The Deuce - Staffel 1, Folge 1: Ein Sumpf voller Leben

Maggie Gyllenhaal in The Deuce
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moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

New York 1971, zwei Zuhälter sitzen auf einer Bank und reden über das Geschäft. Richard Nixon, sagt der eine, habe sich die Zwillingsformel von Zuckerbrot und Peitsche mit den Pariser Friedensverhandlungen und Angriffen in Vietnam perfekt zueigen gemacht. Sie selbst würden ganz ähnlich handeln, meint der andere, weil sie "ihre" Prostituierten gleichermaßen belohnen und bestrafen – Spaß mache das gelegentliche Aufschlitzen und Verstümmeln der Frauen zwar nicht, notwenig sei es aber unbedingt. Oberpimp Nixon und die Regeln der Straße: Das ist lediglich ein verbaler Vorgeschmack auf jene Bilder von The Deuce, die das virile Selbstverständnis professioneller Ausbeuter am Ende des abendfüllenden Piloten schmerzlich komplettieren werden. Sex und Gewalt gibt es auch in der neuen HBO-Serie reichlich zu sehen, aushalten lässt es sich diesmal nur schwer. Den Sendeplatz von Game of Thrones übernehmen Showrunner David Simon und Partner George Pelecanos mit einem angemessenen Kontrastprogramm.

Zuhälter also, einerseits. C.C. (Gary Carr) beobachtet Frauen am Busbahnhof, täglich kommen sie in die Stadt, um Freiheiten zu suchen und Abhängigkeiten zu finden. Es ist der erste Schritt eines Rekrutierungsrituals, ganz gentlemanlike, nach den Schmeicheleien kommen die Schläge früh genug. Lori (Emily Meade) scheint zu wissen, was ihr mit C.C. blüht, ins Auto steigt sie trotzdem. Hauptsache irgendwo unterkommen, einen Platz zum Übernachten haben, Geld verdienen. C.C. macht auf gönnerhaft, das kann jedem imponieren. Sein maßgeschneiderter Anzug und der Spazierstock schinden Eindruck, die Zwillingsformel steckt bereits in solchen Details. Auf der Rückbank des Cadillacs stapeln sich Nuttenkleider, "to look more New York", eben erst Hallo und jetzt schon das Umstyling. Lori lehnt ab, noch darf sie widersprechen. In einem Diner trifft sie auf künftige Kolleginnen, Hoffnung hat ihren Blick verlassen. Koks zum Frühstück und Geschichten der letzten Nacht, einen Tisch weiter kümmert sich C.C. längst um neue Angelegenheiten.

Prostituierte also, andererseits. Lori, die Anfängerin in der "The Deuce" genannten 42nd Street, ist jetzt eine von ihnen. Sie lernt Darlene (Dominique Fishback) und Eileen (Maggie Gyllenhaal) kennen, sie und ihre Stammkunden sind uns schon vertraut. Ein Mann bucht Darlene als Vergewaltigungsopfer und langt mit sichtbaren Folgen zu, ein anderer möchte stundenlang gemeinsam fernsehen. Für beides wird sich Darlene vor Larry Brown (Gbenga Akinnagbe) erklären müssen, denn Schuld haben nie die Freier. Kein solches Abhängigkeitsverhältnis muss Eileen erdulden, auf dem Strich ist sie als Candy bekannt und arbeitet selbstständig. Diese Freiheit hat ebenso bittere Bedingungen, Eileen ist eben nicht Zuhältern, sondern Kunden schutzlos ausgeliefert. Ihr Sohn, erfahren wir, lebt bei seiner Oma, am Ende besucht und umarmt sie ihn. Zuvor bemuttert Candy auf gänzlich andere Art einen Teenager, der entjungfert werden möchte. Er kommt nach der ersten Berührung und fordert eine zweite Runde gratis. Überall: Rechtfertigung.

Klassische Täter- und Opfermuster, so viel ist nach der Pilotfolge klar, gibt es in The Deuce dennoch nicht. Dass eine von James Franco gespielte Doppelrolle den figuralen Dreh- und Angelpunkt bildet, sagt vielleicht schon einiges über das nicht leichtfertig in Pro- und Antagonisten unterteilbare Konzept der Serie. Laut Synopsis wollen die Franco-Figuren das große Geschäft mit der aufkeimenden Pornoindustrie machen, davon vermittelt die erste Folge noch nicht mal eine Ahnung. Vincent Martino ist als Barkeeper beschäftigt, unglücklich verheiratet und finanziell ausgebrannt, für seinen spielsüchtigen Bruder Frankie muss er vor der italienischen Mafia geradestehen. Als Verbindungspunkt von Nicht-Orten führt Vincents Bar das Ensemble zusammen. Am Tresen sitzen Zuhälter und Geldeintreiber, hineingerannt kommen durchnässte Prostituierte, die nicht mehr können und immer noch müssen. Polizisten trifft man hier ebenfalls. Danny (Don Harvey) schmeißt sich an Abby (Margarita Levieva) heran, die er beim Drogenkauf erwischte und nicht ohne Hintergedanken freiließ.

Ziemlich eigene Welt, in die uns David Simon und seine Autoren da wieder einmal werfen, nach Baltimore (The Wire) und New Orleans (Treme) präsentiert sich bei ihnen auch der Big Apple als dampfender Großstadtsumpf. Um Elendstourismus geht es dabei nicht, der Sumpf steckt voller Leben, die Bilder signalisieren ehrliches Interesse noch für finsterste Gestalten. Das ist die Kunst von David Simon, spezielle Milieus mit speziellen Menschen als spezielle Erzählung. Kein psychologisches Ergründenwollen, schlicht ein genaues Hinschauen: Figuren außerhalb des Systems, das selbst System ist, ausdifferenziert bis ins Detail, von einem Schicksal zum nächsten. Überall Linien, die in- und gegeneinander laufen, die der Stadt ein Gesicht reich an Furchen und Schattierungen geben. Die zahlreichen miteinander verzahnten Geschichten in The Deuce werden sich erst über das größere Gesamtbild greifen lassen. HBO gestattet Simon noch einmal den langen erzählerischen Atem. Das – und für den Moment nichts anderes – ist sogenanntes Qualitätsfernsehen.

Sky Ticket - The Deuce

Parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung auf HBO ist The Deuce in der Nacht von Sonntag zu Montag wahlweise Deutsch synchronisiert oder im Original über Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Einen Tag später läuft die acht Folgen umfassende erste Staffel der Serie auf Sky Atlantic HD.

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