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Aufreger der Woche

Männer & die Spezies der bedrohten Frauen in Cannes

25.05.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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© Filmfestspiele von Cannes/moviepilot
2012 waren Regisseurinnen am Filmwettbewerb von Cannes Mangelware. 2013 sollte alles besser werden. Dieses Jahr verkündete die Festivalleitung, sie hätte eine Frau auftreiben können. Mit Film!

Thierry Frémaux hat es geschafft. Er hat sich einer schier unmöglichen Aufgabe gestellt und sie gemeistert. Frémaux, der künstlerische Leiter des Filmprogramms beim Festival Cannes, gibt zwar zu bedenken, dass es kein einfaches Unterfangen war, denn es würden insgesamt nur wenige Filme von Frauen gedreht und dementsprechend wenige eingereicht werden, so der Franzose. Aber er und sein Team hatten trotzdem die Herausforderung angenommen und tatsächlich eine Frau samt Film an den Wettbewerb einladen können. Potzblitz!

Nun gut, eigentlich ist diese Tatsache alles andere als zum Lachen. Es ist das alte Lied über den traurigen Frauenanteil im und beim Film. Nur klang es selten so erschütternd wie heute. Und die neuesten Meldungen geben uns keinen Grund zur Hoffnung.

It’s a Man’s Man’s Man’s World
Neuesten Zahlen zur Folge wurden von den Top 100 der erfolgreichsten US-Filmen, die zwischen 2002 und 2012 produziert wurden, gerade mal 4,4 Prozent von Frauen gedreht. Mit Tendenz gen Süden! 1998 stammten noch 9% der Filme von Regisseurinnen, 2010 sank die Zahl auf 7% und 2011 schließlich auf deprimierende 5% – und das, obwohl von Jahr zu Jahr mehr Frauen mit einem Filmstudium beginnen. Es grenzt an ein Wunder, dass in 65 Jahren überhaupt einmal eine Frau die Goldene Palme gewann. Jane Campion 1993 für Das Piano. Beim Oscar sind es – die Academy hatte schon immer eine Schwäche für das schwache Geschlecht – ganze vier Regisseurinnen, die den nackten Goldjungen mit nach Hause nehmen durften. Diese Tendenz macht aber nicht nur bei Filmemacherinnen halt, sondern greift auch auf andere Filmberufe über. Vor drei Jahren wurden noch 32, 8% aller Sprechrollen der Top 100 der erfolgreichsten US-Filme des Jahres von Frauen gespielt. 2012 waren es nur noch 28,4% – trotz Blockbustern, die auf Frauenpower bauten wie Die Tribute von Panem – The Hunger Games, Brautalarm oder Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 2.

Aber es kommt noch besser. Entgegen der Demokratisierung des Filmjournalismus’ durch das Internet, schrumpfte in den letzten sechs Jahren die Anzahl der Filmkritikerinnen auf besorgniserregende Werte. Im Herbst 2007 stammten noch 30% der auf Rottentomatoes eingetragenen Filmrezensionen von weiblichen Kritikern. Im Frühling 2013 dagegen waren es nur noch 18%. Also, kurzer Blick in die Kristallkugel auf den Filmfestivalalltag der Zukunft: Männer rezensieren Filme von Männern mit und über Männer. Hmmm, klingt irgendwie vertraut.

Yes, Cannes can’t
Das weltweit bedeutendste Filmfestival hat im Jahr 2013 nach Christus eine einzige Regisseurin ins Wettbewerbsprogramm aufgenommen. Natürlich, in Anbetracht zum Vorjahr eine Steigerung um 1. Aber dass Alice Schwarzer deswegen keine Purzelbäume schlagen wird, liegt auf der Hand. Die Begründung am Anfang dieses Aufregers ist übrigens O-Ton aus dem Mund des künstlerischen Leiters von Cannes. “Es würden insgesamt nur wenige Filme von Frauen gedreht und dementsprechend wenige eingereicht werden”. In der Sektion “Un certain régard” würden jedoch Filme von weiteren Regisseurinnen laufen, beispielsweise von Sofia Coppola, Claire Denis oder Rebecca Zlotowski. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Regisseurinnen ihre Filme an die Côte d’Azur schickten und abgelehnt wurden. Aber es gibt eine andere, kleine Zahl, die ganz interessant erscheint. Das Sundance Filmfestival, auch kein No-Name unter den Filmfestspielen, kam zwischen 2002 und 2012 auf eine Beteiligung weiblicher Regisseure von fast 25%.

Keiner von uns muss ein Feminist sein, um zu erkennen, dass dringend ein Generationenwechsel in der Filmbranche stattfinden muss, um den Sinkflug endlich zu stoppen. Das weibliche Publikum generiert 50% der Kinoeinnahmen und das nicht erst seit Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen. Dennoch werden weiße, heterosexuelle Männer von den weißen, heterosexuellen Produzenten scheinbar als die einzig lukrative Zielgruppe angesehen. Es kommt wirklich noch so weit, dass wir für jeden einzelnen Film, der von einer Frau gedreht wurde und an einem Festival gezeigt wird, dankbar sein müssen. Für Filme wie Ein Schloss in Italien von Valeria Bruni Tedeschi, dem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag in Cannes, sogar doppelt und dreifach, da der Film nicht bloß von einer Frau gedreht wurde, sondern auch das Drehbuch, Schnitt, Kamera und Produktionsdesign aus weiblicher Hand stammt.

Heiglmund tut Facepalm kund
Ich glaube, es gibt ein Sprichwort, das besagt, dass kein ernstzunehmender Autor auf keinen Fall, unter keinen Umständen einen Artikel über Gleichberechtigung mit einem Katherine Heigl Zitat abschließen dürfe. Wenn nicht, wäre es längst überfällig. Dennoch will ich es riskieren, als Mahnmal für uns alle. “Bei den Regisseuren dominieren tatsächlich noch immer eindeutig die Männer. Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Vielleicht haben Frauen ganz einfach keine große Lust auf die Regie! (lach)” – Triple Facepalm

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