Netflix löscht Folge: Der Rassismus-Verdacht gegen Community ist ein Fehler

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01.07.2020 - 17:00 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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Die #BlackLivesMatter-Bewegung sensibilisiert die TV- und Streaming-Landschaft verstärkt für Rassismus. Bei Community ist Netflix einen fragwürdigen Schritt gegangen.

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer Festnahme in Minnesota führte letzten Monat zu weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus und entfachte eine öffentliche Debatte über eine Umstrukturierung des Polizeiwesens. Den Forderungen von #BlackLivesMatter nach gesellschaftlichen Veränderungen wird verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt, die Bewegung dringt in verschiedenste Bereiche durch.

Auch die bekannten Streaming-Dienste sehen sich nun in der Pflicht. So nahm der US-Sender HBO neulich kurzzeitig Vom Winde verweht wegen rassistischer Inhalte aus dem Angebot von HBO Max und auch einige Serien-Macher wie z.B. die von Scrubs - Die Anfänger klopfen ihr Werk noch einmal ab. Eine von Netflix und Hulu vollzogene Maßnahme schießt derweil definitiv übers Ziel hinaus.

Von Netflix gelöscht: Ist diese Community-Folge rassistisch?

Im Fokus steht dabei die Episode Fat Neil schlägt zurück (im Original: Advanced Dungeons & Dragons) aus der 2. Staffel von Community, die von beiden Anbietern aus dem Sortiment gelöscht wurde. Die Protagonisten der Serie spielen hier eine Runde Dungeons & Dragons und der Charakter Ben Chang (Ken Jeong) schlüpft zu diesem Zweck in die Rolle eines so genannten Dunkelelfs mit weißer Perücke und schwarz angemaltem Gesicht.

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Die Bedenken zielen laut Deadline  auf die Maskerade Blackfacing, die in den USA eine lange Tradition hat. Durch jene Methode stellten weiße Schauspieler ab dem 18. Jahrhundert stereotype schwarze Figuren dar mit dem Ziel, afroamerikanische Sklaven der Lächerlichkeit preis zu geben. Dass so etwas heute nicht mehr tragbar ist, versteht sich von selbst.

Doch fällt die besagte Community-Episode wirklich in diese Kategorie? An der Stelle ist es sinnvoll, den Hintergrund von Changs Verkleidung mit einzubeziehen. Er verkörpert bei Dungeons & Dragons nicht einmal einen Menschen, geschweige denn einen Schwarzen. Ein Dunkelelf ist eine reine Fantasie-Figur und sein Verhalten im Rollenspiel forciert auch nicht auf sonstige Weise Vorurteile gegen eine reale Bevölkerungsgruppe.

Was bleibt, ist einzig das bemalte Gesicht. Der diskriminierende Charakter hingegen, der dem Blackfacing inne wohnt, ergibt sich traditionell erst im Zusammenwirken mit weiteren Faktoren. Natürlich erinnert der Dunkelelf aufgrund seiner bloßen Erscheinung daran, aber damit spielt Schöpfer Dan Harmon ganz bewusst. Shirley (Yvette Nicole Brown) nämlich reagiert in der Folge auf Changs Maskerade mit den Worten: "Also ignorieren wir diesen Rassismus einfach?"

Advanced Dungeons & Dragons selbst ist gerade nicht rassistisch, sondern ziemlich kluge Comedy, die die jetzige Reaktion von Netflix und Hulu schon mit verhandelt hat. Wenn wir nicht wenigstens versuchen, den Absichten der Macher auf den Grund zu gehen oder uns - noch schlimmer - vor jeglicher Ambivalenz verschließen, brauchen wir Komödien im Grunde gar nicht mehr. Denn Comedy ist ihrer Natur nach nicht moralisch.

Kunst und #BlackLivesMatter - ein Fass ohne Boden

Allerdings ist der Fall von Netflix und Community offensichtlich anders gelagert als HBOs Einschreiten bei Vom Winde verweht. Der Oscar-Abräumer und Kassenschlager mit Vivien Leigh mag als Klassiker gelten, wird jedoch seit Jahren vielerorts kritisch beäugt.

Die Romantisierung der Sklaverei im alten Süden der USA sowie das Bedienen von rassistischen Klischeevorstellungen findet in opulenten Bildern statt. Der Film versucht nicht einmal zu vertuschen, wofür er steht.

Vom Winde verweht

Dass Vom Winde verweht durch #BlackLivesMatter aktuell noch einmal diskutiert wird, erscheint daher grundsätzlich begrüßenswert. Mit Blick auf die Kunstfreiheit gelangen wir aber auch hier schnell an eine Grenze.

Würde eine inhaltliche Einordnung per Texttafel zu Beginn vielleicht genügen? Wo bleibt das Vertrauen in die Selbstverantwortung volljähriger Zuschauer, wenn ein Anbieter den Film stattdessen einfach entfernt? Die Protagonistin Scarlett O'Hara z.B. ist eine durchaus ambivalente Figur, die am Ende auch deshalb scheitert, weil sie an ihrem Stolz und ihren Idealen festhält. Setzt nicht schon das die ganze Südstaaten-Verklärung in ein entsprechendes Licht? Es ist kompliziert.

Andererseits: Vollkommen von der Bildfläche verschwinden kann ein Werk - und erst recht ein Monument wie dieses - in Zeiten des Internets sowieso nicht. Weil der Streisand-Effekt es so wollte, kroch der Film die Charts bei Amazon empor, nachdem HBO die rote Karte zückte. Der legale (und illegale) digitale Markt ist auf solche Begebenheiten bestens vorbereitet.

#BlackLivesMatter: I Am Not Your Negro streamen
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Tatsächlich hat HBO Max den Titel mittlerweile zurück ins Programm genommen, wie die New York Times  bestätigt. Dem Film ist jetzt ein vierminütiges Info-Video der Professorin Jacqueline Stewart vorgeschaltet, das eine historische Einstufung vornimmt und die Relevanz innerhalb der Filmgeschichte dem fraglichen Inhalt gegenüberstellt. Das ist eine umsichtige Lösung, die eigentlich allen Interessen gerecht wird.

Zensur bei Netflix und Co. wird den Rassismus nicht beenden

Dennoch sollte Zensur immer der letzte Schritt sein, auch wenn sie lediglich Anbieter-intern stattfindet. Rassismus als globales Problem verpufft nicht, wenn niemand mehr Vom Winde verweht schaut (vorausgesetzt, das wäre realistisch) oder Sender ihre Polizeiserien absetzen. Streaming-Dienste mögen unseren Alltag maßgeblich mitbestimmen, die Welt komplett verändern können sie trotzdem (noch?) nicht.

Wenn eine so diverse Serie wie Community plötzlich problematisch ist, sind es wahrscheinlich mindestens 90% aller anderen existierenden Produktionen auf irgendeine Art und Weise. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt. Der Blick nach vorne ist daher auf Dauer zielführender als der Blick zurück.

Für Netflix und Co. sollte das bedeuten: Schwarze und queere Künstler noch stärker fördern, ihnen noch mehr Raum für ihre Visionen zugestehen. Konstruktiv statt destruktiv denken. Den richtigen Umgang gibt es im Fall bestimmter Titel vielleicht gar nicht, die Möglichkeit besserer Filme in der Zukunft hingegen schon.

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Jenny, Max und Hendrik sprechen über die Klassiker aus den 90ern mit ordentlich Nostalgie-Potenzial, aber auch die Animations-Highlights aus den letzten Jahren - ausgenommen sind Anime. Diskutiert werden unter anderem Final Space, Love, Death & Robots und Undone.

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