannte Chiaroscuro-Stil eine Versinnbildlichung der zweischneidigen Situation in der Stadt. Viele Originalschauplätze wurden aufgenommen, darunter der Zentralfriedhof, der Platz "Am Hof" und die ausgebrannte Gestapo-Zentrale, dem Hotel Métropole.

Schwarzwald, Schweiz - Schwamm drüber

Der herbeigesehnte Darsteller traf schließlich ein und wenngleich er nur eine Woche am Set verbrachte, nutzte er die Zeit für jede Menge Star-Allüren. Er verweigerte den Dreh in der "stinkenden Kanalisation", Regieassistent Guy Hamilton und Andere mussten als Doubles übernehmen. Etepetete und Divenhaftigkeit hin oder her - Ein goldener Moment sollte Orson Welles noch anheimfallen. Er und Joseph Cotten treffen im Prater aufeinander und drehen eine Runde im Riesenrad. Ohne Dialog-Details vorwegzunehmen: Welles' Schlussworte, festgehalten am Fuße des kreisrunden Fahrgeschäfts, gingen als "Kuckucksuhr-Rede" in die Filmgeschichte ein und stehen für sich:

In den 30 Jahren unter den Borgias hat's nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab's Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!

Sätze, die nicht im Skript standen und von der sperrigen Filmlegende improvisiert wurden - auch daran erkennbar, dass Kuckucksuhren in Wirklichkeit aus dem Schwarzwald kommen. Ob sich Welles durch Worte Churchills oder des Malers James Whistler spontan hatte inspirieren lassen, bleibt bis heute unklar.

"The Zither Film"

Der schlussendlich große Kinoerfolg äußert sich auch im "eigentlichen Hauptdarsteller", der Musik. Carol Reed hatte bei einer Wiener Party einen kleinen Musiker auf einem seltsamen Saiteninstrument spielen sehen: Anton Karas und seine Zither wurden in ein zum Tonstudio umfunktoniertes Astoria-Hotelzimmer eingeladen. Die Probeaufnahmen gefielen und Karas musste starkem Heimweh zum Trotz nach London reisen, um den kompletten Soundtrack aufzunehmen. Die eigentlich zahme Zithermusik fügt sich frappierend gut in den spannungsgeladenen Krimi ein und rundet einen der großen Klassiker der Filmgeschichte perfekt ab. Karas' berühmtes Harry-Lime-Thema wurde zum Millionenseller.

https://www.youtube.com/watch?v=r9yyDEDGlr0


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