Tatort-Kritik

Tatort - Sind wir nicht alle Whistleblower?

Tatort: Verfolgt
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Tatort: Verfolgt

Zunächst einmal: Muss es ein so generischer Titel wie Tatort: Verfolgt sein? Sicher können wir Freudensprünge machen, dass uns (vorerst) eine weitere Variation von Tatort: Zwischen/Neben/Unter Welten erspart bleibt. Obwohl Tatort: Verfolgt mit - aufgepasst! - einer Parallelmontage (möglicherweise) Verfolgter beginnt, dürfen wir doch den Verbrauch von etwas mehr Gehirnschmalz erbitten, wenn es um die Betitelung des Glanzstücks öffentlich-rechtlicher Abendunterhaltung geht. Denn Tatort: Verfolgt hat durchaus etwas mehr zu bieten als die vergangenen Kriminalfälle aus Luzern, was an Dominik Graf und Co. aufgepäppelte Zuschauer vielleicht nicht vom Hocker haut, aber alle Liebhaber des einsamen Wolfes Flückiger freuen dürfte. 

Plot: Flückiger (Stefan Gubser) schneidet sich in seinem neuen Tatort nämlich eine Scheibe von der Paranoia der österreichischen Krimi-Nachbarn ab und bekommt es vielleicht, aber vielleicht auch nicht mit einem Finanzskandal zu tun. Zunächst sieht alles nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aus, als ein neugieriger Hund durch die Blutlache neben einer jungen Frau tapst. Die hat sich in der Wohnung mit ihrem Liebhaber getroffen und ihr Ehemann wusste davon. Besagter Liebhaber arbeitet allerdings bei einer traditionsreichen Privatbank und wähnt sich verfolgt: Er sei ein Whistleblower und seine Chefs haben es deswegen auf ihn abgesehen, verrät der Paranoiker der skeptischen Polizei.

Lokalkolorit: Luzern sei eine wunderschöne Stadt, meint der arrogante deutsche Staatssekretär Demand (Markus Scheumann) einmal und er hat Recht. Noch nie sah die Stadt in der Zentralschweiz in ihrem eigenen Tatort so gut aus. Herbstlich romantisch passt die Kulisse ganz zum mit seinem Alter hadernden Flückiger, der nur noch in dieser Jahreszeit ermitteln sollte. Zugleich täuscht die idyllische Kulisse der Stadt ausgezeichnet über die semi-legalen Machenschaften ihrer mächtigsten Bewohner hinweg. Ein Postkartenbild zeigt sich den Ermittlern am Vierwaldstättersee, hinter geschlossenen Türen aber regiert die Gewissenlosigkeit.

Unterhaltung: Vom Grimm höchstpersönlich scheint Flückiger im neuen Tatort verfolgt zu werden. Leider verwandelt das vierbeinige Todesomen sich nicht in einen netten Patenonkel. So überwiegt in dem Krimi die atmosphärisch teils eindringlich inszenierte Paranoia. Wenn Flückiger ins Gebüsch schleicht und ein unsichtbares Knurren hört oder Autoscheinwerfer wirre Schatten auf ein ultramodernes, aber isoliertes Vorstadthaus werfen, entwickelt der Tatort eine Spannung, die wir aus Luzern nicht gewohnt sind. Zappelt gerade kein dicker, fetter Roter Hering vorm Plot, weiß der Krimi, Verfolgungswahn und Gehetztsein seiner Figuren ins Erzälhtempo umzusetzen, unterstützt durch einen an Cliff Martinez erinnernden, treibenden Score.

Tiefgang: "Sind wir nicht alle Whistleblower?", fragt Thomas Behrens (Alexander Beyer) pathetisch und im Grunde begnügt sich das Drehbuch von Tatort: Verfolgt mit dieser Ebene tagesaktueller Stichwortfischerei. Weder will sich hier jemand mit moralischen Zwiespälten oder Methoden hinter "Leaks" beschäftigen, noch komplexe Geschäfte und kriminelle Verflechtungen schwei­ze­rischer Banken erkunden. Vielmehr entwickelt sich der Tatort zum Reißer mit teuflisch grinsendem Bösewicht, was nicht unbedingt als negative Wertung meinerseits zu verstehen ist. Beim nächsten Mal können sich die Autoren trotzdem ein bisschen mehr trauen, in Flückigers graumelierte Seele zu blicken. Der fähige Darsteller Gubser darf viel zu selten zeigen, was er drauf hat. Da wirkt eine stille Szene wie jene im Haus der angsterfüllten Frau Behrens und ihrer Tochter wie ein schauspielerischer Freigang.

Mord des Sonntags: Der Hund ist als erster am Tatort.

Zitat des Sonntags: "Also Currywurst können die Deutschen definitiv besser."

Kein Meisterwerk, aber ein in Teilen spannender Luzerner Tatort war das oder was meint ihr?


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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