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Platoon & Full Metal Jacket - Der Mann im Krieg

Tom Berenger & Willem Dafoe in Platoon
© MGM Home Entertainment
Tom Berenger & Willem Dafoe in Platoon

Krieg ist seit Anbeginn der Geschichte eine vorwiegend männliche Angelegenheit. Männer werden oft durch ihre physische Stärke und ihre eher simplen und direkten Maßnahmen zur Lösung eines Problems, zur Not auch auf unmoralischem Wege, definiert. Dies sind Attribute, die für ein Bestehen in einem Kriegsszenario günstig sind, weshalb Männer die Soldatenrolle besser erfüllen können als Frauen, die als das mitfühlende und emotionale Geschlecht gelten.

Rolle der Frau im Kriegsfilm
So waren auch die meisten Kriegsfilme eine reine Männerdomäne. Frauen waren da, um von Männern gerettet zu werden. Filme wie Die Grünen Teufel (John Wayne, 1968) stellten den Vietnamkrieg als einen Kreuzzug heroischer Männer da, die bereit sind, alles für ihren Glauben und ihr Vaterland aufzugeben. Das der Prototyp des Männlichkeitsgedanken dieser Zeit, John Wayne, der Regie führte und die Hauptrolle übernahm, zeugt von der äußerst positiven Darstellung von Maskulinität vor dem Kriegshintergrund in dieser Zeit. In den 80ern jedoch änderte sich die Darstellung des Krieges in Filmen drastisch. Filme wie Apocalypse Now, Full Metal Jacket und Platoon formten das Genre des “Anti-Kriegsfilm” und prägten die Darstellung des Krieges auf der Leinwand bis heute.

Wie bereits erwähnt, zeichnet sich der Krieg auch durch eine Abwesenheit des weiblichen Geschlechts aus. Deswegen ist es interessant, die Rolle der Frauen in Kriegsfilmen zu analysieren. In Platoon werden Frauen meist als hilflose Opfer der Gewalt dargestellt. Als Beispiel wäre die alte Frau zu nennen, die bei dem Versuch, ihren behinderten Sohn zu schützen, erschlagen wird. Oder die Frau des „Häuptlings“, welche von Barnes erschossen wird. Natürlich sind Frauen auch Objekte der Begierde für die Soldaten. Diese Begierde drückt sich jedoch in Vergewaltigungen aus, wodurch die Frauen wieder die Opferrolle übernehmen. Die Frauen der Amerikaner werden selten erwähnt, sie nehmen die passive Rolle der Wartenden ein, und symbolisieren die Sehnsucht nach der Heimat, welche viele Soldaten empfinden. Interessant ist ein Zitat des Sanitäters, der einen verwundeten Kameraden aufmuntern will, indem er ihn auf die weißen Sanitäterinnen hinweist, welche im Lazarett für ihn sorgen werden. Es entsteht ein Kontrast zwischen den tötenden und zerstörerischen Männern und den heilenden und umsorgenden Frauen.

In Full Metal Jacket treten Frauen häufiger auf, jedoch auch hier meist als Sexobjekte. Während keine Vergewaltigung stattfindet, gibt es mehrere Szenen, in denen die Soldaten mit vietnamesischen Prostituierten verhandeln. Auch in Stanley Kubricks Film haben die Soldaten Sehnsucht nach ihrer Heimat, doch ist diese größtenteils sexueller Natur und weniger romantischer. In Platoon zeigt ein Soldat Chris ein Foto seiner Freundin und berichtet von seinen Plänen, diese zu Heiraten sobald er wieder zu Hause sei. In Full Metal Jacket träumen die Männer vom „great homecoming fuck“ auf dem Rücksitz eines Cadillac. Während der Zeit in Vietnam jedoch wird die Frau durch das Gewehr ersetzt. Der Drill Sgt. befiehlt den Rekruten explizit, die Waffe wie ihre Freundin zu behandeln. Interessant ist, dass bei den Vietnamesen zwischen Männern und Frauen kein Unterschied gemacht wird. Der Schütze im Hubschrauber nimmt alle Vietnamesen aufs Korn, unabhängig von Alter und Geschlecht. Zudem ist es ein weiblicher Scharfschütze, nicht älter als 17, welcher den testosterongeladenen Trupp gegen Ende des Films dezimiert. Die Grenzen der Geschlechter verschwimmen aufseiten der Vietnamesen, während die Amerikaner fest in ihren Geschlechterrollen stecken und diese versuchen, so gut wie möglich zu erfüllen.

Rolle des Mannes im Kriegsfilm
In Full Metal Jacket wird die Rolle des Mannes während der Grundausbildung abgesteckt. Der Drill Sgt. vermittelt den Rekruten seine Auffassung von Männlichkeit. Echte Männer sind gefühllose Tötungsmaschinen, körperlich fit, motiviert und gehorsam. Je mehr Menschen ein Soldat tötet, desto männlicher ist er. Als Beispiel nennt der Ausbilder einen texanischen Serienmörder, der unschuldige Menschen erschoss. So wird ein System aufgebaut, in dem sich der Mann durch Töten Respekt bei den anderen Männern verschafft, und so seinen Platz am oberen Ende der Hierarchie sichert. Über die Moralität des Tötens wird sich keine Gedanken gemacht, denn solche Zweifel sind weiblich. Das Weibliche wird als schwach dargestellt und versucht, den Soldaten auszutreiben, in dem man sich über das Feminine lustig macht. Emotionen hindern nur am Töten, und so sollte man sie abstellen, wenn man ein echter Mann werden will. Die Methode wirkt, in einem Interview gibt der Protagonist des Films, Private Joker, als Grund für seine Teilnahme am Krieg an, er wollte „the first kid on my block with a confirmed kill“ sein. Laut Stanley Kubrick steckt in jedem Mann eine männliche und eine weibliche Seite. Die Grundausbildung jedoch zerstört die weibliche Seite und fördert die männliche, wodurch die Soldaten zu Tötungsmaschinen werden.

