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Aufreger der Woche

Steven Spielbergs fehlerhafter Lincoln

23.02.2013 - 08:40 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Abraham Lincoln sinniert
© 20th Century Fox/moviepilot
Abraham Lincoln sinniert
Friede, Freude, Eierkuchen gibt es auch so knapp vor den Oscars 2013 nicht. Die Aufreger gehen eben nie aus. Diesmal geht es zum Beispiel um weitestgehend ungerechtfertigte Kritik.

Diesen Monat erschoss der Papst seine Freundin und Oscar Pistorius gab sein Pontifikat ab. Oder war es andersrum? Ich habe lange gebraucht, um diese Ereignisse zu verarbeiten. Da seitdem aber ein bisschen Zeit vergangen ist, kann ich mich wieder aufs Wesentliche konzentrieren: Filme. Und da sind wir auch gleich beim Oscar 2013. Ein Preisanwärter stand die letzten Wochen im Fokus, aber nicht unbedingt aus positivem Anlass.

Der Aufreger der Woche beschäftigt sich mit den Vorwürfen, der Oscar-nominierte Film Lincoln sei voller Fehler.

Voller Fehler?
Die Verleihung der Academy Awards rückt immer näher, für die Nominierten geht das große Zittern in die finale Runde. Manche können praktisch nur gewinnen, beispielsweise Benh Zeitlin mit Beasts of the Southern Wild, andere hingegen auch mächtig verlieren. Wer überraschend nominiert wurde, kann der Veranstaltung eher entspannt entgegenfiebern als jemand, der mit Berechnung ins Rennen um die Goldjungs gegangen ist. Steven Spielberg muss zur zweiten Kategorie gezählt werden. Wenn ein Regisseur mit einem solchen Ruf Abraham Lincoln zum Thema eines Films macht, dann bestimmt nicht, um bei der Oscar-Verleihung leer auszugehen. Mit 12 Nominierungen stehen die Chancen auch verdammt gut, dass Lincoln ein paar der begehrten Statuetten abräumen wird. Doch im Netz hat Lincoln derzeit einen schweren Stand – zumindest bei eingefleischten Filmfehlersuchern. Das historische Biopic soll nur so vor Unkorrektheiten strotzen! Manche davon scheinen dermaßen daneben zu sein, dass es schon verhaltene Rufe nach Änderung gibt – auch wenn erst in der späteren DVD-Auswertung.

Keine Dokumentation
Was hat Steven Spielberg denn eigentlich so falsch in Szene gesetzt? Wer regt sich darüber auf? Es ist vor allem das Unrecht, das Connecticut zuteil wird. Lincoln will uns weismachen, dass die zwei Vertreter des nördlichen Bundesstaates 1865 gegen die Abschaffung der Sklaverei waren. In Wahrheit plädierten sie aber für das Gegenteil. Dem Kongressabgeordneten Joe Courtney, natürlich aus Connecticut stammend, fiel der Fehler auf, woraufhin er gleich Alarm schlug. Seine geliebte Heimat als Befürworter der Sklaverei? Niemals! Der Politiker hat natürlich jedes Recht auf diesen öffentlichkeitswirksamen Aufschrei, denn dieser Fehler ist auf schlampige Recherche zurückzuführen. Er hätte nicht sein müssen. Was aber nie vergessen werden sollte: Lincoln ist ein Spielfilm, keine akkurate Dokumentation. Solche Werke haben nie das Ziel, möglichst genau zu sein. Vieles ist schlicht Fiktion, oftmals aus dramaturgischen Gründen. Manchen Zuschauern scheint diese Tatsache aber entfallen zu sein, da werden fröhlich alle Ungenauigkeiten durchgekaut: Abraham Lincolns jüngster Sohn Tad lispelte in Wahrheit, doch im Film hat er keinen Sprachfehler; Mary Todd Lincoln ist bei einer Abstimmung im Kongress zugegen, obwohl Frauen zur damaligen Zeit bei solchen Angelegenheiten nicht dabei waren; eine Büste des Präsidenten Woodrow Wilson ist zu sehen, obwohl der damals noch ein Kind war. Drei scheinbar bedeutende Fehler, die aber nur Intimkennern auffallen dürften.

Korinthenkackerei
Dass nicht jede Einzelheit penibel dargestellt wird, ist auch gut so. Ein lispelnder Tad? Das wäre – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – irgendwie albern und würde nicht zur Atmosphäre des Films passen. Ebenso wenig ist Mary Todds Anwesenheit ein Fehler, sondern eine bewusste Änderung im Sinne des Gesamtwerks. Und dass Woodrow Wilsons Büste irgendwo rumsteht – geschenkt. Die Intensität von Regen ändert sich spontan, an einem Novemberabend scheint die Sonne und Lincoln-Darsteller Daniel Day-Lewis hat seine Ohrlöcher nicht ordentlich zugekleistert – bemerkenswerte Mängel? Nö, nur Korinthenkackerei. So kommen eifrige Sucher auch auf mittlerweile über 30 Fehler in Lincoln. Nur ist bestimmt die Hälfte nicht fehlerhaft. Es sind Änderungen der Dramaturgie wegen, bewusst eingebaut in einen Hollywood-Film, der einen Ausschnitt aus Lincolns Biografie nutzt.

Der Begriff „Fehler“ sollte im Zusammenhang mit Filmen sowieso nur sehr sparsam gebraucht werden. Klar ist es unglücklich, wenn in Ben Hur eine Armbanduhr zu sehen ist oder Mel Gibson in Braveheart sekündlich die Kampfwaffe wechselt. Dass in James Bond 007 – Skyfall allerdings eine Fantasie-Technologie eingesetzt wird, hat etwas mit künstlerischer Freiheit zu tun. Und auf viele scheinbare Unkorrektheiten in Lincoln trifft das eben auch zu.

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