Mein Herz für Serie

Sons of Anarchy - Knallhartes shakespearisches Drama

01.11.2013 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Sons of Anarchy
© FX
Sons of Anarchy
Sons of Anarchy ist nur auf den ersten Blick eine Rocker-Serie. Unter der actionorientierten Oberfläche offenbart sich ein knallhartes shakespearisches Drama, welches sich großen Fragen stellt. Ich vergebe heute mein Herz für Serie an die Rocker aus Kalifornien.

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage, hieß es bei William Shakespeare und genau diese Frage stellt sich auch Jackson Teller (Charlie Hunnam). Immer wieder beschreibt Kurt Sutter, Erfinder von Sons of Anarchy, dass seine Serie auf Hamlet zurückgeht und Fragen nach dem Sinn der eigenen Handlungen aufwirft. Das mag auf den ersten Blick kokett und etwas übertrieben wirken, aber so mancher entdeckt wahrscheinlich wirklich etwas shakespearisches in der Geschichte. Immerhin geht es um den jungen Mann Jax Teller, der gerade Vater geworden ist und sich auf Sinnsuche in seiner Gang begibt. Da wäre sein treuer Freund Chibs (Tommy Flanagan), der einem Horatio nicht ganz unähnlich ist. Königin Gertrude steht der Mutter und Rockerbraut Gemma (Katey Sagal) nahe und der Kampf zwischen Jax und Clay Morrow (Ron Perlman) hat eine ähnliche Dramatik wie der zwischen Hamlet und König Claudius.

Sons of Anarchy ist die Geschichte einer Motorradgang im fiktiven Ort Charming, Kalifornien. Gut und böse vermischen sich hier zu einem Gemenge, in dem keine klaren Grenzen mehr zu ziehen sind. Die Gang ist voller Bösewichter, die die Stadt beherrschen, die sie allerdings auch frei halten von Drogen, Vergewaltigung, faschistoiden Sekten und gierigem Kapital-Investment. Brutale Schläger sind sensible Väter und Ehemänner, ohne Sentimentalitäten morden sie, zerbrechen aber am Tod ihrer Lieben. Polizisten sind korrupt und wissen dennoch um die positive Kraft der Gang. Andere Gangs werden mit Gewalt aus der heilen Welt herausgehalten, um das funktionierende Machtgefüge nicht ins Wanken zu bringen. Die Welt ist schlecht und es überlebt nur der, der sich in dieser Welt mit den cleversten Schlechtigkeiten über Wasser hält.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, heißt es bei Adorno in seiner Minima Moralia, den Reflexionen aus dem beschädigten Leben und neben Shakespeare mag das ein zweiter Blick auf die überaus populäre Serie sein. Es geht in Sons of Anarchy nicht um die Romantisierung des amerikanischen Traums, der unendlichen Freiheit der Straße oder des alternativen Rockerlebens. Vielmehr geht es darum, ständig die Differenz zwischen gut und böse, richtig und falsch in den komplexen, unübersichtlichen Gemeinschaftsstrukturen zu bekräftigen. Sich richtig zu verhalten, wird immer unmöglicher, schwieriger und trotzdem ist es wichtig, sich die Frage nach dem Richtigen immer wieder neu zu stellen.

Das macht Sons of Anarchy in einer dramatischen, tiefgründigen Weise, die andere Serien in den Schatten stellt. Jax als moderner Hamlet steht für diese Fragen und seine Wandlungen in bisher sechs Staffeln zu beobachten ist ein überaus spannendes Serienerlebnis. Schön, dass die Serienmacher es uns schwer machen, mit den Figuren zu sympathisieren. Gerade wenn ich Jax ein bisschen mag, weil er heulend sein Kind im Arm hält, den Waffenhandel hinterfragt oder einen Vergewaltiger schnappt, vergeht dieser Moment in der nächsten Minute, wenn er seine hässlichen, brutalen Seiten offenbart. Sons of Anarchy ist darin knallhart und kompromisslos. Shakespeare hätte seine Freude dran.

Was haltet ihr von Sons of Anarchy?

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