Oliver Stone sieht das etwas anders. Seiner Meinung nach hat ein Mann eine eher männliche oder weibliche Tendenz, welche in Extremsituationen den Ausschlag über das Handeln des Menschen gibt. Diese beiden Tendenzen werden in Platoon sehr deutlich dargestellt. So gibt es in dem titelgebenden Platoon zwei Lager. Eines dieser Lager wird von Barnes angeführt. In ihrem hell beleuchteten Zelt wird Country-Musik gespielt und Bier und andere Spirituosen getrunken. Die Männer vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen. Dies drückt den typisch männlichen Konkurrenzgedanken aus. Zudem steht das Pokerspiel symbolisch für den Kampf um die Vorherrschaft, welche in einer Männertruppe herrscht. Die pornographischen Bilder an der Wand bestätigen die Heterosexualität der Männer. Auch die Gesprächsthemen Sex und Krieg unterstreichen dies. Kraft und Mut werden hoch angesehen und sich gegenseitig Demonstriert. Der kräftige und vernarbte Barnes stellt das Vorbild für die Männer da.

Elias und seine Truppe verbringen ihre Zeit im „Underground“, einem umfunktionierten Bunker. Der Unterschied zu dem Zelt ist auf den ersten Blick zu erkennen. Durch den Drogenkonsum ist die Luft voller Rauch und das Licht gedämmt. Zudem gibt es viele rote Lampen, welche für eine gemütliche und ein wenig erotische Atmosphäre sorgen. Im Hintergrund läuft „White Rabbit“ von Jefferson Airplane, ein Song, der symbolisch für die Mentalität der 68er und speziell deren Drogenkonsum steht. Auffallend ist zudem das Verhalten der Soldaten. Anstatt im Wettkampf miteinander zu treten, wird alles geteilt, der bei Barnes Männern vermiedene Körperkontakt wird ausgiebig zelebriert. Die meisten Männer sind halbnackt und verschwitzt, wodurch eine homoerotische Komponente hinzugefügt wird. Die Männer singen, umarmen sich und tanzen Paartänze. Elias selber scheint das Gegenteil von Barnes zu sein. Er ist eher klein und schmächtig, weist keine Narben auf und wirkt etwas jungenhaft im Vergleich zu dem stämmigen Barnes. Ich möchte auf eine Szene genauer eingehen, in welcher die umsorgende Natur Elias sowie die homoerotischen Elemente dargestellt werden. Vor allem die Szene, in der Chris Rauch aus Elias’ Gewehr schluckt, wirkt durch äußerst nahe Kameraeinstellungen sehr intim, und Elias‘ Kommentar, das für Chris der „Bogen ab jetzt anders fidelt“ bestärkt die Szene in ihrer Zweideutigkeit .

Kubricks und Stones Bild der Männlichkeit im Vergleich
Die Absicht dieses Abschnittes des Filmes, welcher die beiden Lager direkt hintereinander vorstellt, ist die, zwei Tendenzen des männlichen Wesens darzustellen, welche laut Stone über das Verhalten der Person bestimmen. Männliche Aggression und weibliche Fürsorge gleichen sich idealerweise aus, doch im Krieg fehlt diese weibliche Seite, wodurch sich die Männer in zwei Lager spalten, um diese Bipolarität aufrechtzuerhalten. Doch können diese „weiblichen Männer“ lediglich weibliche Wesenszüge aufweisen, ihre Natur ist immer noch die des Mannes. So kritisiert Oliver Stone das Bild des Mannes in Kriegsfilmen wie Die Grünen Teufel, in welchen Männlichkeit mit Heldentum gleichgesetzt wurde. In Stones und Kubricks Filmen bedeutet Männlichkeit die Abwesenheit von Vernunft und Mitgefühl. Der „schwache“ Mann mit den weiblichen Wesenszügen muss mit sich hadern. Er weiß um die Amoralität seines Handelns und ist in einem ständigen Konflikt mit sich selbst.

Männlichkeit wird nicht als Stärke dargestellt, sondern als das verklärte und rückständige System von Männern, die nur im Krieg ein Talent und somit eine Bedeutung haben, nicht jedoch in einem gesellschaftlichen Umfeld. Der vermeintlich „schwache“ Mann kann die Erfahrungen in Vietnam zu seinen Gunsten nutzen. Während „echte Männer“ wie Barnes im Krieg entweder sterben oder zu Hause an ihrer Nutzlosigkeit zerbrechen, kann jemand wie Chris seine erlangten Fähigkeiten weiterhin einsetzen. Chris hat von beiden Seiten etwas gelernt. Er ist durch Barnes vom Jungen zum Mann gereift, jedoch nicht ohne die eher weiblichen Attribute von Elias mitzunehmen. So kommt der Mensch laut Stone im Idealfall aus dem Krieg zurück. Stanley Kubrick glaubt jedoch, dass der Mann von Geburt an beide Seiten besitzt, und der Krieg die eine nur verkümmern lässt. Die weibliche Fürsorge und Emotion wird ihnen quasi abtrainiert. Beide haben gemeinsam, dass sie an der puren Männlichkeit nicht viel Gefallen finden und die Grausamkeit des Krieges auch der Abwesenheit von Weiblichkeit zuschreiben.


Vorschau: Jungschauspieler gibt es viele, etliche davon haben großes Talent. Aber es gibt einen, der nicht nur in Inception überzeugen konnte, sondern noch mehr auf dem Kasten habt. Üm diesen Star geht es in der nächsten Woche.


Dieser Text stammt von unserem User Marti DiBergi. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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