Es ist eines der größten Schlachten-Epen aller Zeiten und dauert 7 (!) Stunden in der neuen Fassung

15.05.2024 - 14:38 UhrVor 3 Tagen aktualisiert
Napoleon ersteht in seiner längsten Restauration auf
BFI
Napoleon ersteht in seiner längsten Restauration auf
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Nach fast 16 Jahren Arbeit erscheint (auch dank Netflix) die 7-Stunden-Fassung von Abel Gance' Meisterwerk Napoleon, in dem selbst eine Schneeballschlacht epischer wirkt als die teuerste Blockbuster-Action.

Es ist das Festival der gigantomanischen Regie-Träume. Diese Woche feiert in Cannes Francis Ford Coppolas Sci-Fi-Dystopie Megalopolis Premiere, für dessen 100-Millionen-Budget der Pate-Regisseur eines seiner Weingüter verkaufte. Am Sonntag folgt Kevin Costners Western Horizon. Als wären drei Stunden Laufzeit nicht genug, wird das nur der erste von insgesamt vier Horizon-Filmen sein.

Einer stellt sie aber in den Schatten: Abel Gance und sein Napoleon. Das Epos sollte als Auftakt eines Sechsteilers über das Leben des späteren französischen Kaisers dienen. Es blieb bei einem Film mit voluminöser Laufzeit, bahnbrechender Kamera-Arbeit und Technik-Innovationen, die ihresgleichen suchten. Nach Erscheinen wurde der Film jedoch drastisch gekürzt und die Suche nach der "Originalversion" begann. Diesen Sommer wird die bis dato längste Rekonstruktion von Napoleon der Öffentlichkeit gezeigt. In Cannes lief ein 227-minütiges Häppchen.

Napoleon – das unerreichte Epos von Abel Gance

Napoleon erschien 1927 und stellt trotzdem so ziemlich alles in den Schatten, was man seitdem über den berühmtesten Bewohner der Insel Elba im Kino gesehen hat. In Sachen epischer Vision reicht im Prinzip nur Sergey Bondarchuks aufwendige Krieg und Frieden-Verfilmung an den Stummfilm-Vorgänger heran, in dem der Korse eine Nebenfigur ist. Ganz zu schweigen von Ridley Scotts belämmerter Napoleon-Version mit Joaquin Phoenix, die eher als Beziehungskomödie denn als Historienepos taugt.

Im Prolog von Gance' Film lernen wir den jungen Napoleon kennen. Seine Mitschüler an der Militärakademie in Brienne piesacken den strengen, stillen Streber, der wahlweise vor Tatendrang oder Wut kocht. In einer Schneeballschlacht beweist er sein Talent als Taktiker und Anführer, was nicht sonderlich aufregend klingt.

Albert Dieudonné als Napoleon

In den Händen von Abel Gance entwickelt sich daraus eine actiongeladene Schlacht, in der die Kamera mit Schneebällen von einer Front zur nächsten rast. Irgendwann fliegen Steine und Fäuste, bis einem der Atem stockt – stünde da nicht die ruhige Präsenz des Buben-Napoleons, der seine Mitschüler mit Geschick zum Sieg anleitet. Dies ist kein dekonstruierendes Porträt. Gance inszeniert Napoleon als missverstandenen Heilsbringer einer verirrten Nation. Die entbehrungsreiche Mission – von den glorreichen Siegen bis zum Exilanten-Tod auf St. Helena – steht schon im Kindergesicht geschrieben.

Das Historien-Epos strotzt vor Schlachten und monströsen Bösewichten

So geht es dann auch weiter, nicht sonderlich nuanciert, aber mit regelrecht mythisch verklärenden Bildern, die man so schnell nicht vergisst. Die (noch befestigten) Köpfe der Französischen Revolution gebieren sich beispielsweise als monströse Bösewichte, wobei Robespierre als Technokrat mit Sonnenbrille den Vogel abschießt. An einer besonders wuchtigen Stelle wird das Chaos im revolutionären Paris mit einem Napoleon (Albert Dieudonné) gegengeschnitten, der auf einem Boot mit einer Tricolore (!) als Segel durch einen Sturm manövriert. Bis die Kamera von den Wellen des Mittelmeeres in die Nationalversammlung und wieder zurück geschwemmt wird.

Bei der Belagerung von Toulon darf der Captain dann sein ganzes Können zeigen. Diese von Regensäulen befeuerte nächtliche Schlacht muss man gesehen haben, um zu glauben, was 1926 mit einem Haufen Schlamm, Pferden und rudimentärem Arbeitsschutz an einem Filmset möglich war.

Mangels Erfolg blieb es bei diesem einen Film, der Napoleon beim Italienfeldzug verlässt. Doch selbst ohne die Schlachten von Austerlitz, Borodino oder Waterloo bleibt Abel Gance' Vision der größte Film über den Korsen, der zum französischen Kaiser aufstieg.

Der neue Napoleon wird bei Netflix veröffentlicht

Umso erfreulicher ist es, dass die neue Restauration von Napoleon fertiggestellt wurde. Seit 2008 arbeitet die Cinémathèque française unter Führung von Georges Mourier daran. Für finanzielle Unterstützung sorgte unter anderem Netflix. Die bis jetzt längste Version des Films (basierend auf der Arbeit von Kevin Brownlow) beläuft sich auf 5 Stunden und 32 Minuten. Die neue, sogenannte "grande Version" umfasst eine Laufzeit von 7 Stunden und 5 Minuten. Seit 1927 war diese Version nicht mehr verfügbar .

Laut Deadline  wird der 7-Stunden-Cut im Juli in Paris gezeigt und später in den französischen Kinos und bei Netflix veröffentlicht. Wie es mit einem Start in Deutschland aussieht, ist leider nicht bekannt.

Doch wer die Chance erhält, diesen Film auf der großen Leinwand zu schauen, sollte sie ergreifen. Und ein paar Baguettes als Verpflegung mitbringen.

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