Cannes 2016

Staying Vertical - Das Recht auf den Ständer

Rester Vertical - Staying Vertical
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Rester Vertical - Staying Vertical
13.05.2016 - 09:30 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Ken Loach verwandelt sein Sozialhilfedrama I, Daniel Blake in einen Leidensporno, während Der Fremde am See-Regisseur Alain Guiraudie zwischen expliziten Sexszenen viel absurden Humor und unerwartete Wärme findet.

5 Uhr am Nachmittag. Vom Balkon aus kannst du einen Zentimeter Meer erhaschen, der von einem der zwei vor Anker liegenden Luxusliner aus dem Bild gedrückt wird. Der Wind trägt das Geschnatter der Spaziergänger auf der Promenade de la Croisette heran. Vom Sessel aus kannst du zusehen, wie die Schlange im Marriott-Hotel verschwindet, wo der nächste Film der Quinzaine des Réalisateurs auf Zuschauer wartet. Ein Blick in den Katalog: Neruda von Pablo Larraín. Der muss eigentlich noch in deinen Plan. Als untrügliches Zeichen des nahenden Abends torkelt das erste Strandparty-Opfer auf deinen Block zu, alle zweieinhalb Meter an einer Hauswand vorbeischrammend. An diesem Donnerstag im Mai hat sich die junge 69. Ausgabe des Festivals in Cannes auf Betriebstemperatur gespielt und mit Staying Vertical und Sierra-Nevada verbucht der offizielle Wettbewerb bereits zwei angenehm widerspenstige Konkurrenten. Ken Loach war auch da.

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Für seinen Hitchcock'schen Thriller Der Fremde am See hatte Alain Guiraudie 2013 die Queer Palme gewonnen. Wirkte dieser noch minimalistisch in seiner Anlage, lässt Autor-Regisseur Guiraudie seinen Helden in Staying Vertical durch eine absurder werdende Parabel über Bindungsängste auf der einen und das Recht auf sexuelle Befriedigung auf der anderen Seite stolpern. Was deutlich einfacher in einen Satz zu fassen ist als die Handlung des wortspielerisch betitelten Wettbewerbsbeitrags. Autor Leo (Damien Bonnard) streicht durch die Landschaft und trifft dabei eine Schäferin (India Hair), die er wenig später schwängert. Unser Held, der eigentlich abhauen wollte, findet sich mit einem Baby auf einem Bauernhof wieder. Er bittet ständig einen Auftraggeber um Geld für ein Drehbuch, das er eigentlich nicht schreiben will, und draußen ziehen Wölfe über die französischen Hügel, die darauf warten, Schäfchen und Neugeborene zu reißen. Und das ist nur der Anfang.

Wie auf einer verschlafenen Autofahrt über Serpentinen kurvt Guiraudie mit uns durch die wenigen Örtlichkeiten des Films: der Hof, ein Pink Floyd liebender Alter, der mit einem gutaussehenden Jüngling zusammenwohnt ("Have you ever thought about a movie career?"), die Hügel und Täler voller Schafe, die Stadt ... wieder der Hof. Wir fahren im Kreis und bei jeder Umrundung wird ein Detail in der Landschaft irritierend verschoben, bis sich ein neues, absurdes Bild zusammensetzt. Der bindungsscheue und wohnungslose Leo mag das Vatersein nämlich nicht mehr missen, womit sich eine sonderbare Weiterbildung vom Einzelgänger zum Rudelmenschen ihren Weg bahnt. Bei den eigenbrötlerisch abstoßenden Herren auf der Weide und am Straßenrand findet Leo nicht nur staunenswerte epidermale Schluchten und Gipfel, sondern einen sehr bestimmten Durst nach sexueller Befriedigung, selbst wenn der letzte Ständer vor ein paar Jährchen erschlaffte. Staying Vertical fällt wie schon Der Fremde am See durch eine gewisse Distanz in der Beobachtung auf, was die zunehmend skurrile Eskalation der Ereignisse wahllos erscheinen lassen kann. In den verknautschten Gesichtern und knochigen Leibern der Alten entdeckt Guiraudie zwischen dem Wahnwitz indes eine unsentimentale Schönheit; vielleicht nicht das Ziel von Leos anfänglicher Reise, aber ein lohnenswerter Halt.

