Netflix' Mogli ist kein Disney-Film - und das ist verdammt gut so

Mogli - Legende des Dschungels
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Es gibt diese Filme, die etwas Neues versuchen, dabei aber nicht auf ganzer Linie überzeugen beziehungsweise von vorneherein dazu prädestiniert sind, ihr Publikum zu spalten. Mogli - Legende des Dschungels gehört sicherlich dazu. Eines der größten Probleme von Andy Serkis Passionsprojekt ist, dass es ganz automatisch an den bisherigen Disney-Verfilmungen der Dschungelbuch-Geschichte gemessen wird, obwohl es mit seinem düsteren Blickwinkels mit allen Kräften dagegen ankämpft. Der Mäusekonzern verwässerte einst die gar nicht mal so kinderfreundliche Buchvorlage und hielt auch 2016 mit Jon Favreaus Realverfilmung The Jungle Book weitgehend daran fest. Andy Serkis zeigt nun eine echte Alternative zum Disney-Kuschelmodus auf, wofür er gar nicht genug gelobt werden kann. Wenn Mogli bei Netflix tatsächlich untergehen sollte, dann also mit wehenden Fahnen.

Disney langweilt, Andy Serkis sucht das Risiko

In den letzten Jahren war Disney nicht nur dank seiner gekauften Franchises (den Flop Solo: A Star Wars Story ignorieren wir an dieser Stelle großzügig) so erfolgreich, sondern insbesondere auch deswegen, weil das Studio seine Zeichentrickklassiker als Live-Action-Remakes neu auflegte. Die Schöne und das Biest etwa avancierte zu einem weltweiten Megahit, während The Jungle Book mit einem Einspiel jenseits der 900 Millionen Dollar-Marke auftrumpfte. Aus wirtschaftlicher Sicht braucht sich Disney für diese Filme somit keineswegs entschuldigen und ohnehin spricht grundsätzlich nichts dagegen, beliebte Stoffe auf diese Weise an ein jüngeres Publikum heranzutragen. Inhaltlich zeigt Disney mit seinen Realverfilmungen jedoch regelmäßig keinen Mut zu größeren Veränderungen, niemand darf von Entscheidungen der Autoren vor den Kopf gestoßen oder womöglich gar durch unkonventionelle Appetithäppchen vom Kinobesuch abgehalten werden. Zuletzt bestätigte der Teaser-Trailer zu Der König der Löwen den kreativen Bankrott des Studios.

Doch stellen wir uns einmal vor, jener Dschungel, den Rudyard Kipling Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Erzählungen erschuf, wäre wieder ein erbarmungsloser Ort. Ein grüner Hexenkessel, in dem unkontrollierbare Kräfte rühren und dessen Bewohner heilige Gesetze brechen müssen, um ein neues Gleichgewicht zu erzwingen. Genau dieses Bild muss jetzt nicht mehr länger nur in unseren Köpfen existieren, denn Motion-Capture-Experte Andy Serkis hat es mit Mogli filmisch umgesetzt.

Probier's mal mit Gemütlichkeit? Nein, danke!

Der Regisseur macht sich nicht die Mühe, eine unbeschwerte Kindheit des Hauptcharakters auch nur anzudeuten, denn eben diese gibt es nicht. Mogli möchte den Wölfen angehören, schließlich kennt er als deren Adoptivkind auch gar nichts anderes. Doch kann er sich natürlich nicht so schnell fortbewegen wie die anderen aus dem Rudel und ganz nebenbei ist der Dschungel indirekt auch wegen ihm aus der Balance geraten, denn der Tiger Shir Khan hat es seit Jahren auf den Sonderling abgesehen. Als Mogli später unsanft in einem belebten Dorf landet, findet er sich in einem Käfig wieder, was den Zwiespalt der Figur treffend veranschaulicht: Wenn die Tiere aus dem Urwald ihn als Mensch betrachten und andere Menschen ihn wie ein Tier behandeln, wo gehört der Protagonist dann eigentlich hin? Kann für ihn so etwas wie eine Heimat überhaupt existieren?

Andy Serkis ist sichtlich bemüht, durch Mogli Fragen der Identitätsfindung aufzuwerfen und nimmt dabei in Kauf, sein Publikum zu verwirren: Erst will Mogli Wolf sein, dann freundet er sich mit dem Jäger John Lockwood an, dann rudert er wieder zurück, nachdem er den abgetrennten Kopf seines besten Freundes Bhoot im Lager entdeckt. Wenig verwunderlich sind am Ende Mensch und (Raub-)Tier im selben Ausmaß für das Dschungelchaos verantwortlich, womit das Werk ein kraftvolles Statement setzt. Zwar geht Disneys The Jungle Book von 2016 auf den ersten Blick einen ähnlichen Weg, indem Mogli im letzten Drittel ein Feuer-Inferno verursacht, doch tut der Junge dies unabsichtlich, während Lockwood aus Mogli ungefilterte Abgründe menschlicher Habgier und Erbarmungslosigkeit vor sich her trägt.

Mogli ist nicht perfekt, verdient aber trotzdem eure Aufmerksamkeit

Ein makelloser Film ist Mogli freilich nicht geworden, der finale "Deal" zwischen der Titelfigur und den geschundenen Dschungelbewohnern etwa wirkt überstürzt und konstruiert. Ausgerechnet im Bereich des Motion Capture - also Serkis' Spezialgebiet - hinterlässt das Abenteuer außerdem einen unrunden Eindruck, zumindest was diverse Nebencharaktere betrifft. Nicht zuletzt vermögen die starken Sprachdarbietungen von Benedict Cumberbatch oder Cate Blanchett das überzogene Spiel von Hauptdarsteller Rohan Chand kaum auszugleichen. Dennoch gehört Mogli unterm Strich zu jener Sorte Experiment, die ich gerne öfter sehen würde. Als Resterampe für risikobeladene Blockbuster erfüllt Netflix hier eine wichtige Funktion, denn wenn große Studios kein Vertrauen in ihre eigenen Filme haben, ist der Stream im Zweifel ein annehmbarer Kompromiss. Habe ich die Wahl zwischen einem langweiligen Disney-Aufguss auf der großen Leinwand und einem spannenden Netflix-Experiment, muss ich jedenfalls nicht lange überlegen.

Mit welchem Dschungelbuch könnt ihr mehr anfangen - der von Jon Favreau oder Andy Serkis?

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