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The Dark Knight Fails

28.11.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Nolans Batman in der Kritik
© Warner Bros./moviepilot
Nolans Batman in der Kritik
Heute gibt’s Kritik. Nicht an irgendwem oder irgendwas, sondern an der Batman-Wiederbelebung von Christopher Nolan.

Bevor die Finger der Leser, die Nolans Batmanfilme für die größten Sternstunden des Kinos seit Citizen Kane halten, sich in wundgetippte Stummel verwandeln, eins vorweg: Ich mag Batman Begins, The Dark Knight und The Dark Knight Rises als Filme. Sie sind unterhaltsam, tadellos gespielt und technisch, abgesehen von den eher mittelmäßig inszenierten Actionsequenzen, makellos. Deshalb soll dieser Artikel auch keinen Verriss der Filme darstellen, sondern nur aufzeigen, weshalb viele der Ansätze und Ideen, für die die Filme jenseits des bloßen Popcornkinos gefeiert werden, nicht vorhanden sind oder absolut unzureichend umgesetzt wurden und wieviel verschenktes Potential in ihnen schlummert.

Beginnen wir zunächst mit Batman Begins, der kurioserweise am wenigsten als Nolan-Film zu erkennen ist und eher als das, was landläufig Comicverfilmung genannt wird, durchgeht. Die Entscheidung, Batman einer Frischzellenkur zu unterziehen, konnte nach den beiden Schumacher-Filmen (Stichwort: Batnipple) nur begrüßt werden und als atmosphärische Vorlage die eher düsteren Geschichten des dunklen Ritters wie „Year One“ oder „The Long Halloween“ zu verwenden, klang vielversprechend. Heraus kam schließlich ein in zwei Teile zerfallender Film, der mit einer starken Charakterentwicklung in der ersten Hälfte und einem selbst für eine Comicverfilmung lächerlichen Plot in der zweiten aufwartete (Dehydrierung war seit Batman hält die Welt in Atem außerdem ein alter Hut). Interessanterweise zeigt sich das Problem der Filme, obwohl die beiden Nachfolger stärker darunter leiden, hier am deutlichsten: Der Ansatz, Batman in der Realität zu verankern, ist eine dumme Idee und beweist, dass Christopher Nolan nicht verstanden hat, wie Superheldencomics funktionieren.

Nachdem Batman Begins, obwohl sicherlich der uninteressanteste der drei Teile, ein großer finanzieller Erfolg war, hatte Christopher Nolan grünes Licht und vor allem absolute kreative Freiheit für den zweiten Teil. The Dark Knight wird oft als beste aller Comicverfilmungen angesehen (wenn dieses Genre denn überhaupt als vergleichbarer Überbegriff existiert, denn „Comic“ ist selbst ein Medium, dass Geschichten unterschiedlicher Genres erzählt). Dieses Mal wird das Realismusgaspedal voll durchgetreten. Gotham verliert sein surreales Antlitz und wird zu einer generischen amerikanischen Großstadt, die weiße Haut des Jokers ist nun schnöde Schminke und der herbeirufbare Fledermausschwarm kommt auch nicht mehr zum Einsatz. Doch bei all dem Bemühen, das Geschehen in unserer realen Welt zu verankern, bleibt ein Problem: die Prämisse. Wir befinden uns nämlich immer noch in einer Geschichte, in der ein Milliardär nachts in einem Latexkostüm Jagd auf Verbrecher macht und egal wieviel Mühe man sich gibt, man kann so etwas nicht in die reale Welt bringen und die Folgen, die es haben müsste, einfach ausblenden.

