Mein Herz für Serie

Six Feet Under - Einmal Familie und zurück

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Six Feet Under
25.01.2018 - 08:50 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Six Feet Under entstammt dem Goldenen Serienzeitalter, genießt aber nicht ganz dasselbe Ansehen wie andere HBO-Hits der frühen 2000er Jahre. Warum das ziemlich bedauerlich ist, erfahrt ihr hier.

Als ich vor etwa zwei Jahren damit begann, intensiv(er) Serien zu schauen, erschlossen sich mir ganz neue Welten. Speziell einige moderne HBO-Klassiker haben es mir aus jeweils verschiedensten Gründen angetan. In Die Sopranos ist es beispielsweise James Gandolfini, an dessen legendärer Darstellung eines Mafioso ich mich nicht sattsehen konnte, während The Wire mir als nuanciertes, umfassendes Sozialporträt nachhaltig in Erinnerung bleibt. Frage ich mich aber, welche Serie die emotionalste Angelegenheit für mich war, darf es eigentlich nur eine Antwort geben: Six Feet Under - Gestorben wird immer von Alan Ball ließ mich mit fortschreitender Handlung immer mehr die Kontrolle über mich selbst verlieren, weshalb ich ganz froh war, die Serie allein zu schauen. Als einziger Zeuge meiner Tränen.

Die Serie handelt von der Bestatterfamilie Fisher, deren tägliches Brot beziehungsweise Geschäft somit der Tod ist. Dieser allerdings ereilt im Verlauf von Six Feet Under nicht lediglich Außenstehende, sondern direkt in der Auftaktepisode auch gleich Patriarch Nathaniel Fisher Sr. (Richard Jenkins), zugleich Leiter des Unternehmens. Die naheliegende Annahme, der Clan schlittere nun in eine tiefe Krise, trifft zwar zu, tatsächlich aber offenbart sich diese als Schalk mit mehreren Gesichtern, Schichten und Verzweigungen. Dass sich nach dem fatalen Autounfall ihres Mannes für die etwas schrullige Ruth (Frances Conroy) auch neue Türen öffnen, hinter denen wiederum neue Konflikte lauern, verhandeln die Autoren mit Feingefühl und einer willkommenen Prise Humor, vor allem aber mit einer berührenden, empathischen Selbstverständlichkeit. Doch nicht bloß Ruth, auch die Kinder müssen sich jetzt erst einmal (neu) orientieren, sofern das in dieser Welt voller Schmerz und Kuriositäten denn überhaupt ansatzweise möglich scheint.

Beobachtet seine Familie als Geist: Patriarch Nathaniel Fisher Sr.

Six Feet Under ist eine Serie über das Leben und den Tod - diese vage Vermutung mag mit Blick auf die Prämisse von Anfang an gewissermaßen offen auf dem Tisch liegen, aber sie bleibt keineswegs eine Phrase. Erst der Tod verleiht dem Leben seine Bedeutung, was für uns Erdenwesen ein bittersüßer Deal ist, den wir automatisch mit einer unbekannten Macht abschließen. Ob wir (im Nachhinein) wollen oder nicht. Die fatalistische Melancholie, die sich aus jener Tatsache ergibt, durchzieht auch Six Feet Under, und das von Folge zu Folge spürbarer. Nicht umsonst beginnt jede Episode mit einem Todesfall, womit die schlechteste Nachricht immerhin direkt vom Tisch ist. Zumindest für ein paar Minuten.

Figuren, so ungekünstelt wie ein Kinderlächeln

Dazwischen begleiten wir Charaktere, die zwar nur bedingt sympathisch sind, aber dennoch berechtigt ihren Platz im Herzen des Zuschauers einfordern - vermutlich, weil sie auch nicht schlauer sind als wir. Nate Jr. (Peter Krause) und David (Michael C. Hall) kämpfen permanent um ihre jeweiligen Partner wie auch gegen die eigenen Unzulänglichkeiten, während sich Nesthäkchen Claire (Lauren Ambrose) die nötige Zeit zum Erwachsenwerden nimmt. Vor Überraschungen ist dabei niemand gefeit, und so offenbart die unkonventionelle, sexuell durchaus aktive junge Frau zum Beispiel zwischendurch gegenüber ihren Freundinnen, dass sie noch nie einen Orgasmus hatte. Die notorische Nervensäge Brenda (Rachel Griffiths) sah ich schließlich sogar in einem komplett veränderten Licht, als sie für ein Kind sorgt, das ihr ehemaliger Freund mit einer anderen gezeugt hat. Die Fisher-Familie kommt zusammen, driftet auseinander, wird erweitert, ist untrennbar.

Die Six Feet Under-Trauergemeinde

Nichts allerdings konnte mich auf die finalen Minuten der Serie vorbereiten, in denen mir schlagartig bewusst wurde, dass ich diese doch irgendwie liebgewonnenen Hauptfiguren nur einen verhältnismäßig kleinen Abschnitt lang begleiten durfte. Der Rest ihrer Leben wird im Rahmen einer mit Sias nachdenklichem Breathe Me unterlegten Montage in Bruchstücken serviert und dann sind auf einmal auch sie tot, was ich einfach nicht wahrhaben wollte, obwohl ich es allerspätestens nach fünf gesehenen Staffeln Six Feet Under zweifellos besser hätte wissen müssen. An einer Stelle stoppte ich sogar die DVD, weil ich nicht dafür gewappnet war, so abrupt Abschied zu nehmen. Aber es half alles nichts.

Memento mori - denke daran, dass du sterben wirst (und bereite dich schon jetzt darauf vor). Diesen jenseitsorientierten mittelalterlichen Leitsatz lernte ich damals, es ist schon eine Weile her, in der Schule kennen, und denke ich an Six Feet Under, kommt er mir plötzlich wieder in den Sinn. Hier geht es einerseits so klar erkennbar um den Tod, und trotzdem würde ich im Angesicht der Serie umformulieren wollen: Denke daran, dass du lebst (und mache das Beste draus). Du musst keine Universität besuchen, weil es alle anderen tun. Du musst auch nicht heiraten oder Kinder in die Welt setzen, weil es der gesellschaftlichen Norm entspricht. Und es ist OK, mit 50 oder 60 Jahren noch einmal neu anzufangen. Doch Glück und Trauer sind temporär, Familie ist für immer - im Guten wie im Schlechten.

Hat euch Six Feet Under auch aus der Fassung gebracht?

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