Marvel's Inhumans - Das Problemkind des Marvel Cinematic Universe

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Marvel's Problemkinder, die Inhumans
02.10.2017 - 09:15 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Seit dem Kinostart von Iron Man im Jahr 2008 musste das Marvel Cinematic Universe nur wenige Niederlagen einstecken. Die ABC-Serie Marvel's Inhumans könnte jedoch die bisher größte Enttäuschung der gewaltigen Superhelden-Maschinerie sein.

Erinnert ihr euch nach an Der unglaubliche Hulk mit Edward Norton in der Hauptrolle? Der zweite Kinofilm des Marvel Cinematic Universe (MCU) startete 2008 nur wenige Monate nach dem überraschenden Erfolg von Iron Man, konnte den dadurch zuvor geweckten Erwartungen aber kaum standhalten. So erfolgreich sich der Drei-Phasen-Plan von Marvel (und später auch Disney) in den darauffolgenden Jahren offenbarte, darf nicht vergessen werden, dass der zweite Stein im Fundament eine überaus wackelige Angelegenheit war, die nachträglich mit einem Schauspielerwechsel sogar sehr unverblümt korrigiert wurde. Vom Hulk als Problemkind spricht seit Mark Ruffalos Debüt in Marvel's The Avengers niemand mehr. Stattdessen darf sich die frisch auf ABC gestartete Serie Marvel's Inhumans seit einigen Wochen mit dieser undankbaren Auszeichnung schmücken, die bisher erstaunlich wenige MCU-Produktionen inne hatten.

Dabei fing alles so verheißungsvoll an, als Marvel im Oktober 2014 die Roadmap des hauseigenen Cinematic Universe aktualisierte und ein Leinwanddebüt der Inhumans mit einem Kinostart im Zuge der dritte Phase ankündigte. Nachdem die namhaften Superhelden etabliert wurden, war das Wagnis der Nischenhelden geradezu verlockend. Nach der große Bekanntmachung wurde es jedoch erschreckend ruhig um das ambitionierte Projekt, bis zwei Jahre später ein langsamer Tod die königliche Inhumans-Familie dahingerafft hatte. Zum ersten Mal schien es so, als sei das unantastbare, unbesiegbare Franchise am Ende seiner eigenen Kräfte angelangt und müsse sich einen Fehler eingestehen und einem Realitätscheck unterziehen, wenngleich vergleichbare Projekte wie Ant-Man selbst nach dem kontroversen Ausstieg von Regisseur Edgar Wright ohne mit der Wimper zu zucken fortgeführt wurden.

Marvel's Inhumans

Die Auszeit der Inhumans war auch bloß von kurzer Dauer, denn Marvel und Disney hatten die Erfüllung von Fanträumen versprochen. Der schleichende Niedergang der Inhumans gleicht einem Hochverrat in diesem Konstrukt, in dem es vor allem darum geht, die Zuschauer zu verwöhnen. Die nachfolgende Ankündigung der Serien-Umsetzung stand somit gleichermaßen als Eingeständnis und Entschuldigung im Raum - und protzte mit den Reizen einer IMAX-Auswertung, die es so noch nie gegeben hat. Selbst im Angesicht einer Niederlage prophezeit das MCU eine Revolution, die angemessen zwischen Größenwahn und Ehrgeiz schwankt. Es ist womöglich das größte Problem von Hollywoods stärkster Franchise-Instanz: Der eigene Erfolg macht blind vor eigenen Fehlern - und zwar nicht vor denjenigen, die in der Vergangenheit gemacht wurden, sondern vor jenen, die sich bedrohlich am Horizont ankündigen und nun in Marvel's Inhumans zum Tragen kommen.

In einer Zeit, in der Serien (vermeintlich) alles können, macht die Abschiebung der Inhumans ins Fernsehen durchaus Sinn, ja, eröffnet mitunter ungeahnte Möglichkeiten. Mit etwas Abstraktionsdenken verwandelt sich so die reißerische Superhelden-Kulisse der Inhumans in ein Familiendrama mit Machtspielen und Intrigen, womit bereits die Königsdisziplin des Quality TV erreicht wäre. Doch an diesem Punkt beginnen bereits die Missverständnisse. Während es etwa den Marvel-Netflix-Serien gelungen ist, dank ihres mehr oder weniger unabhängigen Vorsprungs ihre eigene Verve zu entwickeln. Diese werden inzwischen als erkennbare Sub-Marke im ausufernden MCU-Betrieb identifiziert. Dahingegen bewegten sich die ABC-Marvel-Serien Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D., Marvel's Agent Carter und nun Marvel's Inhumans von Anfang an im Windschatten der Kinofilme. Sie schielten schüchtern zu den großen Vorbildern, während gleichzeitig unzählige andere, einschränkende Auflagen erfüllt werden mussten.

Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.

Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. surfte zu Beginn auf der gigantischen Erfolgswelle der Avengers mit und musste erst eine eigene Stimme entwickeln, um sein volles Potenzial entfalten zu können. Dieser Prozess hat jedoch eine ganze Staffel und damit zu lange gedauert und zu viele potentielle Zuschauer abgeschreckt. Mittlerweile ist nur noch ein - bemerkenswert hartnäckiger - Kern geblieben. Im Hinblick auf die abnehmenden Quoten ist die Verlängerung aus ABCs Perspektive allerdings kaum zu rechtfertigen, wäre da nicht das übergeordnete wie bestimmende MCU-Konstrukt, wofür eine Serie wie Marvel's Agent Carter schon immer zu abseitig war, um länger als zwei Staffeln mitgezogen zu werden. Dazu kommt die tragische Geschichte des Spin-offs Marvel's Most Wanted, das nie über das Pilot-Stadium herauskam. Eine Serie wie Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. sticht derzeit aus dem übrigen ABC-Programm, bestehend aus Familien-Komödien und Shondaland-Produktionen, wie ein Fremdkörper heraus.

Ausgerechnet auf diesem Boden sollen nun die Inhumans bei ABC fruchten, nachdem ihnen das Potential für die große Leinwand bereits abgesprochen wurde. Eine denkbar unglückliche Prämisse, die sich auch darüber hinaus den schlechten Vorzeichen beugen musste. Da wäre etwa Creator und Showrunner Scott Buck, der Anfang des Jahre mit der Umsetzung von Marvel's Iron Fist enttäuschte, was dazu geführt hat, dass er von sämtliche kreativen Posten abgezogen wurde. Das steigerte zwangläufig auch die Skepsis gegenüber Marvel's Inhumans. Im Sommer diesen Jahres folgte ein merkwürdig defensiver Auftritt im Zuge der TCA-Pressetour, bei der einzelne Ausschnitte mit fehlenden Bild- und Sound-Elementen präsentiert wurde. Doch selbst der Verweis darauf, dass es sich bei dem gezeigten Material noch lange nicht um das fertig Produkt handeln würde, konnte Marvel's Inhumans nicht vor der nächsten Katastrophe bewahren: die absolut groteske Veröffentlichungspolitik.

Marvel's Inhumans

Wie schon erwähnt, lockten Teaser, Trailer und Poster mit der Aussicht auf eine Auswertung in IMAX-Kinos rund um den Globus. Ja, das IMAX-Label nahm fast einen größeren Platz in der Marketingkampagne ein als die Vorstellung der Inhumans selbst. Anfang September feierten die ersten beiden Episoden schließlich in den USA ihre Premiere, während die hiesige IMAX-Auswertung heimlich, still und leise um zwei Wochen verschoben wurde und nur in zwei der lediglich drei IMAX-Kinos in Deutschland stattfand. Zu sehen gab es einen 75-minütigen Cut, der mehr IMAX-Bilder enthielt, insgesamt aber neun Minuten kürzer ist, als die ABC-Fassung. Das sollte den Eventcharakter steigern, führte jedoch zu noch mehr Irritation. Mehr bezahlen, um weniger zu sehen? Vor allem, wenn die visuelle Aufbereitung zusammen mit dem Leipziger Flughafen  den hässlichen Bodensatz des MCU markiert? Die Verhältnisse sind hier völlig außer Kontrolle geraten.

Marvel hat von Anfang hoch gepokert und kennt sich daher bloß in überdimensionalen Größen aus. Was im Kino hervorragend (nach Formel) funktioniert, lässt sich allerdings nicht problemlos ins Fernsehen übertragen und zündet erst recht nicht, wenn großspurig beide Kanäle zufriedengestellt werden sollen. IMAX verkommt von einer vielversprechenden Chance zum werberelevanten Aushängeschild ohne eigene Identität, und beugt sich schlussendlich dem Franchise-Branding als Zugpferd. Die Fanbase wird überschätzt und etwaige neue Zielgruppe können das Angebot nicht mehr entschlüsseln, da der rote Faden fehlt. Am Ende des Tages wirkt Marvel's Inhumans wie ein Produkt, das aus der Not heraus geboren, überstürzt umgesetzt und noch vor Veröffentlichung in den Sarg gelegt wurde. Wenn in ein paar Wochen die letzte Episode läuft, können es vermutlich selbst die Verantwortlichen nicht mehr erwarten, endlich den Deckel über diesen Sarg zu schieben.

Hier findet ihr unseren Serien-Check zum Auftakt von Marvel's Inhumans.

Konnte die Serien-Umsetzung von Marvel's Inhumans euer Interesse wecken?

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