The House That Jack Built: Wie sich ein Skandalregisseur entzaubert

Lars von Trier
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Wann immer ein neuer Film von Lars von Trier Premiere feiert, können wir sicher sein, dass das nicht geräuschlos vonstatten geht. Die Frauenfiguren aus seinen Filmen scheinen zum Leiden verdammt und es kann auch schon mal vorkommen, dass auf der Leinwand Behinderungen vorgetäuscht (Idioten) oder Genitalien zertrümmert werden (Antichrist), während das Universum nur stumm zuschaut. Von Trier polarisiert jedoch nicht lediglich durch sein Werk, sondern auch durch seine Persönlichkeit. Spricht er etwa bei öffentlichen Auftritten und muss dann obendrein auf Englisch kommunizieren, ist er leicht misszuverstehen, was wiederum die Presse dankend annimmt. Durch seine Kunst weiß er sich hingegen umso besser auszudrücken. Zumindest war das noch bis vor einer Weile so. In dieser Woche startete sein neuester Streich The House That Jack Built in den Kinos, nachdem bereits das Publikum in Cannes vergrault wurde. Es ist ein Serienkillerfilm, der blutleerer kaum sein könnte.

The House That Jack Built ist ein seelenloser Film über Lars von Trier

Lars von Trier zehrt von und leidet unter den Reaktionen auf ihn und seine Schelmenstreiche, was er neuerdings sehr direkt in seinen Filmen verhandelt. Wenn der Mörder Jack seine grausamen Taten zur Kunst erhebt, liegt es jedenfalls nicht fern, in der Figur weniger einen Menschen aus Fleisch und Blut als vielmehr ein symbolisch aufgeladenes Abbild des Regisseurs zu sehen. Schließlich hat auch von Trier das Überschreiten von Grenzen gewissermaßen zu seinem Beruf gemacht, der kreative Wert seiner Filme gilt unter Kritikern ebenso wie unter Kinogängern als höchst umstritten. Ein Kapitel in The House That Jack Built beschäftigt sich sogar "zufällig" mit dem Schaffen von NS-Architekt Albert Speer und spätestens hier ist (über)deutlich die Brücke zu ebenjenem Regisseur geschlagen, dem seine persönliche Faszination für das Dritte Reich ("Ich bin ein Nazi") 2011 bei den Filmfestspielen von Cannes so richtig zum Verhängnis wurde. Das Casting von Bruno Ganz in The House That Jack Built, der 2004 in Der Untergang Adolf Hitler verkörperte, wirkt auf der Metabene demgegenüber noch regelrecht subtil.

Was bei Lars von Trier auffällt: Je weiter seine Filmographie anwächst, desto mehr verliert sie an Herzblut. Die Melodramen Breaking the Waves und Dancer in the Dark waren Werke von wuchtiger emotionaler Rohheit, die den wehrlosen Zuschauer zurück in die Embryostellung zwangen. Auch Dogville besitzt eine unnachahmliche Unmittelbarkeit, kommt als formales Experiment (ein ganzes Dorf entsteht durch Kreidestriche auf dem Boden) daneben aber auch sehr hintersinnig daher, wenn wir am Ende unsere Wut auf die Bewohner selbst einordnen müssen - und mit ihr schmerzlich allein bleiben. Mit Antichrist und Melancholia verblüffte von Trier später mit zwei für seine Verhältnisse ungewohnt bildgewaltigen Filmen, die ebenfalls im Zeichen ambivalenter, hochgradig unzugänglicher Figuren standen. Umso heftiger plagt mich seit 2014 die Frage:

Was ist nur mit dem genialen Dänen passiert?

Lars von Trier ist insgeheim zahm geworden

Ein Knackpunkt in von Triers Karriere ist der vor 4 Jahren erschienene Zweiteiler Nymphomaniac, in dem es mitunter unerträglich theoretisch wird. Die Charaktere Joe und Seligman führen einen langen Dialog, von dessen schräger Unterhaltsamkeit wir uns nicht täuschen lassen sollten. Wann immer der eine die vermeintlichen Abarten des anderen erklärt und/oder relativiert (also die ganze Zeit), hören wir im Grunde bloß Lars von Trier beim Selbstgespräch zu. Der Filmemacher persönlich will dem Publikum hier erklären, dass Antisemitismus und Antizionismus verschiedene Dinge sind und Stellan Skarsgårds Seligman fungiert als Sprachrohr. Nach dem Skandal von Cannes drei Jahre zuvor wirkt Nymphomaniac wie eine für die Öffentlichkeit bestimmte filmgewordene Verteidigungsschrift der eigenen Person - irgendwie bizarr nur, wenn der Absender ausgerechnet der mutmaßlich größte Skandalregisseur unserer Zeit ist. Der junge Lars von Trier hätte über ein solches Zu-Kreuze-kriechen seines späteren Ichs allenfalls müde gelächelt.

In The House That Jack Built porträtiert Lars von Trier sich nun als Serienkiller mit der Tarnung eines Künstlers, tatsächlich aber bleibt der Däne in Sachen Radikalität weit hinter seiner Hauptfigur zurück. Weh tut der Film abseits nur noch plumper Provokation nämlich gerade nicht. Wie sehr Lars von Trier mit sich selbst beschäftigt ist, zeigt nicht zuletzt eine zwischen Blutbädern und Nazi-Architektur eingeblendete kurze Collage aus seinen eigenen Filmen, die nicht nur keine Missverständnisse über die Bedeutung von The House That Jack Built zulässt, sondern obendrein den Gipfel der Eitelkeit markiert.

Von zerschmetterten Fanträumen

Bereits nach seiner Premiere in Cannes zogen wir die Bilanz, dass The House That Jack Built keineswegs ernstgenommen werden sollte. Genau das ist mein größtes Problem, denn bei aller Doppelbödigkeit seiner Kunst war Lars von Trier lange Zeit ein Regisseur, der uns mit seinen Filmen etwas zum Nachdenken, Reiben und Verzweifeln hinterließ. Als jahrelanger Fan neige ich womöglich zum Dramatisieren der Situation: Wenn ich nun ihn nicht mehr ernst nehmen kann, wen dann? Lars von Trier scheint momentan hoffnungslos in einer Ego-Blase gefangen, die ich verdammt gerne mit einer spitzen Nadel zum Platzen bringen würde. Jedoch bringt das Fansein auch Leidensfähigkeit mit sich. Daher warte ich einfach, bis er wieder Filme dreht, die sich nicht allein um ihn drehen.

Wie steht ihr zu den letzten Filmen von Lars von Trier?

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