Sierra-Nevada

Ob Huang Xiaomings Gesicht jemals von Falten durchzogen werden wird, steht sicherlich in irgendwelchen Prophezeiungen aus grauer Vorzeit. Im Filmmarkt, der parallel zum Festival in Cannes stattfindet, war der chinesische Schauspieler und Sänger jedenfalls als Mönch Xuangzang (so der Filmtitel) zu sehen, der im 7. Jahrhundert durch China nach Indien reiste, um die buddhistischen Schriften im Sanskrit-Original zu studieren. An dieser Stelle entfällt eine Beurteilung des Films, weil das Screening eine halbe Stunde später anfing und, wohl den ehernen Regeln des hart umkämpften Marktes folgend, eine halbe Stunde vor Filmende abgebrochen wurde. So viel zu Xuanzuan: Der Film fällt auf durch die Art und Weise, wie die Präsenz der buddhistischen Lehre im modernen China legitimiert wird, nämlich als egalitäre Philosophie in Abgrenzung zum ungerechten Kastensystem der Hindus. Außerdem gibt es vielleicht keinen Schauspieler, der auf der Leinwand so unglaubwürdig isst und trinkt wie Huang Xiaoming. Jedes Gefäß wirkt in seinen Händen leer, jede heiße Kartoffel verwandelt sich in ein federleichtes Stück Schaumstoff. Auffällig in anderen Filmen, sinnig in dem Mönchsstreifen, wenn man Huang Xiaoming von Anfang an als Gott in Menschengestalt akzeptiert, wie es sich in seiner Gegenwart gehört.

Während das chinesische Kino dieses Jahr im Wettbewerb mit Abwesenheit glänzt, sind die Rumänen zweimal vertreten. Cristi Puiu machte mit seiner schwarzen Familienkomödie Sierra-Nevada den Anfang, die in 175 Minuten von einem Essen in Gedenken an einen Verstorbenen handelt. Formal rigide inszeniert, nimmt die Kamera in der zugestellten Wohnung der Familie stets den Platz eines potenziell ungesehenen Gastes ein, dessen Blick von einem Gesprächspartner zum nächsten, vom Streit in der verrauchten Küche zur leise schluchzenden Tante im Schlafzimmer wandert, ohne sich von der Stelle zu rühren. Im zunächst schwer zu durchschauenden Geflecht aus Müttern, Tanten, Brüdern, Schwägern und kotzenden Fremden im Kinderzimmer bietet Mediziner Lary (Mimi Branescu) Orientierung. Wie bei jeder authentischen Familienzusammenkunft versauern politische Diskussionen die Stimmung, werden flüsternd Krankheitsberichte ausgetauscht und ein ungebetener Gast tischt private Probleme auf. Würden wir nicht mit Lary in der Verzweiflung über die schrecklich nette Familie lachen, würden die 175 Minuten (zu) schwer auf dem Gemüt lasten. Als wäre das ständig hin- und hergeräumte, jedoch unverzehrte Essen nicht Marter genug, geht in der Küche alle paar Sekunden ein Glimmstängel an. Denkt denn niemand an die Polenta?

Im Vergleich zum Formalismus eines Cristi Puiu drängt sich Ken Loachs Inszenierung in I, Daniel Blake noch weniger auf als sonst. Dave Johns spielt Daniel Blake, einen Zimmermann, der wegen schwerer gesundheitlicher Probleme eine entsprechende Rente beantragen will. Blake gerät daraufhin in die Mühlen der ausgelagerten Bürokratie des britischen Gesundheitssystems. Ein "health-care professional" widerspricht dem Urteil des Arztes und stuft Daniel als arbeitsfähig ein. Nun wartet er bis zur Anfechtung auf Nachricht eines "decision-makers" und muss zwischendurch Sozialhilfe beantragen. Im Limbus der widersprüchlichen Entscheidungen gelandet, droht der rechtschaffene Daniel im Alter sozial abzustürzen. Um die angebrachte Kritik an der gegenwärtigen Sozialpolitik auf der Insel auch dem dösenden Zuschauer in der hintersten Reihe klar zu machen, wird zudem eine junge Mutter vom Staat in die Prostitution gezwungen. Jeden Hoffnungsschimmer, jeden Hauch menschlicher Wärme verkehrt das Drehbuch von I, Daniel Blake in sein Gegenteil, was man realistisch nennen kann, pessimistisch oder manipulativ.

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