Tatort Kritik

Tatort - Eine andere Welt in Dortmund

17.11.2013 - 20:15 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Tatort - Eine andere Welt
© WDR/ARD
Tatort - Eine andere Welt
Dem generischen Titel zum Trotz ist Eine andere Welt der bisher beste Tatort aus Dortmund, was jedoch nicht bedeutet, dass die Luft nach oben ausgeschöpft wurde. Gerade Fabers private Krisen wirken immer noch aufgesetzt in einem ansonsten harmonierenden Team.

So langsam haben sich die frischen Kommissare im Tatort aus Dortmund eingearbeitet. Das Privatleben des großen Teams wird in Tatort: Eine andere Welt überwiegend harmonisch in den Fall eingeflochten. Nur das Zentrum, nur Peter Faber (Jörg Hartmann) sticht durch seine Marotten öfter unangenehm hervor. Wenn hingegen alle ihre Arbeit machen in Dortmund, bekommen wir einen atmosphärischen Krimi, der seinen nicht zum Stammensemble gehörenden Figuren größtenteils Raum zur Entfaltung bietet.

Lokalkolorit: Durch ganz unterschiedliche soziale Schichten bewegt sich Tatort – Eine andere Welt (nicht zu verwechseln mit Polizeiruf 110: Eine andere Welt, in dem ebenfalls ein junges Mädchen dran glauben muss). Die freudlosen Farben versiffter Betonwände dominieren allerdings die Inszenierung. Die versucht durch einen starken Handkameraeinsatz die Nähe zu den Figuren zu finden, was bei einer Verfolgungsjagd durch den Kiez Paul Greengrass’sche Ausmaße annimmt. Eine willkommene Abwechslung zum nichtssagenden Krimi-Look der Konkurrenz bietet Dortmund hier in jedem Fall.

Plot: Jürgen Werner schrieb neben den drei Dortmundern auch die Drehbücher für Tatort: Kinderland und Schimanski: Loverboy. In seinem neuen Tatort geht wieder ein junges Mädchen drauf. Diesmal wird dessen Leiche aus dem Wasser gefischt. Wie sich herausstellt, stammte sie aus ärmlichen Verhältnissen, hielt sich aber in der Schickeria der Stadt auf (“In Dortmund gibt’s ne Schickeria?”). War es einer ihrer reichen Freunde oder der eifersüchtige Ex? Und wer schickte dem Vater das Foto der feiernden Tochter, die ihr Party-Leben vor der Familie geheimhielt? Faber stöbert indessen durch die Akten des Autounfalls seiner Frau, um Ungereimtheiten aufzuspüren.

Unterhaltung: Der Mordfall selbst ist etwas blass und so oder so ähnlich schon mehrfach an einem Sonntag zu sehen gewesen. Was Tatort – Eine andere Welt am Leben erhält, sind die barschen Dialoge und die Verteilung der Lasten auf die Kollegen Bönisch (Anna Schudt), Dalay (Aylin Tezel) und Kossik (Stefan Konarske), deren private Probleme sich thematisch sinnvoll in den von Doppelleben überquellenden Krimi einfügen, ohne auf die Spannungsbremse zu treten. Gerade das lässt sich von Faber nicht behaupten, dessen Seelenpein im Konzept des Dortmunder Tatorts offenbar oberste Priorität genießt, obwohl alle anderen Figuren um ihn herum deutlich glaubwürdiger agieren. Das liegt nicht so sehr an Hartmanns Leistung, eher an den redundanten Ausfällen seiner Figur, bei der man sich ständig fragt, warum ihre kompetenten Kollegen diesen Stress ohne Aufstand über sich ergehen lassen.

Tiefgang: Im Nachhinein fällt die Auflösung des Falls zu einfach, zu schematisch aus. Die Stärken des Tatorts liegen aber in den präzise geschriebenen Einzelszenen mit der Familie des Opfers; darunter jene auf dem Balkon mit dem Vater, dessen Kind ihm zu entgleiten drohte und das Gespräch mit der Mutter, die sich nicht zum Opfer der Umstände stilisieren will (“Ich hab mich noch nie geschämt für das, was ich bin.”). Dürftiger fällt die Auseinandersetzung mit der Party-Schickeria aus, deren wieselige Mitglieder über die ersten Stichpunkte in der Anleitung zum Schreiben von reichen Schnöseln leider nicht hinauskommen.

Mord des Sonntags: Erst tanzt sie im Video mit schrecklicher Pop-Mucke, dann endet sie als Wasserleiche.

Zitat des Sonntags: “Was hätt’ sie denn schreiben sollen? Dass ihr Vater ’nen miesen Job hat und ihre Mutter Leuten in der Küche die Haare schneidet?”

Die wichtigste Frage zum Dortmunder Tatort: Was haltet ihr von Faber?

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