Filmische Integration

Türkische Schauspieler chronisch unterfordert

Sibel Kekilli und Birol Ünel in Gegen die Wand
© Universal
Sibel Kekilli und Birol Ünel in Gegen die Wand

Gibt es eigentlich so etwas wie filmische Integration? In Amerika ist diese Frage eigentlich alljährlich Thema, gerade wenn es auf die Award-Season zu geht. Existieren nicht speziell im Einwanderungsland USA zu wenig große Rollen für Schauspieler mit asiatischen, indischen, afrikanischen Wurzeln? Mit The Help gibt es 2012 zumindest einen Film, der für die Nominierungen von afroamerikanischen Schauspielern sorgen könnte. Ansonsten geht es trotz Barack Obama im Oval Office und Oscars für Denzel Washington und Halle Berry in Hollywood immernoch recht eintönig zu, was die Rollenverteilung im Schauspielgeschäft angeht. The Gaffer hat sich zu diesem Thema bereits in ihrer Kolumne zur Zukunft des Kinos geäußert.

Wie sieht es denn nun aber mit dieser Problematik im deutschen Kino aus? In der aktuellen romantischen Komödie Offroad, die heute startet, konnte der in Deutschland geborene Schauspieler mit tunesischen Wurzeln, Elyas M’Barek, die männliche Hauptrolle ergattern. Beileibe nicht gerade selbstverständlich, sind interessante Rollen für Schauspieler, die nicht wie Max Mustermann aussehen, doch eher rar gesät.

Integrationsort deutsches Fernsehen?
Im Falle von Elyas M’Barek führte die Schauspielkarriere, wie bei so vielen jungen Talenten, über das Fernsehen. Bekannt wurde der heute 29-jährige durch die Fernsehserie Türkisch für Anfänger. Die Geschichte handelt von einer deutsch-türkischen Patchworkfamilie, kommt sehr humorvoll daher, verlässt sich als Aufhänger aber wie so oft auf zahlreiche Klischees. So stellt M’Bbareks Figur Cem Öztürk den klassischen “Macho-Türken” dar, inklusive Schulabbruch und krimineller Laufbahn. Diese Rolle darf der Schauspieler nun immerhin auf der großen Leinwand weiterentwickeln, wenn im März der Film zur Serie in die deutschen Kinos kommt.

Der in der Türkei geborene Schauspieler Mehmet Kurtulus hat es als Hauptdarsteller sogar in das allerheiligste Format der Deutschen geschafft: den Tatort. Hier trat er 2008 die Nachfolge von Robert Atztorn an und ermittelt verdeckt als Hauptkommissar Cenk Batu. Ob nun wirklich die schlechten Quoten daran Schuld sind, dass Kurtulus vom Liebling der deutschen Kinozuschauer Til Schweiger abgelöst wird, bleibt unklar. Kurtulus hat ebenfalls geäußert, dass er sich vermehrt dem internationalen Filmgeschäft widmen möchte. Sibel Kekilli besucht die deutschen Zuschauer am Sonntag Abend ebenfalls als Tatort-Kommissarin Sarah Brandt. Ihr türkischer Hintergrund ist hier ausnahmsweise mal kein Thema. "In Deutschland bekomme ich zu 90 Prozent Angebote, bei denen ich eine Türkin spielen soll – nicht selten auch noch eine mit Kopftuch. Ich spiele gerne türkische Frauen und verleugne meine Herkunft nicht – aber ich möchte nicht darauf reduziert werden.“, so die Schauspielerin gegenüber dem Spiegel.

Im Fernsehen scheinen gerade türkisch-stämmige deutsche Schauspieler bereits mehr oder weniger einen Platz gefunden zu haben. Es geht noch nicht komplett ohne Klischees und mehr Rollen verlangen Kopftuch als Knarre, aber immerhin suchen die Produzenten nicht nur nach Gemüsehändlern und Kleinkriminellen. Im deutschen Kino scheinen die Filmemacher jedoch noch einige Schritte hinterher zu hängen.

Zwischen erhobenem Zeigefinger und albernen Sprücheklopfern
2004 landete der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin mit seinem Drama Gegen die Wand einen großen Überraschungserfolg. Der Film mit Sibel Kekilli und Birol Ünel in den Hauptrollen erzählt von einer jungen Türkin, die längst nichts mehr mit den Traditionen ihres Elternhauses zu tun haben möchte und zeichnet ein modernes Bild türkischer Einwanderer der zweiten Generation. Vor allem aber bietet das Drama den beiden Hauptdarstellern ernstzunehmende Figuren an, deren Identität nicht ausschließlich über ihre Herkunft definiert ist. Da wirkt es fast ein wenig scheinheilig, wenn Film und Schauspieler mit zahlreichen Preisen überhäuft werden, interessante Rollenangebote für die beiden ausgezeichneten Darsteller aber weiterhin Mangelware bleiben. Ünels markantes Gesicht ist eigentlich wie für die große Leinwand geschaffen, trotzdem blieb der gelernte Theaterschauspieler lange Zeit aus den deutschen Lichtspielhäusern verchwunden. Nur in Fatih Akins Soul Kitchen trat er noch einmal für ein etwas größeres Publikum in Erscheinung.

Und auch für Sibel Kekilli bleiben die Rollenangebote im deutschen Film offenbar sehr eingeschränkt. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet eine Frau mit einem so interessanten Lebenslauf (von der Pornodarstellerin zur Gewinnerin der goldenen Lola), immer wieder auf Figuren festgelegt ist, die sich innerhalb traditioneller türkischer Familienstrukturen bewegen. Das Drama Die Fremde von Frauenaktivistin Feo Aladag mag seine Qualitäten haben, kommt aber doch sehr stark mit dem erhobenen Zeigefinger daher.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt Christian Petzold in seinem Film Jerichow von 2008. Ausgerechnet Hilmi Sözer, der sich jahrelang als Quoten-Italiener durch diverse Tom Gerhardt -Komödien blödelte, kann hier als türkischer Geschäftsmann Ali groß auftrumpfen. Als Ehemann der blonden Schönheit Laura, spielt er sowohl Hauptdarstellerin Nina Hoss wie auch den männlichen Gegenpart Benno Fürmann an die Wand. Und das ganz ohne albernen Akzent oder heimatsbezogener Identitätskrise. Und wer hätte es gedacht: Auf dem Land leben auch Ausländer.

Zu wenige Filmrollen in Deutschland für Schauspieler mit ausländischen Wurzeln? Wo sind die türkischen Anwälte, Ärzte oder Liebhaber? Was denkt ihr?

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