Alan Moore hat mit Watchmen die große „Was wäre, wenn es Superhelden wirklich gäbe?“-Frage gestellt und sie umfassend und auf geniale Weise beantwortet. Die Ursprünge solcher „Super“helden, die gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Handelns und nicht zuletzt die damit einhergehenden psychologischen Folgen für die maskierten Gesetzeshüter wurden im Detail beleuchtet und plausibel gemacht. Christopher Nolan kümmert das bei Batman jedoch nicht wirklich. Er ignoriert die Folgen, die ein von Rache getriebener und Selbstjustiz übender dunkler Ritter auf die Gesellschaft hätte einfach dadurch, dass er die Gesellschaft ausblendet. Denn am Ende findet alles, was Batman, die Polizei und ihre Gegenspieler tun losgelöst von den Menschen, die in Gotham leben und arbeiten, statt. Die Stadt ist ein Schachbrett, auf dem sich nur die wichtigen Akteure bewegen und sonst kein menschliches Leben existiert.

Wen interessiert denn bitte, dass es in den alten Filmen nie eine Erklärung für die technischen Gimmicks gab, die technologisch so ziemlich allem voraus waren, was dem Rest der Menschheit zur Verfügung stand. Es ist unwichtig, dass wir jetzt wissen, dass Batmans Cape durch Strom zum Gleiter werden kann (was ja im Grunde auch nur stupid science ist). Wenn man sich dafür entscheidet, Batman in eine realistische Umwelt zu verfrachten, dann sollte man auch den Mut haben die großen Fragen anzugehen. In der Realität lässt sich die Welt nicht in Gut und Böse einteilen, aber hier traut sich Nolan einfach nicht, aus den Rahmen des Comics heraus (wobei selbst darin die Untiefen von Recht und Unrecht stärker ausgelotet wurden). Am Ende sind Batman, Gordon (und im dritten Teil der Rest der Polizei) immer zweifelsfrei die Guten und ihre Gegenspieler immer auf der falschen Seite von Recht und Moral. Wie passt das in eine Welt, in der Bilder von Polizisten um die Welt gehen, die friedlich demonstrierenden Studenten Pfefferspray in die Augen sprühen? Batman kann nur in einer Welt existieren, in dem das System, das er schützt, nicht in Frage gestellt wird, weil er sonst nur der verlängerte und brutale Arm von Law and Order wäre. Die Frage nach Bruce Waynes Unrechtsbewusstsein ist die erste, die sich stellen sollte, wenn man vorhat den dunklen Ritter mit der realen Welt zu konfrontieren, doch Christopher Nolan spart sie aus.

Was er nicht begreift, ist, dass es eine Superheldengeschichte nicht nötig hat, realistisch zu sein, um gesellschaftliche Relevanz zu haben. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass es die größte Kunst von Filmen ist, Emotionen zu wecken, ohne dass die Handlung direkt mit dem eigenen Leben in Verbindung steht. Ich kann von den Entbehrungen und dem Mut Frodos gefesselt sein, ohne selbst jemals vor der Aufgabe gestanden zu haben, einen magischen Ring in einen Vulkan zu schmeißen. Genauso können Geschichten über Superhelden tiefe Wahrheiten über den menschlichen Geist und unsere Gesellschaft enthalten, ohne selbst in dieser zu spielen.

Batman scheint wie der dankbarste aller Superhelden wenn es um eine Verknüpfung mit unserer Gesellschaft geht, da er ein Mensch aus Fleisch und Blut ohne übernatürliche Kräfte ist. Wenn man jedoch einen Schritt weiter denkt, merkt man, wie fundamental die Fragen sind, die er mit sich zieht. Nur muss man sich dann eben auch trauen, sie zu stellen und nicht denken, ein Film hätte über unsere Gesellschaft automatisch etwas zu sagen, weil er in selbiger spielt. Man merkt Christopher Nolan die Verbissenheit an, mit der er die großen Themen angehen wollte (vor allem im letzten Teil der Trilogie). Es muss ernüchternd gewesen sein, festzustellen, dass es mit dem gewählten Ansatz nicht gelingen kann. Stattdessen kamen unterhaltsame Filme heraus, die vorgaukeln tiefe Botschaften zu vermitteln, am Ende aber im eigenen Realismus-Korsett ersticken und so viel weniger zu sagen haben, als sie gerne würden.

Vorschau: Einer der Überraschungsfilme des Jahres wird noch einmal näher betrachtet.

Dieser Text stammt von unserem User eipi. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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